Wie wichtig ist der Standort Schweiz für die Rothschild Privatbank?

Veit de Maddalena: Die Schweiz ist traditionell ein sehr wichtiger Private-Banking-Standort. Und das nicht nur wegen des Bankkundengeheimnisses, sondern weil die Schweiz über sehr gut ausgebildete Fachleute verfügt und die Rahmenbedingungen stimmen. Die Abwicklung von Geschäften ist absolut verlässlich ? etwas, das man in anderen ? auch entwickelten Ländern ? nicht unbedingt kennt.

Spielt es keine Rolle, dass die Schweiz ein Eiland im EU-Raum ist?

de Maddalena: Überhaupt nicht! Die Schweiz ist in einer guten Ausgangslage und hat sich mit der EU gut arrangiert. Oberstes Ziel muss sein, die Stärken unseres Wirtschaftsstandorts zu erhalten. Dazu gehört auch die Autonomie in Steuerfragen.

Wie beurteilen Sie die Chancen für den Schweizer Finanzplatz im internationalen Wettbewerb?

de Maddalena: Wenn es die Schweiz schafft, ihre guten Rahmenbedingungen für Finanzdienstleister zu erhalten, bin ich optimistisch. Wenn die Banken zudem ihr Know-how beispielsweise im grenzüberschreitenden Taxreporting oder in der internationalen Vermögensverwaltung weiter ausbauen können, werden Kunden ihre Vermögen auch weiterhin in der Schweiz verwalten lassen. Nicht zu unterschätzen ist natürlich immer noch der Schutz der Privatsphäre durch Schweizer Banken und die sehr gut funktionierende Maschinerie. Zuverlässigkeit und Vertrauenswürdigkeit sind immer noch entscheidende Gründe für die Standortwahl der Kunden.

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Kann der jüngste Steuerstreit mit dem Finanzplatz Liechtenstein Folgen für den Finanzplatz Schweiz haben?

de Maddalena: Ja, davon gehe ich aus. Wer das Gegenteil behauptet, betreibt Augenwischerei. Das Thema ist für den Finanzplatz Schweiz zwar nicht neu, es hat jedoch mit den angewandten, äusserst fragwürdigen Methoden eine neue Dimension erhalten. Um die Zukunft des Finanzplatzes mache ich mir dennoch keine Sorgen, denn wie bereits erwähnt, hat die Schweiz für internationale Kunden viel mehr als nur das Bankgeheimnis zu bieten.

Rothschild ist schon lange in der Schweiz und es war eher still um sie. Jetzt wird der Auftritt lauter, und Sie haben sich starkes Wachstum auf die Fahne geschrieben. Was ist der Grund für den Wandel?

de Maddalena: Wir sind seit 40 Jahren hier in der Schweiz und sind eine erfolgreiche Privatbank. In dieser Zeit haben wir hauptsächlich internationale Kunden von hier aus betreut. Im Rahmen der Überprüfung unserer Strategie im letzten Jahr haben wir daher entschieden, uns aktiver um die Schweizer Kunden zu bemühen.

Wie hoch liegt der Anteil Schweizer Kunden bisher?

de Maddalena: Ungefähr bei 15%.

Um den Anteil zu steigern, haben Sie Teams von anderen Banken abgeworben?

de Maddalena: Wir haben Kundenberater eingestellt, die unsere strategischen Wachstumsabsichten umsetzen können. Diese haben wir in der Schweiz bei anderen Banken gefunden, unter anderem ein Team für Osteuropa, Russland und Zentralasien, das von der ehemaligen Bank Hofmann und heutigen Clariden Leu kam. Ein weiteres Team kam von der BBVA (Schweiz) für Südeuropa und Lateinamerika, und Anfang April hat ein elfköpfiges Team bei uns angefangen, das von der UBS zu Rothschild gestossen ist und sich speziell um die Schweizer Kundschaft kümmert.

Wie viel Prozent der jeweils verwalteten Vermögen bringen diese Talente mit in Ihr Haus?

de Maddalena: Grundsätzlich ist es mir egal, was die neuen Mitarbeitenden von ihren ehemaligen Arbeitgebern an Vermögen mitbringen. Mir geht es mehr darum, dass sie unsere Wachstumsstrategie umsetzen können und dass sie die Überzeugung mitbringen, dass Rothschild die richtige Wahl für sie und ihre potenziellen Kunden ist.

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Sie streben 2008 einen Neugeldzufluss im hohen einstelligen Bereich an. Wie wollen Sie den generieren?

de Maddalena: Einerseits durch die richtige Organisationsstruktur mit Fokus auf einige ausgewählte Märkte und andererseits durch eine Verdoppelung der Anzahl Kundenbetreuer in diesen Märkten. Die Basis ist jedoch ein überzeugendes Angebot, das auf einer interessen- und konfliktfreien Beratung der Kunden basiert. Und die Erweiterung unserer Servicepalette um neue Anlageklassen gibt uns die Möglichkeit, andere Kunden anzusprechen.

Was sind das konkret für Services oder Assetklassen?

de Maddalena: Unsere Stärke liegt bei den traditionellen Anlageklassen. Nun bauen wir unser Know-how in Private Equity und Commodities aus.

Mit strukturierten Produkten?

de Maddalena: Wir haben bis vor einem Jahr praktisch keine strukturierten Produkte verwendet. Ich bin jedoch der Ansicht, dass strukturierte Produkte in gewissen Situationen Sinn machen. Man muss einfach die richtigen auswählen. Ein sehr wichtiger Aspekt ist die Kostentransparenz bei solchen Produkten. Denn viele Banken verdienen gutes Geld mit den versteckten Kommissionen bei strukturierten Produkten, da wir selber keine eigenen Produkte entwickeln und verkaufen müssen, sind wir in der Beratung unabhängig und können die verschiedenen Anbieter dem Wettbewerb aussetzen. So finden wir für die Kunden die besten Produkte zu vernünftigen Kosten.

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Gehört es auch zu Ihrer Wachstumsstrategie, mittels Zukäufen zu expandieren?

de Maddalena: Grundsätzlich wollen wir organisch wachsen. Falls sich jedoch eine Möglichkeit bietet, die zu unserer Strategie passt, werden wir das sicher genauer anschauen.

Welche Rendite haben Sie 2007 auf die verwalteten Vermögen erzielt?

de Maddalena: Die Nettoperformance unseres ausgewogenen Mandats lag 2007 in Schweizer Franken bei 3,6% und in Dollar bei 10,7%.

Können Sie dieses Niveau halten, oder anders: Wie schätzen Sie die Börsenlage ein?

de Maddalena: Unsicher und volatil. Und das wird auch noch eine Weile so bleiben, obwohl die jüngsten Ereignisse eine gewisse Beruhigung auf den Kreditmärkten andeuten.

Wie lange bleibt es noch unruhig?

de Maddalena: Zuerst müssen die Risiken bei verschiedenen Banken offen gelegt werden, damit das Vertrauen der Anleger wiederhergestellt wird. Gleichzeitig muss die Weltwirtschaft beweisen, dass die aktuelle ökonomische Verlangsamung milder und nur temporärer Natur sein wird. Wir glauben, dass die Evidenz für beide Voraussetzungen in der zweiten Jahreshälfte vorliegen wird.

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Hat Rothschild die Asset Allocation angepasst?

de Maddalena: Wir haben bereits im Frühsommer letzten Jahres erkannt, dass sich eine Verschlechterung an den Börsen abzeichnet. Deshalb haben wir damals schon hohe Cash-Positionen eingenommen. Zudem haben wir Hedge-Fonds und Commodities inklusive Gold übergewichtet, Obligationen und Aktien dagegen untergewichtet sowie Private Equity praktisch restlos verkauft. Seither haben wir bei den Commodities einige Gewinnmitnahmen realisiert. Ansonsten ist unsere Strategie gleich geblieben.

Wie gross sind die Cash-Positionen?

de Maddalena: Es geht gegen die 20% bei einem ausgewogenen Mandat. Diese hohen Cash-Bestände zeigen aber auch eine gewisse Bereitschaft, wieder zurück in die Märkte zu gehen, sobald wir das Umfeld als reif beurteilen.

Und dann primär wieder in Aktien?

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de Maddalena: Ja. Die meisten Bewertungsindikatoren sind im historischen Vergleich günstig, die Bilanzrelationen ausserhalb des Finanzsektors gesund und die Dividendenrenditen hoch, insbesondere verglichen mit dem allgemeinen Zinsniveau. Allerdings erwarten wir für das Gesamtjahr eine zusätzliche Reduktion der Gewinnschätzungen, was die kurzfristigen Aussichten belastet.

War oder ist die Rothschild Bank im Subprime- oder CDO-Segment engagiert?

de Maddalena: Nein, wir sind eine traditionelle Privatbank und konzentrieren uns auf die Vermögensverwaltung. Wir sind nur im Lombardgeschäft tätig und daher nicht direkt von den drastischen Korrekturen im Kreditmarkt betroffen. Der einzige Weg, über den wir von der Subprime-Krise getroffen wurden, war der über Bankaktien. Und über Hedge-Fonds. Aber wir hatten zum Glück Fonds ausgewählt, die unter anderem auf ein Ende des Immobilienbooms setzten und damit richtig lagen.

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Welche?

de Maddalena: Beispielsweise Trading Capital Holdings oder Nemrod Diversified Holdings. Beide hatten frühzeitig gegen den CDO-Markt gewettet. Wir hatten nur einen Hedge-Fonds, der nicht unseren Erwartungen entsprochen hat. Er erzielte zwar immer noch eine leicht positive Performance, diese ist aber im Vergleich mit den anderen sehr bescheiden.

Was war der Grund?

de Maddalena: Der Fondsmanager war davon ausgegangen, dass die Aktienkurse nicht so stark einbrechen würden. Er hielt deshalb eine Longposition in den Aktienmärkten. Ansonsten war die Performance in denHedge-Fonds für uns ein Glück und hat uns sehr stark geholfen, insgesamt positive Renditen zu erzielen.