Evan Dooley hat nicht nur seinen Job verloren, er hat auch seinen Ruf als Händler ruiniert. Der Händler des US-Brokers MF Global hatte vor kurzem über 141 Mio Dollar an einem einzigen Tag verspekuliert. Noch schlimmer allerdings: Dooley hat das Kunststück hinbekommen, das Geld im boomenden Weizenmarkt zu versenken. Der passionierte Glücksspieler hatte auf fallende Weizennotierungen gesetzt, nachdem diese schon monatelang an Wert gewonnen hatten. Pech nur, dass der Weizenpreis entgegen Dooleys Erwartungen gestiegen ist.

Beinahe täglich erklimmen die Bodenschätze neue Höchststände. Der Preis für Rohöl kletterte mit über 105 Dollar auf ein neues Allzeithoch, Gold war mit knapp 1000 Dollar so teuer wie noch nie und Reis ist so kostbar wie seit 20 Jahren nicht mehr. Während die Aktienmärkte weltweit unter Druck sind, beweisen die Bodenschätze ihre Überlegenheit in Sachen Gewinn.

Nach sieben Jahren Bullenmarkt und den dicken Gewinnen der vergangenen drei Monate wittern einige Experten aber die Gefahr, dass nach der Internet- und der Immobilien- nun eine Rohstoffblase drohe. «Insgesamt kommt mir der Anstieg bei den Rohstoffen in diesem Jahr verdächtig vor», sagt etwa Jan Poser von der Privatbank Sarasin, «wir können von einer Blasenbildung sprechen.» Und sein Kollege Kyle Cooper, Forschungschef bei der Energieberatungsfirma IAF Advisors, erklärt: «Die Rally basiert längst nicht mehr auf den fundamentalen Fakten des Markts.»

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Hohe Schwankungsanfälligkeit

Das hat in der Geschichte schon häufiger zu eklatanten Rückschlägen auf dem Rohstoffmarkt geführt, der ohnehin berüchtigt ist für seine hohe Schwankungsanfälligkeit. Doch vergangene Verluste spielen angesichts der sprudelnden Kursgewinne in der Gegenwart nur eine untergeordnete Rolle. So ist der breit aufgestellte Reters-Jefferies-CRB-Index, der 19 der wichtigsten Rohstoffe umfasst, allein im Februar um 13% gestiegen, so stark wie seit 1974 nicht mehr. Zum Vergleich: Der Aktienindex MSCI Welt verlor im gleichen Zeitraum 2%.

Rohstoffprodukte sind in Mode. Immer mehr Derivate werden auf Indizes oder einzelne Rohstoffe emittiert, immer mehr Hedge-Fonds und Pensionskassen springen auf den Zug. Seit dem Jahr 2000 hat sich die in Rohstoffinvestments gebundene Summe von 10 Mrd Dollar auf 175 Mrd mehr als versiebzehnfacht. Und allein im Januar dieses Jahres sind nach Angaben von Barclays 3 Mrd Dollar in den Sektor geflossen, doppelt so viel wie noch vor einem Jahr.

Überbordende Euphorie

«Die Milliardenzuflüsse zeigen vor allem in marktengen Sektoren die grösste Wirkung. im Edelmetallsegment sind der Anteil und die Wirkung spekulativer Investoren sehr hoch», meint Wolfgang Wrzesniok-Rossbach, Leiter für Marketing und Sales beim deutschen Edelmetall- und Technologiekonzern Haereus. Nirgendwo anders zeigt sich der Einfluss privater Investoren so stark wie hier. So wäre der Goldpreis schon längst unter Druck, wenn nicht Investoren die nachlassende Nachfrage der Schmuckindustrie mehr als ausgleichen würden.

Auch bei Öl und den Industriemetallen wie Kupfer herrscht seit Januar überbordende Euphorie. Und das trotz der eher schlechten Konjunkturaussichten weltweit. Das Wirtschaftswachstum in den USA und Europa kühlt sich ab, die negativen Konsequenzen der Subprime-Krise auf die exportabhängigen asiatischen Volkswirtschaften sind noch längst nicht abzusehen.

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Experten sprechen längst von einer historischen Anomalie. In den vergangenen 25 Jahren haben sich Bodenschätze stets zyklisch verhalten. Soll heissen: Kupfer, Öl und Co. sind immer dann unter Druck geraten, wenn die Weltwirtschaft sich abkühlte. Doch diesmal nicht. «Die Rezessionsgefahren und somit die mögliche Abschwächung der Nachfrage werden von den Marktteilnehmern weiter ignoriert», meint Frank Schallenberger, Rohstoffexperte bei der Landesbank Baden-Württemberg.

Wann der Rally die Luft ausgeht, ist ungewiss. «Es kann theoretisch noch sehr lange dauern», meint Poser. Wrzesniok-Rossbach nimmt an, dass im 2. Halbjahr 2008 die Stimmung etwa bei den Edelmetallen kippen könnte.

 

 


Paralellen zum Gold-Hype von vor 30 Jahren

Ende der 70er Jahre gab es schon einmal einen Rohstoff-Hype. Vor allem der Preis für Gold stieg gewaltig an. Kostete eine Unze 1973 noch 100 Dollar, waren es 1978 schon 200 Dollar, Anfang 1979 schliesslich 300 Dollar. Dann der Exzess: Bis zum 21. Januar 1980 ging es auf 850 Dollar hoch.

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Zeitweise wurde der Handel eingestellt, weil die Verkäufer fehlten. Für Münzen gab es sechs Monate Lieferfrist, Kleinanleger liefen von Bank zu Bank, um etwas zu ergattern, und in Warenhäusern wurden für Silberbesteck Tagespreise ausgerufen.

Der Goldpreis hatte sich von der ökonomischen Entwicklung der Welt abgekoppelt. Der Exzess war mit den geringeren Goldverkäufen der Sowjets, dem Stopp der Goldauktionen des US-Schatzministeriums und den starken Goldkäufen der Ölstaaten nicht mehr zu erklären. Auch Hilfsargumente, wie die Angst vor einer Eskalation der Krisen in Afghanistan und Iran, und die Furcht vor einer Hyperinflation wurden nur noch belächelt. «Der Goldmarkt ist verrückt geworden», urteilte der Ökonom Paul Samuelson damals schlicht. Teilschuld an den Auswüchsen hatten auch Zocker, die bereits 1979 im grossen Stil Leerverkäufe getätigt hatten und sich dann panisch mit Gold eindecken mussten, weil der Preis nicht fiel.

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Nach dem 21. Januar jedoch ging es schnell abwärts, obwohl die damals bekannten Anlageberaterinnen Pamela und Mary-Ann Aden schon einen Unzenpreis von 3750 Dollar erwartet hatten. Bis 1982 fiel der Preis klar unter 400 Dollar. Aber die befürchtete Hyperinflation blieb aus. Weltweit stiegen die Zinsen, Anleihen und Aktien wurden interessanter als das zinslose Gold. Dazu drückten Regierungen und Zentralbanken mit Verkäufen massiv den Kurs. (hz)