Das Börsenjahr 2008 wünschen sich wohl nur wenige Investoren zurück. Doch zumindest was die Rohstoffmärkte angeht, könnte das vergangene Jahr eine Art Blaupause für 2010 abgeben. Das ist zumindest die Meinung dreier Analysten der US-Investmentbank Goldman Sachs.

Schlechte Zeiten für Exporteure

Anthony Carpet, Laura Conigliaro und Robert Boroujerdi haben einen Blick auf die aktuelle Datenlage und in die nahe Zukunft gewagt. Ihre aufsehenerregende Schlussfolgerung: «Wir erwarten eine Wiederkehr der Situation von 2008, als verschiedene Angebotsengpässe zu stark steigenden Preisen geführt haben.» Profiteure dieser Entwicklung dürften nach Berechnungen des Goldman-Sachs-Teams eine ganze Reihe von Unternehmen sein. Dagegen wären vor allem exportlastige Volkswirtschaften wie Japan oder auch die Schweiz Leidtragende steigender Rohstoffnotierungen.Der derzeitige Aufschwung an den Rohstoffmärkten, so die Goldman-Analysten, sei erst der Beginn einer Rally, die noch extremer ausfallen werde als viele Preisanstiege zuvor. Grund: «Die Realität ist, dass das Rohstoffproblem der Angebotsknappheit geschuldet ist, die auf zu niedrigen Investments in den vergangenen Jahren beruht.» Diese Situation habe sich durch die Finanzkrise nur noch weiter verschärft.

Hausse nicht nur spekulativ

Tatsächlich sind infolge des Nachfrage- und Preiseinbruchs und der schwierigen Kreditaufnahme viele neue Projekte gestoppt worden. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur IEA gibt es derzeit einen Investitionsstau in der Ölexploration, der sich auf rund 10% des Weltverbrauchs beläuft. Kleine und mittelgrosse Explorationsunternehmen bekommen kaum noch Mittel für neue Projekte. Die Folge: Bisher wurden Vorhaben mit einem geplanten Ausstoss von über 6 Mio Barrel pro Tag verschoben oder abgesagt.

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Ähnliches gilt für den Bergbau: Nach Berechnungen der Unternehmensberatung McKinsey wird sich das Investitionsvolumen in den Jahren 2009 und 2010 allein bei den Minenfirmen um 157 Mrd Dollar glatt halbieren. Um Kosten zu sparen, sind zudem viele Minen geschlossen worden. Die Produktionskürzungen betragen Schätzungen zufolge zwischen 70% bei Chrom und 10% bei Kupfer, Zink, Nickel und Platin. Somit ist trotz der weltweiten Wirtschaftsflaute die Auslastung der Rohstoffproduzenten auf dem Niveau von 2007? ein Jahr, bevor die Rohstoffrally ihren bisherigen Höhepunkt erreicht hatte. Und die neuerlichen Preissteigerungen bei Kupfer, Öl und Zink der vergangenen Monate von bis zu 100% sind nicht nur spekulativer Natur. Vor allem die globalen Konjunkturprogramme feuern den Bedarf an, meint Simon Grenfell, Chef Rohstoffsparte der Deutschen Bank in Asien. Seiner Meinung nach könnten die Milliardenhilfen in den kommenden Jahren zu einem sogenannten «Super-Spike» (Super-Spitze) auf den Rohstoffmärkten führen. Vor allem die hohe Nachfrage aus China erstaunt. Vergangene Woche überraschte das Reich der Mitte mit neuen Rekordimportzahlen. Die chinesischen Eisenerzimporte etwa sind letzten Juli um 5% auf ein neues Rekordniveau gestiegen.

Insgesamt hat das Milliardenreich in den ersten sieben Monaten dieses Jahres knapp 32% mehr Eisenerz als im Vorjahr importiert. Die Rohölimporte lagen um 42% höher als noch 2008, was dem stärksten Anstieg seit fünf Jahren entspricht. «Chinas Durst nach Öl lässt nicht nach», erklärt Olivier Jakob, Direktor der Energieberatungsfirma Petromatrix in der Schweiz. «Ein langfristiger Investor mag sich fragen, wie hoch Chinas Ölkonsum wohl sein wird, wenn die Weltwirtschaft erst wieder anzieht.»

Erneut extreme Schwankungen

Bei einem breiten Aufschwung könnte «der Ölpreis zeitweise auf über 100 Dollar je Fass steigen», meint John Coyle, Fondsmanager des Schroder ISF Global Energy. Doch Coyle erwartet vor einem neuerlichen Preisboom erst einmal einen Rückschlag, den er mit der Rally der US-Währung erklärt. Die in Dollar gehandelten Rohstoffe sind stark von Währungsänderungen des «Greenback» abhängig.

Auch Eugen Weinberg, Rohstoffexperte bei der Commerzbank, warnt jetzt. Grund: China habe durch die Bereitstellung immenser Liquidität einen Anstieg der Preise ausgelöst. Eine Kürzung der neuen Kreditvolumina könne «eine Trendwende am Rohstoffmarkt» einleiten. Und wie extrem die Preisschwankungen bei Kupfer, Öl und Mais sein können, haben Anleger schon am eigenen Leib miterleben müssen - im Jahr 2008.