Trutzig ragt der BIZ-Tower in den Himmel über Basel, die metallverkleideten Mauern ähnlich einem Kühlturm nach innen geknickt. Für Ravi Menon war es ein vertrauter Anblick. Ein Jahr lang arbeitete der Singapurer Finanzwissenschafter im Hauptquartier der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich. Damals an einem Dezembertag im Jahr 2002 war er unterwegs zu einer Konferenz. Zwanzig ­Notenbanker aus aller Welt debattieren über die Wechselwirkung von Fiskal- und Geldpolitik in Schwellenländern.

Eine Problematik wurde von der Basler Expertenrunde rasch erkannt. Für den ­guten Ruf einer aufstrebenden Wirtschaft sind Steuergesetze zwar attraktiv − aber nur, wenn die Regeln klar formuliert und strikt umgesetzt werden.

Viel Angriffsfläche

Eine Dekade später sieht sich Menon erneut mit dem gleichen Problem konfrontiert. Er ist seither zum Chef der mächtigen Zentralbank Monetary Authority of Singapore aufgestiegen. Als solcher hat er das Ansehen des wichtigsten Finanzplatzes Asiens zu verteidigen. Und es ist ausgerechnet die Schweiz, die Singapur − in Sanskrit die «Stadt der Löwen» – nun in den Ruf einer Steueroase bringt. «Seit die Schweizer Steuerverträge mit Deutschland unterzeichneten, haben wir Richt­linien erlassen, um jeglichen Zufluss ­undeklarierter Vermögen zu unterbinden», erklärte Menon vergangenen Herbst. Bei den Richtlinien ist es seither nicht geblieben. Offenbar liess er die europäischen Vermögen der Niederlassungen von helvetischen Banken prüfen und soll sich dazu auch Hilfe aus der Schweiz geholt haben. Nachdem deutsche Behörden die Grossbank UBS beschuldigt haben, Deutschen beim Transfer von Schwarzgeld nach Singapur behilflich gewesen zu sein, dürfte Singapur noch schärfer vorgehen.

Die Schweizer Banken bieten viel Angriffsfläche. Sie zogen während der letzten Jahre in grossem Stil nach Singapur und befeuerten eine beispiellose Bonanza. Mittlerweile sind die Institute dort zur wichtigsten ausländischen Finanzmacht herangewachsen. Die UBS etwa verwaltet in Asien rund 180 Milliarden Dollar an Vermögen – ein Grossteil davon in Singapur und Hongkong, wo Banken insgesamt 1000 Milliarden Dollar an Kundengeldern betreuen. Der Grossteil des Geschäfts wird mit vermögenden Asiaten gemacht. In der Region leben inzwischen mehr Super­reiche als in Europa.

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Aus dem alten Kontinent sollen nur 10 Prozent der Kundengelder in Singapur und Hongkong stammen. Eigentlich ist das eine zu vernachlässigende Grösse. Doch ein gewisser Teil der europäischen Assets ist unversteuert.

UBS-Vermögensverwaltungschef Jürg Zeltner, der über Jahre das DeutschlandGeschäft der Grossbank leitete, will zwar in Singapur partout kein Steuerschlupfloch erkennen. Branchenkenner vor Ort sehen es aber differenzierter. Ein Banker mit Karrierestationen bei verschiedenen Schweizer Instituten in Singapur spricht von einer bis ins Jahr 2009 gängigen Praxis. Heute mache der Schwarzgeld-Anteil aber nur noch 1 Prozent der verwalteten Vermögen aus Europa aus, Tendenz sinkend.

Das wäre immerhin noch 1 Milliarde Dollar. Und es könnte mehr werden, sagt ein Vermögensverwalter, der eben aus Singapur zurückkehrte. «Mit all den ­Steuerabkommen gibt die Schweiz zunehmend Informationen über die Kunden preis. Aus Kundensicht ist der nächstbeste Ort nach der Schweiz Singapur.»

Das wäre allerdings für die Schweizer Banken ein ­gefährliches Spiel. Sie ver­pflichteten sich per Ende März 2011 dazu, das geplante Abgeltungssteuerabkommen mit Deutschland nicht mit Umgehungs­geschäften zu gefährden. Die als «Gentle­men’s Agreement» bekannte vierseitige ­Direktive untersagt die aktive Hilfe beim Verschieben von Schwarzgeld ins Ausland. Da sie von den Banken in die internen ­Regelwerke integriert wurde, wird sie auch von den Revisionsstellen geprüft. Allfällige Verstösse werden von den Buchprüfern der Finma gemeldet und können Sanktionen nach sich ziehen.

Die Finanzmarktaufsicht wiederum verlangt von den Banken, dass sie jegliche Beihilfe zu Steuerdelikten nach ausländischem Recht verhindern.

Hilfe der Finma angefordert?

Die wirkliche Gefahr droht aus Singapur. Im Stadtstaat, wo selbst ein achtlos auf den Boden gespuckter Kaugummi drastische Strafen nach sich zieht, wird bei Steuervergehen zunehmend hart durchgegriffen. Letzten Februar fiel der Beschluss, mit der Umsetzung der neuen FATF-Richtlinien zur Bekämpfung der Geldwäscherei zu beginnen. Damit gälte Steuerhinterziehung künftig als Vortat zur Geldwäsche.

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Singapur hat hier selber viel zu beweisen. Als Magnet für Gelder aus Staaten wie Indonesien und Malaysia mit endemischer Korruption ist der Finanzplatz bereits einigem Verdacht ausgesetzt. Da bringen die Schlagzeilen aus Europa das Fass zum Überlaufen. «Für Finanzzentren steigt der Druck, internationale Gesetze zu übernehmen», sagt Matthias Memminger, Partner und Privatbanken-Spezialist bei der Revisionsgesellschaft PricewaterhouseCoopers Schweiz. «Und Singapur ist ein sehr rigides System.» Banker vor Ort befürchten etwa, dass Lizenzen entzogen werden – in Singapur braucht jeder Geschäftsbereich eines Finanzinstituts eine eigene Bewilligung.

Die Niederlassungen von Schweizer Banken sind bereits im Visier von Menons Mannen. Insider berichten, dass die Sin­gapurer Aufsicht bei verschiedenen Nie­derlassungen vorstellig geworden sei, um einen Blick auf die europäischen Gelder zu werfen. Die Behörde kommentiert dies auf Anfrage nicht. Auch UBS und CS wollen sich nicht zu Themen äussern, die den Regulator betreffen; bei der Privatbank Pictet heisst es, es habe keine Audits der Aufsicht bei der Bank gegeben. Das Bankhaus Lombard Odier sagt hingegen, die MAS führe derzeit in ihren Büros in Singapur eine Prüfung durch. Das sei aber nicht aussergewöhnlich. Die Behörde melde sich bei lizenzierten Finanzinstituten regelmässig für Vor-Ort-Untersuchungen.

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Offenbar waren aber nicht nur die Singapurer unterwegs. Ein Banker berichtet, Teams der Finma hätten in den letzten zwölf Monaten den Inselstaat besucht, um die Geschäfte der Schweizer Banken unter die Lupe zu nehmen. Bei der Finma in Bern heisst es dazu lediglich: «Im Rahmen unserer Aufsichtstätigkeit stehen wir in stetem Kontakt mit ausländischen Aufsichtsbehörden.» Die Banken hätten die Vorschriften der Steuerabkommen wie alle anderen Regeln des Schweizer Rechts einzuhalten.

Sicher ist, dass Menon die Schweizer Institute nicht mehr aus den Augen lassen wird. Wie sagte er selber: «Wir müssen gegenüber den schädlichen Folgen von Entwicklungen im Ausland wachsam sein.»