Acht Monate nach einem ersten Regelentwurf aus Saudi-Arabien rätseln die Investoren immer noch. In elf Wochen sollen Ausländer den Zugang zu der grössten Börse des Nahen Ostens erhalten, aber die Kapitalmarktbehörde in Riad hat noch immer nicht erklärt, wie sie die neuen Regeln mit den bestehenden Einschränkungen für ausländisches Engagement in saudischen Firmen zusammenbringen will. Interessierte Investoren fragen sich, wie die Gesetze – die Ausländer etwa aus verschiedenen Branchen von Immobilien bis Fischerei ausschliessen – den Handel beeinträchtigen werden.

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Unternehmen forderten «mehr Klarheit über die Mechanismen des Investierens», sagte Glenn Lovell in einem Interview am 24. März. Lovell ist Partner bei der Kanzlei Al Tamimi & Co., die internationale Investoren zur Marktöffnung berät. «Was passieren wird, ist das, was wir oft in Saudi-Arabien beobachten», nämlich dass die Probleme über einen längeren Zeitraum hinweg ausgeräumt werden, «weil die für die Umsetzung Verantwortlichen erst allmählich mit dem neuen Gesetz vertraut werden.»

Symptomatisch für das Land

Der Mangel an Transparenz ist symptomatisch für die Schwierigkeiten, die das grösste Ölexportland damit hat, Ausländern mehr Einfluss zu erlauben. In dem Land ist Kino verboten, Exekutionen finden öffentlich statt, und die höchste religiöse Instanz, der Grossmufti, kann jede richterliche Entscheidung aufheben. Das Königreich, in dem sich zwei der wichtigsten Heiligtümer des Islam befinden, will mehr Investitionen in seinen Aktienmarkt, der ein Volumen von 521 Milliarden Dollar hat. Dabei sollen aber die Konservativen, die die islamischen Wurzeln des Landes bewahren wollen, nicht verärgert werden.

Der Tadawul All Share Index ist seit Jahresbeginn um zehn Prozent gestiegen – das stärkste Plus unter den wichtigsten Indizes im sechs Länder umfassenden Golf-Kooperationsrat. In den ersten neun Monaten 2014 verzeichnete der Index die fünftbeste Entwicklung weltweit. Doch das gesamte letzte Jahr beendete das Kursbarometer mit einem Minus von 2,4 Prozent, nachdem sich der Ölpreis etwa halbierte. Trotz des Ölpreisabsturzes bekräftigte die Regierung ihren Zeitplan für die Öffnung des Aktienmarkts für Ausländer.

Angst vor Neuem

«Einerseits wollen die Saudis nicht, dass Ausländer ihre Konjunkturblase zum Platzen bringen oder auf ihrem heiligen Boden frei herumlaufen. Andererseits wollen sie von dem Nutzen profitieren, den Ausländer bringen», sagte Ghanem Nuseibeh, Gründer der Risikoberatung Cornerstone Global Associates in Dubai, im März. «Erstmals werden sie wohl geschockt sein, wenn sie feststellen, dass eine Firma, die von einer jüdischen Frau geführt wird, saudische Aktien hält. Aber sie werden sich damit abfinden.»

Seit 2008 nehmen Ausländer über Aktienswaps am Markt teil. Die Regierung hatte gehofft, dass das ausreichen würde, um den Handel zu beleben und kurzfristige Spekulanten abzuschrecken. Aber es reichte nicht: Der saudische Leit-Aktienindex ist weltweit der siebt-volatilste unter mehr als 70 von Bloomberg beobachteten Indizes. Der Plan, Ausländern Zugang zu gewähren, sei ein weiterer Schritt weg von einem Markt, der von Spekulanten und Grosstransaktionen reicher Investoren beeinflusst werde, sagte Lovell.

China als Vorreiter

Damit folgt das Königreich dem Beispiel China. Laut Wu Kan, Vermögensverwalter bei Dragon Life Insurance in Schanghai, hat China seine Märkte seit 2002 schrittweise für ausländische Investoren geöffnet, um die Beteiligung von Institutionellen und «rationales Investieren» zu fördern.

Indien hatte 1992 begonnen, Ausländern Zugang zu seinen Aktienmärkten zu verschaffen. Etwa ein Jahr zuvor waren die Devisenreserven unter eine Milliarde Dollar gefallen, und das Land geriet an den Rand eines Zahlungsausfalls. Inzwischen sind die Reserven auf über 330 Milliarden Dollar angewachsen.

Kein Investment in Mekka

Der saudische Gesetzentwurf öffnet den Markt für ausländische Investoren, die mindestens fünf Milliarden Dollar verwalten und über mindestens fünf Jahre Erfahrung in dem Geschäft verfügen. Es gibt auch Maximalbeteiligungen an einer Aktie und Vorschriften zur Registrierung. Zwei Klauseln weisen zudem darauf hin, dass zusätzliche gesetzliche Beschränkungen für ausländische Beteiligung an Kapitalgesellschaften sowie Durchführungsverordnungen gelten.

Auf der Website der zuständigen Behörde (Saudi Arabian General Investment Authority) gibt es eine sogenannte Negativliste, in der Geschäfte aufgeführt sind, in die Ausländer nicht investieren dürfen. Dazu zählen etwa Immobilieninvestments in den heiligen Städten Mekka und Medina.

Firmen wollen keine ausländischen Investoren

«Der Gesetzentwurf für zugelassene ausländische Institutionen, die in börsennotierte Aktien investieren wollen, berücksichtigt alle bestehenden Regulierungen und königlichen Dekrete, die derzeit gelten», antwortete CMA-Sprecher Abdullah Alkahtani am 8. April auf eine Anfrage. Daher werde auch ausländischer Immobilienbesitz in Mekka und Medina berücksichtigt.

Die Handelskammer von Mekka teilte im August mit, dass Ausländern das Halten von Aktien der Jabal Omar Development Co. und der Makkah Construction & Development Co. in Mekka sowie der in Medina ansässigen Taiba Holding Co. untersagt werden soll. Die Firmen stehen für fast sieben Prozent des Tadawul All Share Index. Die Handelskammer beantwortete Anfragen aus der letzten Woche nicht.

Mangel an Klarheit

«Die Saudis werden nicht glücklich sein, wenn Ausländer irgendetwas in Mekka oder Medina besitzen, daher wird es wahrscheinlich strenge Beschränkungen für Firmen mit Vermögenswerten an diesen Orten geben», sagte Emad Mostaque, Stratege beim Beratungsunternehmen Ecstrat in London, im März.

Die Unsicherheit betrifft noch weitere Unternehmen ausser Jabal Omar, Makkah Construction und Taiba, sagte Lovell. Der Mangel an Klarheit werfe die Frage auf, ob der Regulierer von allen Firmen fordern wird, ihre Beteiligungen offenzulegen, und ob auch Unternehmen, die in Mekka oder Medina geschäftlich aktiv sind, von dem Verbot betroffen sind.

«Eine Zeitlang wird es frustrierend sein»

Da Saudi-Arabien so lange schon Ausländer von seinen Märkten ferngehalten habe, werde es dauern, die bestehenden Gesetze mit den neuen in Einklang zu bringen, sagte Nuseibeh von Cornerstone, und fügte an: «Eine Zeitlang wird es frustrierend sein, bis die Saudis herausfinden, wie sie diese Arbeit machen sollen. Aber weil Saudi-Arabien der Honigtopf des Nahen Ostens ist, sind die Investoren zum Warten bereit.»

(bloomberg/ise)