Das ganze Land von Eis bedeckt, nur vier Monate eisfreie Meere, grosse Eisberge - bisher war das Bohren nach Öl auf oder vor Grönland ein schwieriges, gefährliches und vor allem sehr teures Unterfangen. Doch auch hier macht sich die Klimaveränderung bemerkbar. Und sie eröffnet der Ölindustrie in diesen nördlichen Breiten ganz neue Chancen.

Im Sommer 2010 wird die grönländische Regierung daher 14 neue Ölbohrlizenzen für die Region vor der Nordwestküste vergeben. Im Juli will etwa die britische Cairn Energy an vier Stellen vor der Küste Probebohrungen durchführen. Analysten rechnen damit, dass die erste Bohrung seit zehn Jahren in dieser Region eine Vielzahl an Rohöllagerstätten zutage fördern wird. Der geologische Dienst der USA schätzt, dass in und vor Grönland etwa 50 Mrd Barrel Öl zu finden sind, vor allem in tieferen Gesteinsschichten, die bisher nicht erreicht werden konnten. In ähnlichen geologischen Formationen vor Brasilien oder Ghana sind in den vergangenen Jahren riesige Erdölvorkommen entdeckt worden.

In einer Liga mit Libyen könnte die von den Wikingern vor rund 1000 Jahren wegen ihrer Fruchtbarkeit Grünland getaufte Insel dann spielen. Hans Kristian Olsen, Chef der staatlichen grönländischen Ölgesellschaft Nunaoil, betont, Technologie und Ausrüstung für Offshorebohrungen seien mittlerweile sehr weit entwickelt. «Wir sind heute viel zuversichtlicher», sagt er. Sollte Cairn Erfolg haben, könnte auch Exxon Mobil, eines der wenigen Unternehmen, die sich an Grönlands Westküste bereits ein Bohrgebiet gesichert haben, mit Bohrungen beginnen.

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Aufgrund der schwierigen Bedingungen sind diese vor Grönland erst ab einem Preis von 50 Dollar pro Barrel Rohöl rentabel, in Libyen liegt die Grenze laut Schätzungen bei 5 bis 10 Dollar pro Barrel. In den vergangenen beiden Monaten lag der Ölpreis oberhalb von 80 Dollar pro Barrel, sodass auch Unternehmen wie Chevron und Statoil, die seit den 70er-Jahren Interesse an den grönländischen Ölvorkommen bekunden, wieder einsteigen könnten.

Konditionen versprechen Gewinn

Die Baffin Bay im Nordwesten Grönlands könnte zum Beispiel eines dieser Bohrgebiete sein. Oswald Clint, ein Analyst von Sanford Bernstein, sagt, sogar ein geringer Fund von 300 Mio Barrel könnte die Kurse der Unternehmen klar steigern. Die relativ kleine Cairn Energy, die an der Börse in London notiert ist, hält der Experte deshalb für deutlich unterbewertet. Ölanalysten weisen darauf hin, dass ausländischen Unternehmen im Vergleich zum Nahen Osten sehr attraktive Vertragskonditionen angeboten würden. Denn auch wenn dort der Abbau geologisch bedeutend einfacher sei, könnten europäische und amerikanische Unternehmen kaum Gewinne erwirtschaften. Die grönländische Regierung verlangt geschätzte 60% des Gewinns, im Irak werden dagegen mit den neueren Verträgen 95% bis 98% des Profits von den ausländischen Ölfirmen einbehalten. Im vergangenen Jahr hat Grönland einen Staatsfonds eingerichtet, der die Einnahmen aus dem Rohölgeschäft verwalten soll.

Nicht überall stossen die Pläne der Regierung auf Wohlgefallen. «Das Klima ändert sich wegen der Verbrennung fossiler Stoffe, warum wollen wir noch mehr davon produzieren?», fragt zum Beispiel Alfred Jakobsen, der Chef von Knapk, der grönländischen Organisation der Fischer und Jäger, die sich auch um die Auswirkungen auf den Fischfang sorgt.

Seit 1979 gibt es in Grönland eine weitreichende Selbstverwaltung, doch die Insel ist immer noch von Dänemark abhängig, bekommt jährliche Subventionen in Höhe von 3,2 Mrd dänischen Kronen (575 Mio Fr.), etwa ein Drittel der grönländischen Wirtschaft. Sollte viel Öl gefunden werden, könnte das Land damit vielleicht seine Abhängigkeit von Dänemark beenden. Allerdings stehen dem eine grossteils sehr schlechte Ausbildung der Bevölkerung sowie hohe Alkoholismus- und Selbstmordraten gegenüber, sodass mit einer baldigen vollständigen Autonomie Grönlands nicht zu rechnen ist.