Den richtigen Zeitpunkt für Käufe und Verkäufe am Aktienmarkt zu treffen, ist Gold wert und schon die Aussicht, in der Mehrheit der Fälle fast richtig zu liegen, wäre verlockend. Vor allem auch deshalb, weil mit der «Buy-&-Hold-Strategie» wohl in den 90er-Jahren, nicht aber in der vergangenen Dekade Geld zu verdienen war.

Nach wie vor ziehen die meisten Aktionäre für die Auswahl und das Timing dazu aber fundamentale Kriterien heran. Sie stehen auch in den Wirtschaftsmedien im Vordergrund: Wie entwickelt sich der künftige Gewinn des Unternehmens, und in welcher Relation steht dieser Gewinn zum aktuellen Wert der Aktie?

Selbsterfüllende Prophezeiung

Den «technischen» Analysten interessieren diese Fragen jedoch nicht im Geringsten. Stellen Sie sich vor, Sie sitzen allein in einem abgedunkelten Raum, ohne Fernseher, ohne Radio, ohne Zeitung. Die einzigen Informationen, die Sie erhalten, sind historische und aktuelle Preise zu Aktien und Börsenindizes. Diese Kursgrafiken haben für den «Chartisten» dieselbe Aussagekraft wie Röntgenbilder für einen Chirurgen.

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Das Instrumentarium der Analyse von Kursgrafiken ist breit. Allerdings sind gerade die einfachen Techniken recht effektiv. Dazu gehören Unterstützungslinien und Widerstandslinien: Prallt ein sinkender Kurs mindestens zwei Mal an einer Marke ab, so entsteht daraus eine Unterstützung. Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass der Kurs künftig erneut bei dieser Marke abbremst.

Wie wertvoll die Analyse von Kursgrafik-Mustern ist, darüber wird munter gestritten. «Chartlesen ist eine Wissenschaft, die vergeblich sucht, was Wissen schafft», meinte vieldeutig der Börsenexperte André Kostolany. Die Berücksichtigung der Charttechnik in der Aktienanalyse steht möglicherweise auch mit dem Glauben im Zusammenhang, dass sich Muster der Vergangenheit in der Zukunft wiederholen. Da eine erhebliche Zahl von Akteuren diese Formationen beachten, ergibt sich daraus eine selbsterfüllende Prophezeiung. Konkret: Wenn viele limitierte Kaufaufträge knapp über der kritischen Unterstützungslinie platziert werden, ist die Chance hoch, dass der Kurs wieder ansteigen wird.

Dennoch: Obwohl die Preisfestsetzungen für Aktien und indirekt der Indizes Resultat eines Zusammenspiels einer Vielzahl von Faktoren sind, lassen sich trotzdem eindeutige Preistrends beobachten. So zeigten die Börsenindizes seit dem Mehrjahrestief im März 2009 bis Ende April 2010 einen fast perfekten Aufwärtstrend. Wenn die kurzfristigen Hochs sowie die Tiefs miteinander verbunden werden, ergibt sich ein klarer Trendkanal. Die untere Linie dient als Signal für Käufe, die obere Linie für Verkaufssignale. Gerade innert Jahresfrist konnte mit solchen Trendfolgemodellen viel Geld verdient werden.

Mehrere Disziplinen anwenden

«Scharlatanerie, Hokuspokus!», schimpfen die Anhänger der Theorie effizienter Märkte über die Charttechnik. Alle Informationen seien jederzeit im Aktienkurs enthalten», so lautet etwa das Credo von Finanzmarkt-Professor Erwin Heri, dem Schweizer Vertreter der Random-Walk-Theorie, die Aktienprognosen als wertlos erachtet.

Doch zum einen gibt es die erwähnten Kurstrends, zum anderen ist der Zugang zu Informationen über eine Firma nicht für alle gleich. Insider oder intime Kenner der Firma sind versucht, bei einer positiven Neuigkeit sofort darauf zu reagieren und Aktien zu kaufen. Die zusätzliche Nachfrage erhöht den Preis und das Volumen. Wer solche Impulse entdecken will, sollte neben den Preistrends die Volumenentwicklung beachten. Insider, Grossinvestoren wie auch institutionelle Investoren können aufgrund ihres Gewichts sehr wohl die Kurse treiben oder drücken. Die Charttechnik protokolliert solche Bewegungen. Aktionäre, die schliesslich die traditionelle Aktienbewertung mit der Charttechnik und den neuesten Erkenntnissen der Börsenpsychologie verbinden, sind wahrscheinlich am besten bedient: So weist die fundamentale Analyse hinsichtlich Gewinn, Umsatz und Buchwert im Verhältnis zum Marktpreis auf Unter- und Überbewertungen hin. Panik und Euphorie an den Börsen widerspiegeln sich an den technischen Werten wie Volatilität. An Tagen des Ausverkaufs und des Richtungswechsels (Reversal/Climax) bieten sich günstige Einstiegschancen.