Die Kantonalbanken haben massiv Neugelder angezogen. Brauchen sie das Gemeinschaftswerk Swisscanto noch?

Gérard Fischer: Die Kantonalbanken gehören sicher zu den Gewinnern, doch im Anlagebereich ist dies bisher nicht stark spürbar geworden. Die Anleger suchen Sicherheit und investieren noch nicht in Anlagefonds. Ob Kantonalbanken jetzt vermehrt eigene Fonds auflegen werden, hängt von der jeweiligen Positionierung ab. Es gibt aber keine Kantonalbank, die eine so breite Fondspalette wie Swisscanto anbieten könnte. Die Kantonalbanken stehen hinter dem Gemeinschaftswerk, das sie vor 16 Jahren gegründet haben.

Swisscanto entsteht kein Nachteil?

Fischer: Nein, im Gegenteil. Die Neukunden werden irgendwann wieder in Anlagefonds investieren. Davon werden auch wir als Fondsanbieter profitieren.

Sie haben einen Marktanteil von 8,7% im Schweizer Fondsmarkt. Wie viel wollen Sie erreichen?

Fischer: Für die Zukunft haben wir kein Ziel formuliert. Die Marktgrösse hängt von vielen Faktoren ab. Wir haben im vergangenen Jahr 1% Marktanteil dazugewonnen. Wir hatten auch Zuflüsse in Aktien- und Geldmarktfonds sowie neuerdings wieder vermehrt in Obligationenfonds, konnten damit aber leider die Kursverluste nicht wettmachen.

Wie wirkt sich dies auf die Ergebnisse von Swisscanto aus?

Fischer: Wir publizieren keine Zahlen. In diesem Geschäftsjahr werden die Resultate jedoch sicher tiefer ausfallen als im Rekordjahr 2007/2008. Es ist aber nicht so, dass wir in Schwierigkeiten kommen würden. Ich bin zuversichtlich, weil wir in den derzeit gefragten Bereichen Geldmarktfonds und Obligationenfonds ausgebaut haben.

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Wie sparen Sie Kosten ein?

Fischer: Auch wenn wir in diesem Jahr 20% weniger verdienen sollten als im Vorjahr, ist es noch nicht dramatisch. Wir haben bereits Sparmassnahmen eingeleitet. Wir planen im Moment aber keine Massenentlassungen oder die Aufgabe von grösseren Bereichen. Es geht mehr um Optimierungen, das heisst, wir überprüfen Prozesse und stellen Dinge zurück, die nicht so wichtig sind.

Sie bauen kein Personal ab?

Fischer: Nein, aber wir sind zurückhaltender beim Einstellen und wägen bei jeder Vakanz ab, ob die Besetzung absolut notwendig ist oder nicht. Bestimmte Funktionen einfach nicht ersetzen können wir allerdings nicht. Sonst leidet die Qualität.

Der Posten des VR-Präsidenten ist vakant. Wann wird der Nachfolger von Christopher Preston bestimmt sein?

Fischer: Sicher bis Ende Jahr. Im Oktober wird der neue Verwaltungsratspräsident an der Generalversammlung gewählt werden. Es wird rechtzeitig vorher mitgeteilt, wer zur Wahl vorgeschlagen wird.

Wer wäre Ihr Wunschkandidat?

Fischer (lacht): Dazu kann ich nichts sagen.

Sie sind auch Vizepräsident des Schweizerischen Anlagefondsverbands. Wie beurteilen Sie die Aussichten für die Branche?

Fischer: In Zeiten der Bullenmärkte entstehen viele neue Fonds. Fallen die Börsen, nehmen die Fondsvolumen ab, während der Kostendruck zunimmt. Viele Fonds sind zu klein geworden, um für den Anleger optimale Resultate erzielen zu können. Deshalb muss mit weiteren Fondsschliessungen gerechnet werden. Es wird zu einer Sortimentsbereinigung und Konsolidierung in der Branche kommen.

Der Anlagefondsverband begrüsst den Entscheid des Bundesrats, auf die Unterscheidung zwischen Steuerbetrug und Steuerhinterziehung zu verzichten ...

Fischer: Die Schweiz musste schon in den letzten 20 Jahren Kompromisse beim Bankgeheimnis machen. Das Finanzgeschäft ist heute so international, dass es fast nicht möglich ist, in der Schweiz Regulierungen zu haben, die sich stark von denjenigen in anderen Ländern unterscheiden. Und dazu gehört auch das Bankgeheimnis. Wenn man Zugeständnisse macht, sollte man sich aber auch etwas dafür aushandeln.

Was sollte die Schweiz fordern?

Fischer: Die grenzüberschreitenden Finanzdienstleistungen sollten erleichtert werden, dies gilt besonders für den Marktzugang von Schweizer Produkten im EU-Raum.

Wird der Druck auf das Bankgeheimnis zunehmen?

Fischer: Der Druck wird weiter hoch bleiben. Die Frage ist, wie stark der Staat den Durchgriff auf individuelle Daten der einzelnen Bürger haben soll. In der Schweiz legt man Wert darauf, dass der Staat nicht allmächtig ist. Das finde ich sinnvoll. Die grössten Lücken gibt es ohnehin nicht in der Schweiz. In Luxemburg unterstehen zum Beispiel Fonds nicht der EU-Besteuerung. Die EU sollte selbst erfüllen, was sie von anderen Staaten fordert.

Sollte die Schweiz jetzt mit anderen Staaten zusammenspannen, welche die gleichen Interessen verfolgen?

Fischer: Ja, allein wird die Schweiz einen schwierigen Stand haben und nicht erfolgreich sein. Die Schweiz sollte nach Partnern suchen. Dies wurde bisher nicht getan, weil das Bankgeheimnis ja lange als «unverhandelbar» gegolten hat.

Wird die Wettbewerbsfähigkeit des Finanzplatzes Schweiz geschwächt?

Fischer: Dies wird sehr davon abhängen, ob es gelingt, im Rahmen der Verhandlungen zu den Doppelbesteuerungsabkommen gleich lange Spiesse zu schaffen. Ich bin zuversichtlich, dass dies gelingt.

Wirtschaft und Politik haben gemeinsam einen Masterplan erarbeitet, um die Attraktivität des Finanzplatzes zu stärken.

Fischer: Im Zuge der Finanzkrise ist der Masterplan etwas in den Hintergrund gerückt, weil alle am Feuerlöschen waren. Man hatte schlichtweg keine Zeit, um sich darum zu kümmern. Die Diskussionen zwischen den einzelnen Verbänden und den politischen Behörden werden demnächst wieder aufgenommen.

Wie sollte der Plan angepasst werden?

Fischer: Es ist ein anspruchsvoller und dynamischer Prozess, eine Strategie für den Finanzplatz zu entwickeln. Denn nicht alle Vertreter haben die gleichen Interessen. Wichtig ist, dass die Privatsphäre auch künftig geschützt wird.

Ist das Ziel des Masterplans, Hedge-Fonds in der Schweiz anzusiedeln, in den Hintergrund gerückt?

Fischer: Nicht unbedingt. Die Hedge-Fonds werden in Zukunft mit weniger Hebelwirkung arbeiten, doch andere Strategien funktionieren nach wie vor und bleiben auch attraktiv. Die meisten Hedge- Fonds haben nicht so viel an Wert verloren wie die Aktienfonds. Doch vor der Krise haben sich die Regulatoren gesagt: Wenn wir die Investmentbanken beaufsichtigen, die für die Hedge-Fonds arbeiten, genügt das. Rückblickend war das ein Fehler.

Am G20-Gipfel wurden Verbesserungen diskutiert. Wie beurteilen Sie das gesamte Massnahmenpaket?

Fischer: Gut ist, dass sie ihre Massnahmen koordinieren wollen. Auch werden die beschlossenen Mittel einen positiven Effekt bewirken. Für die Sanierung der Bankbilanzen hat man aber noch kein Rezept gefunden, obwohl es notwendig ist, hier rasch eine Lösung zu finden, um die Funktion der Kapitalmärkte wiederherzustellen. Leider enthalten die Massnahmen keine neuen Ideen für Regeln, die antizyklisch wirken. Es wird verdrängt, dass es die staatlichen Vorschriften sind, die zu einem instabilen System geführt haben.

Und der Kampf gegen Steueroasen? Die Schweiz ist auf der grauen Liste gelandet.

Fischer: Der Kampf gegen sogenannte Steueroasen oder falsche Anreizsysteme dürfte eher populistisch motiviert sein, sind doch die eigenen Steuerschlupflöcher nicht auf der Liste. Zudem werden die Regulierungslücken in den Vereinigten Staaten, in Grossbritannien oder anderen Ländern, die wesentlich zum Aufbau der Immobilienblase beigetragen haben, nicht angesprochen.

Welche Wirkung werden die globalen Rettungsmassnahmen zeigen?

Fischer: Der Effekt ist noch nicht absehbar, weil staatliche Massnahmenpakete in diesem Ausmass noch nie gemacht wurden. Kurzfristig dominiert die Angst vor der Deflation, doch mittelfristig wird ein riesiges Inflationspotenzial aufgebaut. Mit den Rettungsplänen für die Banken besteht zudem die Gefahr, dass Strukturerhaltung betrieben wird. Banken, die nicht gesund sind, werden am Leben erhalten.

Worauf müssen wir noch gefasst sein?

Fischer: Die akuten Gefahren scheinen vorerst gebannt, es geht nicht mehr so steil bergab. Was noch kommen wird, ist die Konsolidierung im Bankensektor. Die Finanzbranche wird noch stark schrumpfen müssen. Wenn die verwalteten Vermögen um 30% sinken, braucht es auch rund 30% weniger Personal. Im Kreditbereich und im Investment Banking ist die Situation ähnlich.

Welche Lehren ziehen Sie aus der Krise?

Fischer: Es ist eigentlich ganz einfach. Jeder sollte nur Geschäfte machen, die er versteht und deren Risiken er beurteilen kann. Und man sollte keine Dinge tun, nur weil es andere machen.

Wie investieren Sie persönlich?

Fischer: Ich habe Aktien und Anlagefonds, die ich weiter halte. Ich habe aber keine Obligationen und werde meine Hypothek bei Gelegenheit wieder aufstocken.

Kaufen Sie schon wieder Aktien?

Fischer: Die Bewertungen sind stark gesunken. Doch ob jetzt schon der richtige Zeitpunkt ist, um wieder einzusteigen? Wenn Sie mutig sind, ja.