Er ist der Popstar unter den Historikern. Der Schotte Niall Ferguson versteht es wie kein anderer, seine Auftritte zu inszenieren und dabei die grossen Themen mit schrillen Einwürfen zu untermalen. Der Euro - «ein Desaster»; die mit Staatsgeldern geretteten Finanzkonzerne - «Zombie-Banken»; die Zukunft der westlichen Welt - «vergessen Sie, was Ihnen Ihr Vater beigebracht hat, es ist obsolet». Das ist Ferguson im Originalton.

Dennoch ist der 46-jährige Harvard-Professor kein Showman, sondern unzweifelhaft ein Kenner der Finanzgeschichte. Davon zeugen seine Standardwerke über die Rothschild-Dynastie, über die globale Finanzwirtschaft oder das Leben und Werk des deutsch-britischen Bankiers Siegmund Warburg. Aus dessen Geschäftsgebaren, das stets von Moral und Ethik geprägt war, leitet Ferguson die Tugenden für ein verantwortungsvolleres Bankwesen ab.

Unlängst sagten Sie, das Ansehen der Banker sei mittlerweile schlechter als jenes der Journalisten. Vielen Dank dafür. Aber mit Verlaub: Ist das Bankgeschäft überhaupt jemals moralisch gewesen?

Niall Ferguson: Ich glaube schon. Das hat mich die Auseinandersetzung mit Siegmund Warburg gelehrt. Eine Bank, die ihre Aufgabe darin sieht, den Kunden zu dienen und deren Vermögen umsichtig zu verwalten, hat durchaus eine Moral. Das Problem mancher Geldhäuser liegt heute vielmehr darin, dass ihre Geschäftstätigkeit bloss noch vom Aktienkurs getrieben ist, also von der Idee, möglichst hohe Erträge zu erwirtschaften; oftmals direkt in die eigene Tasche - mit Eigenhandelsaktivitäten und hoch spekulativen Deals.

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Deshalb wird ja seit der Finanzkrise gefordert, die Banken enger an die Zügel zu nehmen. Zu Recht?

Ferguson: Regulierung per se kann nicht die Lösung sein. Das zeigt sich in den Vereinigten Staaten. Dort fragen die Banker nicht mehr, ob eine Handlung grundsätzlich richtig ist. Alles dreht sich bloss noch um die Frage: «Am I compliant?» - steht mein Geschäftsgebaren im Einklang mit den aktuellen Regeln? Es geht doch nur noch darum, bei jedem Formular am richtigen Ort ein Kreuzchen zu machen.

Die Regeln nützen nichts?

Ferguson: Die Finanzkrise entstand nicht, weil die Banken zu wenig reguliert waren, sondern weil ihr Geschäftsgebaren aus dem Ruder lief. Wenn man, wie die Investmentbanker von Goldman Sachs, nicht mehr von Kunden spricht, sondern bloss noch von «Gegenparteien», ist das bedenklich, genauso wie die Existenz von «Dark Pools» und «Flash Trading». Das hat nichts mehr mit der Welt zu tun, in der ein Siegmund Warburg Wertschriften gehandelt hat. Wer annimmt, mit schärferen Gesetzen werde alles besser, wiegt sich in einer trügerischen Sicherheit. Denn seit jeher hat es die Finanzwelt verstanden, wenn es sein muss, die Gesetze zu umgehen und Schattenwirtschaft zu betreiben.

Am Davoser Weltwirtschaftsforum waren einige Grossbankenvertreter wieder in ihrem Element. Sie warnten vor den angeblich katastrophalen Folgen einer Überregulierung im Finanzsektor, und gleichzeitig verströmten sie jede Menge Zweckoptimismus. J.P.-Morgan-Chef Jamie Dimon erklärte: «Der Boom ist zurück.» Ist die Lernkurve bei den Bankern wirklich so flach?

Ferguson: Die «Überlebenden» der Finanzkrise haben zwar begriffen, dass sie nicht mehr mit einem Dollar 30 Dollar Fremdkapital aufnehmen können aber doch wenigstens 20. Das ist immer noch viel. Insgeheim vertrauen sie darauf, bei einem Kollaps vom Staat gerettet zu werden. Zudem wissen die Banken, dass sie Gesetzesvorlagen die Spitze brechen können, wenn sie in Washington lobbyieren.

Die Banker ändern sich nicht?

Ferguson: Sagen wir es so: Es wird auch in Zukunft Banken mit einem hohen Fremdkapitalanteil geben, die ihre Berufung darin sehen, sehr spekulative Geschäfte zu machen. Im Gegensatz dazu sehe ich aber durchaus auch zahlreiche Institute, welche die ihnen anvertrauten Gelder erhalten und ihre Kundschaft nach dem besten Wissen und Gewissen beraten.

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Was heisst das für die Schweiz?

Ferguson: Der Gegensatz zeigt sich beispielsweise zwischen einer UBS und einer Julius Bär, wobei Letztere niemals so gross sein wird, dass sie für die Schweizer Volkswirtschaft eine Bedrohung darstellt, wie das bei der UBS der Fall war. In Grossbritannien stehen einer desaströs geführten Royal Bank of Scotland Häuser wie Kleinwort Benson oder Rothschild gegenüber. Ich hoffe, dass weitere ehrwürdige Firmen Aufwind bekommen. Zugegeben, Rothschild hatte früher eine viel grössere Bedeutung als heute - aber das wichtigste Gut einer Bank konnte das Unternehmen immer bewahren: Seinen Ruf.

Also besteht doch noch eine Chance, dass die Finanzwelt zu einem verantwortungsbewussteren Banking zurückkehrt?

Ferguson: Angesichts der enormen Regulierungswelle, die auf die Banken zurollt, werden ohnehin viele Geschäftsfelder, die früher das grosse Geld gebracht haben, viel weniger profitabel sein. Eine gewisse Umbesinnung tut Not, was sich wiederum auf die Geschäftsmodelle niederschlagen wird. Die Banken werden noch aus einem anderen Grund genauer überlegen müssen, auf welche Geschäfte sie sich einlassen. Zahlreiche Kunden sind wählerischer geworden, mit welcher Bank sie geschäften wollen. Ich würde mich hüten, zu einer Bank zu gehen, die ihre Interessen vor meine stellt.

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Gibt es in der heutigen Bankenwelt noch Persönlichkeiten mit einer Ausstrahlung wie Siegmund Warburg?

Ferguson: Ich bin überzeugt, dass eine Generation von Bankiers nachwächst, die bestrebt sein wird, die gröbsten Fehler zu vermeiden und sich eher an ethische Prinzipien hält.

Welches ist die wichtigste Erkenntnis, die Sie aus Ihrer Auseinandersetzung mit Siegmund Warburg gezogen haben?

Ferguson: Die Finanzkrise hat viel mit dem Niedergang der Prinzipien und Traditionen im Banking zu tun. Gleichzeitig diente sie als Katalysator für eine Rückbesinnung auf die alten Werte eines Warburg - hin zu transparenteren Geschäftsmodellen, Solidität und Ruf. So besehen glaube ich durchaus an ein Revival des Old-Style-Banking.