Als Antrittsgeschenk erhielt der neue Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann von seiner Amtsvorgängerin eine Flasche Wein und eine Suisse ID. Die Geste war mehr als nur ein Symbol: Doris Leuthard war die treibende Kraft hinter dem mit 25 Millionen Franken Fördergeld bedachten Konjunkturbelebungsprojekt des Bundes. Und wollte vor ihrem Abgang sicherstellen, dass die Idee mit der elektronischen Identitätskarte nicht ganz versandet.

Seit der Einführung letzten Mai kommt Suisse ID nicht recht vom Fleck. 2010 wurden insgesamt gerade mal 270 000 Suisse-ID-Sets verkauft. Der Grossteil ging an Behörden oder auch an die Bauern, die ihre Direktzahlungen nur noch via die digitale Identitätskarte abrechnen können. Privatpersonen orderten bloss 21 000 Karten. Denn kommerzielle Anwendungen sind Mangelware. Eine magere Ausbeute für ein Multimillionenprojekt.

Schneider-Ammann war dagegen

Nun überlegt sich die Finanztochter der Post, das E-Banking auf Suisse ID umzustellen. Damit würde das Staatsunternehmen das Staatsprojekt urplötzlich wiederbeleben. In einer kommunikativen Kehrtwende streitet die PostFinance zwar die anfänglich gegenüber der «Handelszeitung» geäusserten Absichten inzwischen ab, alle 1,2 Millionen E-Banking-Kunden mit der neuen digitalen Identität auszustatten. Dies, obwohl der Informatikchef das Gleiche im Dezember öffentlich hatte verlauten lassen. Immerhin so viel sagt Postfinance noch: Die Einführung eines auf Suisse ID basierenden USB-Sticks mit einem besonders sicheren Browser sei «eine Option».

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Das könnte dem Bund einen Millionenflop ersparen. Zieht PostFinance mit, könnten andere Banken bald auch Suisse ID zum Login ins Online-Banking nutzen, ist in Branchenkreisen zu erfahren.

Das würde viel Druck vom Bund nehmen. Denn auf die Idee von 2009, im Rahmen dreier Konjunktprogramme auch im Internet eine effiziente Infrastruktur bereitzustellen, hagelte es damals Kritik. «Es bewirkt keine zusätzlichen Investitionen und in der Folge keine Multiplikatoreffekte», so der damalige Nationalrat Schneider-Ammann. Das Geld werde konsumiert, verpuffe. Notabene ist er es heute, der das Projekt verteidigen muss.

Die Ziele klar verfehlt

Bislang schienen die kritischen Stimmen recht zu behalten. Denn obwohl jedes Suisse-ID-Set mit 65 Franken subventioniert wurde, harzte der Absatz. Bei Swisscom, dem Suisse-ID-Anbieter für Grosskunden, liegt der Absatz im Rahmen der Erwartungen. Es handle sich um eher bescheidene Volumen, ergänzt das Unternehmen. Das rühre daher, dass es meist ein bis zwei Jahre daure, bis sich ein Grosskunde für den Einsatz einer neuen Technologie entschieden habe. Für viele war es daher wenig überraschend, dass das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) vor Kurzem bekannt gab, dass im letzten Jahr die avisierten 300 000 Sets nicht abgesetzt werden konnten.

Das soll nun anders werden. «Bereits im vergangenen Jahr haben verschiedene Banken ihr Interesse am Suisse-ID-System bekundet», sagt Christian Weber, Projektleiter für Suisse ID beim Staatssekretariat für Wirtschaft. Um von den Subventionsgeldern zu profitieren, war der Einführungszeitraum von Mai bis Dezember 2010 für die Geldinstitute jedoch zu knapp, um ihre Systeme bereits umstellen zu können.

Laut dem Zürcher Software-Unternehmen Crealogix sind zudem derzeit mehrere auf Suisse-ID-basierende Login-Systeme in Vorbereitung. Das Unternehmen rüstet mehrere Kantonalbanken und die Raiffeisen-Banken mit E-Banking-Systemen aus. Crealogix ist davon überzeugt, dass sich Suisse ID sehr für das Login-Verfahren eigne, da dieses für den Benutzer einfacher wird. «Für den Durchbruch braucht es aber weitere Endkunden-Anwendungen, bei welchen die Suisse ID einfach eingesetzt werden kann und zusätzlichen Nutzen bringt», so die Softwarefirma. Das E-Banking könne zwar ein Treiber sein. Aber auch Hersteller anderer Anwendungen sollten sich mit dem Thema auseinandersetzen und dazu beitragen, dass Suisse ID ein Erfolg werde.«Wir erwarten die aussichtsreichsten Anwendungen von Suisse ID dort, wo ein regelmässiger Behördenkontakt erfolgt oder wenn Unternehmen den Zugriff ihrer Kunden und Mitarbeiter authentifizieren wollen», sagt Daniel Messerli, seinerseits Sicherheitsexperte beim auf Zahlungslösungen spezialisierten Zürcher Informatikunternehmen Ergonomics. Die Firma arbeitet bereits an Suisse-ID-Projekten, allerdings nicht im E-Banking-Bereich. Dennoch rechnet Messerli nicht damit, dass sich Suisse ID wirklich grossflächig durchsetzen wird.

«Banken werden sehr genau prüfen, ob sie auf Suisse ID als E-Banking-Lösung setzen können», sagt Messerli. Ein Gerät wie Suisse ID, das an einen Computer gesteckt wird, sorge für mehr Support-Anfragen als die weniger störungsanfälligen separaten Kartenlesegeräte mit Nummernblock. Zudem würden Finanzdienstleister lieber eine Eigenentwicklung einsetzen, als eine von einem bundesnahen Verein getragene Lösung zu verwenden, gibt Messerli zu bedenken. Dazu passt, dass sich in den vergangenen Monaten die Grossbank UBS für neue Authentifzierungs-Systeme von unabhängigen Anbietern entschieden hat.

Ärger ist programmiert

Doch beim Staatssekretariat für Wirtschaft macht man weiter auf Optimismus und rechnet weiter mit einem Durchbruch. «Mittel- bis langfristig halte ich eine grossflächige Verbreitung der Suisse ID für realistisch», sagt Weber. Er hofft auf einen Mengeneffekt: Je mehr Schweizer über eine Suisse ID verfügen würden, desto interessanter werde das System für Anwendungsanbieter, ob sie nun aus dem Bereich E-Commerce, E-Government, oder E-Health stammen. Und die neuen Anwendungsmöglichkeiten würden wiederum neue Kunden anziehen.

Doch das Seco schaut bereits weiter in die Zukunft. Die neue Generation der Schweizer Identitätskarten könnte etwa wahlweise bereits mit einem Suisse-ID-Chip ausgerüstet werden. Ebenfalls denkbar sei es, Suisse ID zusammen mit der Krankenversicherungskarte auszuliefern. Mit den Anbietern der Krankenversicherungskarte haben erste Gespräche stattgefunden, heisst es beim Seco.

Immerhin: Auch Bundesrat Schneider-Ammann sei inzwischen von Suisse ID überzeugt, heisst es im Bundeshaus.