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Venture Capital
Saat für die Zukunft

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Venture Capital In der Schweiz mangelt es an Geld zur Start-up-Finanzierung. Zwei Initiativen wollen das nun ändern.

Von Roberto Stefano
2014-05-07

Gian-Franco Salvato hatte sechs Minuten Zeit. Diese Frist musste reichen, um den Investoren am Swiss Venture Day die Idee von Attrackting schmackhaft zu machen. Sein Start-up hat sich der Lokalisierung von Objekten verschrieben. Mit Kaddz, einem intelligenten Halsband für Katzen, und einer Mo­bile-App zur Überwachung der Streuner, hat das Unternehmen bereits ein erstes Produkt am Start. Die Lancierung ist in diesem Jahr vorgesehen. Bis Ende 2016 peilt das Start-up einen Umsatz von 50 Millionen Franken an.

Dazu braucht Attrackting Geld, neue Investoren, die an den Erfolg des Jungunternehmens glauben. Gleich an mehreren Anlässen warb Salvato im März um Geldgeber. Das Interesse an der Idee war gross. Doch die benötigten Mittel wurden der Firma noch nicht zugesprochen.

Wie Attrackting geht es vielen Start-ups. Laut einer Studie der Jungunternehmer-Plattform CTI Invest beklagen sich acht von zehn Firmengründern in der Schweiz, dass die erforderlichen Gelder nur schwer oder mit grösstem Aufwand zu beschaffen sind. Die Schweiz investiert über ihre Hochschulen fast 9 Milliarden Franken im Jahr in die Innovationsentwicklung. Bei der wirtschaftlichen Nutzung der Innovationen aber hapert es. Gleich zwei Initiativen wollen diesen Missstand nun beheben. Noch stecken sie aber in den Kinderschuhen.

Keine Mittel vom Staat

Bereits Anfang Juli 2013 lancierte die Swiss Private Equity & Corporate Finance Association (Seca) zusammen mit CTI Invest den Swiss Investment Fund. Heute läuft das Projekt neu unter dem Namen Swissfund. Inhaltlich hat sich wenig verändert: 500 Millionen Franken privat finanziertes Risikokapital wollen die Initianten über das Vehikel 80 bis 100 Jungunternehmern aus der Spitzentechnologie zukommen lassen. Geplant ist, dass die Gelder über spezialisierte und etablierte Venture-Capital-Fonds, sprich Wagniskapitalfonds, breit in Start-ups angelegt werden.

«Wir befinden uns nach wie vor in der Detailplanung, im Herbst wollen wir die Einzelheiten und erste Investoren vorstellen», sagt Projektleiter Jean-Philippe Tripet von der Seca. Mit einem kleinen Team arbeitet er derzeit daran, für den Swissfund die Zulassung von der Schweizerischen Finanzmarktaufsicht Finma zu erhalten. Zudem will Tripet mehrere Grossinvestoren an Bord zu holen.

Ursprünglich sollte auch der Staat als Geldgeber für den Fonds gewonnen werden, wie dies im angrenzenden Ausland der Fall ist. So stehen in der EU gut 7 Milliarden Euro für Venture-Investitionen zur Verfügung, die grösstenteils aus staatlichen Quellen stammen. Ein wesentlicher Investor ist der European Investment Fund. Das EU-Vehikel investiert über Fund of Funds in Jungunternehmen aus dem EU-Raum. Ein solcher Ansatz hat sich in der Schweiz schon bald als unrealistisches Ziel entpuppt. «Öffentliche Gelder für die Finanzierung von Start-ups zu erhalten ist hierzulande derzeit nicht mehrheitsfähig», sagt Tripet.

Vorsorgegelder für Wohlstand

Diese Einschätzung teilt auch Henri B. Meier, der Ideengeber für den sogenannten Zukunftsfonds Schweiz, der erst kürzlich in Form einer Motion des Luzerner Ständerats Konrad Graber die kleine Kammer passierte. Die Initiative verfolgt einen volkswirtschaftlichen Ansatz. «Beim Zukunftsfonds Schweiz geht es darum, den Wohlstand der Schweiz für die nächsten Generationen zu sichern», sagt der ehemalige Roche-Finanzchef und langjährige Venture-Capital-Investor Meier. Nur mit entsprechenden Investitionen werde sichergestellt, dass die Schweiz auch zukünftig weltweit an der Spitze des technologischen Fortschritts mithalten könne.

Zu diesem Zweck sollen die Sparguthaben der Schweizer Arbeitnehmer, die in den Pensionskassen während Jahrzehnten blockiert sind, in zukunftsträchtige, wertschöpfende Innovationen investiert werden. Geplant ist, dass die Vorsorgeeinrichtungen gemeinsam über einen Fonds die Mittel für die Start-up-Finanzierung zur Verfügung stellen, die dann über mehrere Venture-Capital-Vehikel in Jungunternehmen fliessen. Auf diese Weise soll laut Meier die nötige Diversifikation erreicht werden, um das unbestrittene Ausfallrisiko in der Start-up-Finanzierung zu reduzieren. «Ein solcher Fund of Funds, der sich über Venture-Capital-Firmen an Hunderten von Jungunternehmen beteiligt, kann den Ausfall von mehreren Anlagen gut verkraften und wirft am Ende der Laufzeit noch immer eine ansprechende Rendite ab», sagt er. In den Fonds soll jährlich 1 Prozent der neu zufliessenden Beiträge zur Start-up-Förderung fliessen.

«Noch investieren die Vorsorgeeinrichtungen kaum Gelder in Start-ups, obwohl diese vom Anlagehorizont her am besten für solche Investitionen geeignet wären», sagt Tripet. Ein Grund für den geringen Anteil ist einerseits, dass die Schweizer Kassen durch ihre Anlagevorschriften eingeschränkt sind. Anderseits werden viele der über 2500 Pensionskassen noch immer durch fehlgeschlagene Investitionen aus der Vergangenheit abgeschreckt. Das Beispiel der bernischen Lehrerversicherungskasse, die über 50 Millionen Franken mit Risikoan­lagen verspekulierte, ist auch Jahre später noch präsent.

USA investieren fast 30 Milliarden

Tatsächlich gehen in der Schweiz nur 0,02 Prozent der Pensionskassengelder in Jungunternehmen. In den USA liegt der Wert bei 5 Prozent. Allein im Jahr 2012 investierten die Vereinigten Staaten 26,5 Milliarden Dollar in Wagniskapital, 2011 wurde beinahe die Marke von 30 Milliarden Dollar geknackt.

In der Branche werden die beiden Initiativen zur Start-up-Förderung entsprechend begrüsst. «Insbesondere nach der Finanzkrise fehlten Investorengelder für Jungunternehmer», sagt Erika Puyal. Sie ist die Leiterin Start-up Finance der Zürcher Kantonalbank (ZKB), der aktivsten Schweizer Start-up-Investorin im Jahr 2013 (siehe Grafik). Zwar hat sich die Lage gemäss dem Venture Capital Report 2013 der Seca inzwischen wieder entspannt. So flossen im vergangenen Jahr 415,3 Millionen Franken in die Start-up-Finanzierung, was einem Plus von 30 Prozent gegenüber dem Vorjahr entspricht. Die klare Verbesserung ist dabei weniger auf ein herausragendes Jahr 2013 zurückzuführen als vielmehr auf die tiefe Basis aus dem Vorjahr. Im langfristigen Vergleich sei der Wert nicht aussergewöhnlich.

Noch fehlen Venture-Fonds

Hinzu kommt, dass es für Start-ups in der Seedfinanzierung, sprich Frühfinanzierung, noch einfacher ist, kleinere Beträge von Investoren zu erhalten als in einer späteren Phase. «Wenn Beträge von über 5 Millionen Franken benötigt werden, wird es schwierig», sagt Puyal. Dies hängt mit dem Schweizer Markt zusammen, der für ausländische Investoren zu klein ist, um die nötige Infrastruktur, die für solche Finanzierungen benötigt wird, vor Ort aufzubauen.

Gleichzeitig stellt sich auch die Frage, ob es für die zusätzlichen Mittel aus den neuen Initiativen genügend interessante Projekte geben wird. «Ich habe gewisse Bedenken, ob die Mittel dann auch tatsächlich sinnvoll eingesetzt werden könnten und nicht einfach die Bewertungen der aussichtsreichsten Start-ups in die Höhe treiben würden», sagt Puyal. Fraglich ist zudem, ob genügend Venture-Capital-Investoren vorhanden sind, welche die Anlageentscheide professionell vornehmen können. Für Meier ist dies sogar eine Chance: «Sobald die Welt erfährt, dass die Schweiz bedeutende Mittel für zukunftsträchtige Investitionen bereitstellt, werden die spezialisierten Venture Capitalists kommen. Das war im Silicon Valley nicht anders.»

Labor von Auris Medical: Das Start-up erhielt im vergangenen Jahr den höchsten Finanzierungsbeitrag von Investoren zugesichert.

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