An den Märkten stehen die Defizite der südeuropäischen Länder im Fokus. Zu Recht?

Norbert Walter: Die Analyse der Finanzmärkte überzeugt mich nicht. Grossbritannien und die USA haben ebenso hohe Staatsdefizite, Japan hat viel höhere Staatsschulden als Griechenland. Es überrascht mich immer wieder, welche Sau an den Märkten durchs Dorf gejagt wird. Vor einem Jahr warnten die Finanzexperten vor Osteuropa, jetzt sind Portugal, Italien, Irland, Griechenland und Spanien dran.

Ist die Schuldenkrise in Europa also weniger schlimm, als die Investoren annehmen?

Walter: Nein, im Gegenteil: Die Staatsverschuldung ufert auch in den Geberländern - so etwa in Deutschland - aus. Praktisch alle europäischen Länder müssen jetzt unbedingt sparen. Gelingt ihnen das nicht, wäre das Schicksal der alten Länder besiegelt, die Handlungsfähigkeit dahin.

Das heisst?

Walter: Dann wird die Wirtschaft in den Euro-Ländern insgesamt über Jahre - wenn nicht Jahrzehnte - kaum mehr wachsen. Den Europäern drohen japanische Verhältnisse. Die Wirtschaft würde lange nicht mehr auf Touren kommen. Eine Wirtschaftsentwicklung nahe der Stagnation wäre die Folge.

Werden die Staaten ihre Schulden über Inflation loswerden?

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Walter: Dies funktioniert nicht mehr. Die Zeiten sind vorbei, als die Fürsten klug waren und das Volk dumm. Die Investoren sichern sich heute mit Derivaten gegen Inflation ab. Damit wird es für die Politiker schwierig, mit Inflation die Last der öffentlichen Verschuldung zu vermindern.