Alteingesessene Luzerner werden nicht gerne hören, welchen Platz der mächtigste Banker der Region ihrer Stadt auf der Landkarte des Schweizer Bankengeschäfts zuteilt. «Luzern ist in der Peripherie von Zürich», sagt Bernard Kobler, CEO der Luzerner Kantonalbank (LUKB).

Kobler weiss natürlich um die alten Rivalitäten zwischen den zwei Städten. Doch für ihn ist klar: Seit der Anbindung an die neue Autobahn A4 ist die Region noch mehr zu einem Teil des Metropolitanraums rund um die Limmatstadt geworden, die «Greater Zurich Area».

Auf der A4 fährt die Konkurrenz

Tatsächlich bringt die Autobahn einige Bewegung - nicht nur beim Verkehrsaufkommen, sondern auch bei den Neugeldern. Denn mit der besseren Erschliessung entdecken die in Zürich Angestellten die Zentralschweiz als Wohngebiet. Es locken die schöne Landschaft, die immer noch unterdurchschnittlichen Immobilienpreise und die teils rekordtiefen Steuersätze in der Region. Das wiederum befeuert die lokale Wirtschaft, die noch vor nicht zu langer Zeit als eher unterentwickelt galt. Und dieser Wachstumsschub wiederum verleiht Luzern als der grössten Stadt im Umkreis ihrerseits die Bedeutung einer Metropole - den Status eines Zentrums für die übrige Zentralschweiz, wie Kobler von der LUKB befindet.

Doch über die Autobahn kommen nicht nur die Kunden, sondern auch die Konkurrenz. Inbesondere Privatbanker rechnen sich dank den zugezogenen Gutverdienern Geschäftschancen aus. Auf bankenintern erstellten Potenzialstudien rangiert deshalb der «Markt» Zentralschweiz noch vor der Nordwest- und gleichauf mit der Ostschweiz.

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Julius Bär, Vontobel und LGT unterhalten schon länger Filialen vor Ort, die St. Galler von Wegelin & Co sind letztes Jahr zugezogen. Weitere Institute könnten den Schritt im Rahmen einer Schweiz-Strategie bald unternehmen. Einer der in diesem Zusammenhang genannten Namen ist Sarasin. Andere Banken begnügen sich damit, ihre Teams über die Kantons- grenze zu schicken. «Die Private-Banking-Initiative in der Zentralschweiz verläuft erfreulich», sagt Reto Siegrist, Leiter Marktgebiet Private Banking Schweiz bei der Zürcher Kantonalbank. Die Staatsbank hat ein siebenköpfiges Team für die Region abgestellt und in der Branche damit für einigen Gesprächsstoff gesorgt.

Kaum Überhitzungsgefahr

All diese Bewegung ist neu für das bislang ebenso klar wie einseitig aufgeteilte Luzerner Bankengeschäft. Platzhirsch in ihrem Stammgebiet mit einem Anteil von 40 bis 50% im Retailbanking und über 50% im Firmenkundgeschäft ist die LUKB, gefolgt von den beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse sowie von den rasch expandierenden Raiffeisenbanken.

Einen sehenswerten Marktanteil im Firmengeschäft erobert hat sich Valiant, die in Luzern zudem ihren Holdingsitz unterhält. Von den Regionalbanken sind nur noch wenige übrig (siehe Kasten). Beinahe Exotencharakter hat die 1998 gegründete Reichmuth & Co, die sich am Platz Luzern auf das Private Banking und die Vermögensverwaltung spezialisiert hat (siehe «Nachgefragt» nebenan). In den anderen Zentralschweizer Kantonen bilden ebenfalls Gross-, Raiffeisen- und Staatsbanken die Schwergewichte, während Zug als Standort für Finanzinvestoren, Privatbanken und Rohstoffhändler einen Sonderstatus einnimmt. Noch treten sich jedoch die Banker in der Zentralschweiz nicht auf die Füsse, genauso wenig zeigt der Markt Anzeichen der Überhitzung. Dies lässt sich gut an den Immobilienpreisen ablesen: Trotz der hohen Bautätigkeit sind die Leerstände tief geblieben, und sehr hohe Preise finden sich nur in Zug und den besten Seelagen. «Man kann in der Zentralschweiz nicht von einer Immobilienblase sprechen», sagt Kobler.

Ärger auf der Nord-Süd-Achse

Beobachtern zufolge wird im Preiskampf bei den Hypotheken auch eher auf Margen verzichtet, als bei der Belehnungspraxis Zugeständnisse zu machen. Dies sorgt allerdings dafür, dass die Dynamik im Zinsgeschäft in der Region auch im 3. Quartal 2010 abnehmen wird. Wie die Vermögensverwaltung über die Runden kommt, muss sich ebenfalls weisen. Strategisch auf der Nord-Süd-Achse ausgerichtet, betreuen die Zentralschweizer Privatbanker viele deutsche und italienische Kunden - und just diese Staaten haben im Steuerstreit mit der Schweiz besonders aggressiv agiert.

Diese Entwicklungen werden die Banken der Region aber wegen des noch unausgeschöpften Potenzials erst mit Verspätung zum Handeln zwingen. Kobler sieht vorderhand denn auch keinen grossen Zwang zu Konsolidierung. «Mittelfristig wird sich jedoch zeigen, ob die mit Filialen vertretenen Mitbewerber ihre Ziele auch tatsächlich erreichen.» Denn in Luzern seien die lokal angestammten Anbieter stark. Für die Teams in den Filialen der Zürcher Stammhäuser würde aber ein Rückzug sicher schwer fallen. Wie sagt ein Banker im Gespräch: «Zürich ist gut für die Geschäfte, aber Luzern ist schöner.»

NACHGEFRAGT

«Der White Turf ist nicht unsere Welt»

Christof Reichmuth, Gesellschafter bei Reichmuth & Co Privatbankiers, sieht das Banking in der Zentralschweiz an Bedeutung gewinnen.

Immer mehr Vermögensverwalter drängen nach Luzern - wird der Platz eng?

Christof Reichmuth: Ich sehe die zunehmende Konkurrenz nicht negativ - sie ist ein Zeichen dafür, dass die Region über Potenzial verfügt. Um ehrlich zu sein: Luzern ist ein kleiner Bankenplatz, und eine Mehrzahl der Banken ist hier im Rahmen einer schweizweiten Strategie mit einer Niederlassung vor Ort. Luzern ist für diese Häuser eher ein Satellit als ein Kopfzentrum, und die Angebote gleichen sich denn auch oft.

Nur Reichmuth ist da anders?

Reichmuth: Man muss den Kunden und seine Bedürfnisse sehr gut kennen. Dieser integrale Ansatz funktioniert nur über eine langfristige Beziehung und über Kontinuität, die wir gewährleisten. Zweitens muss man ein guter Investor sein und die immer komplexeren Finanzmärkte verstehen. Auch hier sind wir aktiv, unter anderem mit unseren spezialisierten Fonds.

Allerdings war einer Ihrer Fonds im Jahr 2008 in den Madoff-Skandal verwickelt und musste aufgelöst werden. Ist diese Scharte bei Ihren Kunden ausgewetzt?

Reichmuth: Die betroffenen Zielfonds sind damals auf einen Broker hereingefallen, der offensichtlich gefälschte Transaktionsauszüge verschickt hatte. Die Performance unseres Dachfonds als Ganzes war dabei immer noch überdurchschnittlich, aber die Marktsituation, verbunden mit generellen Unsicherheiten der Anlegerschaft, hat uns dann zur Auflösung veranlasst. So konnten wir die Gleichbehandlung aller Investoren sicherstellen. 95% des Fondsvermögens sind seither an die Kunden zurückgezahlt worden, mit positiver Performance. Mindestens bei jenen, die uns kennen, ist die Scharte aber ausgewetzt.

Rund 50% Ihrer Kundschaft stammen aus der Region. Was für ein Banking verlangen diese?

Reichmuth: Der typische Luzerner springt nicht so schnell auf Neues an, das Herz ist mindestens so wichtig wie das Geschäft. Die Zentralschweizer sind zudem eher bodenständig, staatskritisch und unternehmerisch orientiert. Der White Turf von St. Moritz ist daher nicht unsere Welt, ebenso wenig kann Luzern eine Weltstadt sein.

Und entwickelt sich der Bankenplatz in Zukunft?

Reichmuth: Die Zentralschweiz wird wohl für die meisten Banken ein Satellit bleiben, aber ein zunehmend wichtiger, weil sich immer mehr wohlhabende Privatkunden hier niederlassen.