Viele an der Wall Street blicken neidisch auf die Investmentbank Goldman Sachs. Gelang es ihr bisher doch, relativ unbeschadet durch die Kreditkrise zu steuern, während zahlreiche Konkurrenten schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden. Doch nun fällt ein schwerer Verdacht auf das Finanzhaus. Der ehemalige Bear-Stearns-Chef Alan Schwartz und Lehman-CEO Richard Fuld werfen Goldman Sachs vor, zumindest indirekt Druck auf die Aktien ihrer Unternehmen ausgeübt zu haben. Beide hätten nach Aussagen von mit dem Vorgang vertrauten Personen Goldman-Chef Lloyd Blankfein zur Rede gestellt.

Im Fall Lehman geht es um den Verdacht, dass Goldman-Trader bewusst negative Gerüchte über den Rivalen gestreut hätten. Und Ex-Bear-Stearns-Chef Schwartz fragte Blankfein, ob es stimme, dass Händler von Goldman kurz vor dem Beinahekollaps von Lehmann den strauchelnden Aktienkurs der Wall-Street-Bank beeinflusst hätten. Blankfein erwiderte, er wisse nichts von solchen Vorgängen. Offiziell liess er mitteilen, er erinnere sich nicht an ein derartiges Gespräch mit Schwartz.

Das SEC verlangt Informationen

Die Verdächtigungen gegen Goldman sind nur ein Akt des aktuellen Wall-Street-Schauspiels um Gerüchte, Betrügereien und böswillige Spekulationen. Das Ausmass der Vorwürfe hat nun die Börsenaufsicht SEC gezwungen, massiv zu intervenieren. Die Behörde hat von mehr als 50 Hedge-Fonds-Beratern Informationen zu ihren Aktien- und Optionsgeschäften, bezogen auf die Banken Lehman und Bear Stearns, angefordert. Unter diesen Firmen befinden sich auch Top-Adressen der Wall Street wie Citadel Investment Group und SAC Capital Advisors.

Anzeige

Die Firmen sind unter Strafandrohung verpflichtet, Handelsbelege, interne Dokumente und E-Mails herauszugeben. Besonderes Augenmerk wird die SEC dabei auf das sogenannte Short-Selling, also den Leerverkauf von Aktien, richten. Denn an der Wall Street sind Rufe laut geworden, die von der Börsenaufsicht fordern, gegen diese Praxis vorzugehen. Nach Ansicht einiger Experten trage sie entscheidend zur Marktvolatilität bei und ermögliche es, den Aktienkurs von Finanzunternehmen negativ zu beeinflussen.

So gab die SEC bekannt, dass sie vor allem der «gesetzeswidrigen Manipulation durch Naked Short-Selling» einen Riegel vorschieben wolle. Bei dieser Praxis verkauft ein Trader Aktien leer, ohne sie sich vorher irgendwo ausgeliehen zu haben. Dabei kommt ihm das US-Reglement entgegen, das ihm einen Zeitraum von drei Geschäftstagen einräumt, bis er die Aktien tatsächlich liefern muss. Die SEC forderte bisher lediglich, dass der Trader vorher lokalisiert, wo er sich Aktien für den Fall der Erfüllung ausleihen kann. Und sie verbot das Naked Short-Selling mit dem Ziel, Aktienkurse zu drücken. Nun fordert sie zusätzlich, dass ein Trader eine gültige Abmachung für die Aktienleihe braucht.

Zu harsche Intervention

Grundsätzlich geht es der US-Börsenaufsicht darum, böswilliges Short-Selling bei den Aktien der beiden Hypothekengiganten Fannie Mae und Freddie Mac sowie von 17 Finanzunternehmen zu unterbinden. Zu diesen Häusern zählen Goldman Sachs, Lehman, Morgan Stanley und Merrill Lynch. Der Plan der SEC soll 30 Tage gelten. Doch denkt die Behörde auch darüber nach, ihre neuen Anforderungen auf alle in den USA gehandelten Aktien auszudehnen.

Einige Kritiker halten den Vorstoss der Börsenaufsicht für blanken Aktionismus, der darüber hinwegtäuschen soll, dass die Behörde ihrer Aufsichtspflicht nicht genügend nachgekommen ist. Besonders dem Chef der SEC, Christopher Cox, wird angekreidet, dass er in einer Zeit höchst volatiler Märkte nicht deutlicher in Erscheinung getreten ist.

Richard Baker, der Präsident der Managed Funds Association (MFA), der grössten Vereinigung der US-Hedge-Fonds-Branche, zeigte sich überrascht vom Ausmass, der Geschwindigkeit und den potenziellen Folgen des staatlichen Eingriffs für die Märkte. Die MFA wolle sich mit den Börsenaufsehern treffen, um ihr Vorhaben zu diskutieren, so Baker.