Umfragen zufolge ist das Anlegervertrauen in den letzten Wochen massiv gesunken – vorab wegen der Lage der Schwellenländer. Wird jetzt nochmals in grossem Stil Vermögen aus diesen Märkten abgezogen?
Heinz Rüttiman:
Die Abflüsse aus Schwellenländer-Investments dauern nun schon 21 Wochen an. Das ist die längste Phase seit Ausbruch der globalen Kreditkrise 2008, die sich für diese Märkte beobachten liess. Insgesamt wurden rund 4 Milliarden Dollar abgezogen. Wir glauben jedoch nicht, dass nochmals eine solche Durststrecke bevorsteht.

Wieso?
Vieles hängt derzeit von den Entwicklungen in China ab, die das Verhalten der Investoren direkt beeinflussen. Die schwächeren Konjunkturdaten, Firmenpleiten und das Schattenbank-System in der Volksrepublik bereiten den Anlegern Sorgen. Die chinesische Regierung steht vor dem Dilemma, das Wachstumsziel von 7,5 Prozent für 2014 zu erreichen und gleichzeitig tiefgreifende Strukturreformen durchzuführen. Gerät das Wachstumsziel in Gefahr, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Regierung Gegenmassnahmen trifft. Dies wiederum sollte sich positiv auf den Aktienmarkt auswirken.

Die Börsianer befürchten ja, Chinas Wirtschaft sei der Regierung bereits aus dem Ruder gelaufen. Zu Recht?
Das glaube ich nicht. Meiner Meinung nach hat der Staat genügend Hebel in der Hand – etwa über die Währungs-, Fiskal- und Geldpolitik –, um die eine oder andere Richtung zu verfolgen.

Weiter unberechenbar präsentiert sich die Lage auf der Krim. Mit dem Ausschluss Russlands aus der G8-Gruppe spitzt sich die Lage nochmals zu. Rechnen Sie mit einer Eskalation?
Russland muss sich vorsichtig bewegen – eine Annexion etwa der Ostukraine würde sicher zur Eskalation führen.

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Die amerikanische Bank Morgan Stanley etwa sieht die Krim-Krise auf Russland zurückfallen: Der dortigen Wirtschaft drohe die Rezession. Ein glaubhaftes Szenario?
Wirtschaftliche Massnahmen des Westens gegen die zehn grössten russischen Konzerne würden vermutlich ausreichen, um das Land in eine Rezession zu stürzen. Die russische Wirtschaft schwächelt seit Jahren. Aufgrund der Krim-Krise sackte nun die Währung ab. Die Zentralbank musste die Zinsen erhöhen. In einem solchen Umfeld werden inländische und ausländische Investitionen natürlich auf Eis gelegt. All dies ist negativ für die russische Wirtschaft.

Umgekehrt könnte eine Vergeltungsaktion Russlands Europa empfindlich treffen. Was hiesse das für die osteuropäischen Schwellenländer, die sich zwischen Hammer und Amboss befinden?
Tatsächlich hängt der Entscheid für ein Investment in Osteuropa wesentlich an der Erholung der EU. Der bisherige Aufschwung wurde denn auch von den Exporten in die EU getragen. Wird diese Erholung durch die Folgen der Krim-Krise behindert, ist das fatal für die osteuropäischen Märkte. Mehr als 70 Prozent des Handels dieser Region gehen Richtung EU; dagegen betragen die Exporte nach Russland 5 Prozent und jene in die Ukraine nur 3 Prozent. So oder so wäre es für die Märkte klar negativ, wenn der Konflikt zwischen Europa und Russland eskaliert.

Wenn nicht – welche Chancen bieten sich?
Osteuropa ist ein konträres Investment. Polen und die Tschechische Republik bieten neben Ungarn die meisten Anlagemöglichkeiten mit interessanten Dividendenrenditen. Für 2014 sind die Gewinnerwartungen zu tief angesetzt. Aufgrund der besseren Inlandnachfrage könnte es positive Überraschungen geben.

Welche weiteren Schwellenmärkte sind aus Ihrer Sicht attraktiv?
Einzelne der sogenannten Frontier-Märkte sind einen Blick wert. Vietnam etwa hat in den letzten sieben Jahren zwei Zahlungskrisen durchlebt, der makroökonomische Ausblick ist aber positiv. Das Wirtschaftswachstum nimmt wieder zu und Gewinndynamik und Profitabilität der Firmen haben sich verbessert.