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Wachstum
«Schweiz zählt in Europa zu den grössten Märkten»

Der Schweiz-Chef von Blackrock, Christian Staub, über das Abstimmungsverhalten des weltgrössten Vermögensverwalters, fatales Quartalsdenken und Renditelücken.

Von Sven Millischer
am 05.08.2015

Griechenland-Krise, Frankenstärke, die mögliche US-Zinswende und der China-Crash: Wir leben in turbulenten Zeiten.
Christian Staub*: Die Verunsicherung ist enorm. Die Welt hat sich nach der Finanzkrise fundamental verändert. Die Zentralbanken sind vom Schiedsrichter zum gewichtigen Akteur geworden, welcher die Entwicklung an den Finanzmärkten dominiert.

Was sind die Konsequenzen?
Die Zentralbanken drängen durch ihre Zukäufe die privaten Investoren immer weiter an den Rand des Anlagespektrums. Dadurch werden die Portfoliorisiken komplexer. In Stresssituationen kann die Liquidität rasch abnehmen. Zum Beispiel im Obligationenmarkt, auf dem die Europäische Zentralbank derzeit sehr aktiv als Käuferin auftritt.

Wie ist die Situation in der Schweiz?
Unser Land ist makroökonomisch in einer sehr gesunden Verfassung. Doch die Flucht in den Franken hat zu einer schwindenden Wettbewerbsfähigkeit geführt. Diese Entwicklung bleibt nicht ohne Folgen. Die Arbeitslosigkeit und der Lohndruck werden voraussichtlich steigen. Das ist ein schmerzhafter Prozess, der aber längerfristig zu Strukturanpassungen in der Schweiz beitragen wird.

Was machen Ihre Kunden aus dieser Gemengelage?
Für Schweizer Investoren war das Umfeld noch nie so herausfordernd wie jetzt. Nach der Aufhebung der Untergrenze gab es zunächst eine starke Rückbesinnung auf den Franken. Die Nachfrage nach währungsbesicherten Produkten stieg schlagartig an. Doch nun ist ein Gegentrend sichtbar. Um die Renditelücke zu schliessen, sind wieder Fremdwährungsanlagen gefragt, vor allem in Aktien. Der regulatorische Druck ist weiterhin hoch, die Zinsen sind tief und gleichzeitig wurde die Verpflichtungsseite für institutionelle Anleger nicht entsprechend angepasst. Pensionskassen müssen Zielrenditen von 3 bis 4 Prozent erreichen.

Wie soll Pensionskassen dies gelingen?
Es gibt keine einfachen Antworten. Anleger können Renditen von 3 bis 4 Prozent nicht mehr mit sicheren Staatspapieren erzielen, wie dies vor fünf oder zehn Jahren noch möglich war. Institutionelle Investoren müssen schlicht mehr Risiken auf sich nehmen und in illiquidere Anlagen gehen. Mit Investitionen in Infrastrukturanlagen und nicht börsenkotierte Unternehmen lassen sich Portfolios risiko-­ und renditemässig optimieren.

Warum?
Nehmen wir das Beispiel Infrastruktur. Da viele Staaten hoch verschuldet sind, fehlt ihnen das Geld für Investitionen wie den Bau von Strassen, Flughäfen oder Bahnstrecken. Umgekehrt können langfristig verpflichtete Investoren wie Versicherungen oder Pensionskassen gut auf einen Teil ihrer Liquidität verzichten, dies zugunsten höherer Renditen.

Welche Rolle spielt Blackrock?
Wir haben ein globales Infrastrukturteam, das über 3 Milliarden Dollar verwaltet und stets neue Projekte evaluiert. So bauen wir beispielsweise zusammen mit der mexikanischen Regierung eine Pipeline ans Meer. In Holland haben wir eine Auto­ bahn mit Kundengeldern finanziert.

Engagieren Sie sich in der Schweiz?
Die hiesige Staatsverschuldung ist tief. Es ist genügend Liquidität vorhanden. Und die Zinskurve ist nochmals tiefer als im Dollar­ oder Euro­raum. Insofern sind Bedarf wie Attraktivität von Infrastrukturinvestments eher gering. Aber es gibt durchaus interessante Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien und anderer alternativer Anlageformen.

Blackrock gilt als «grösste Schattenbank der Welt». Können Sie mit dem Begriff etwas anfangen?
Nein, denn er trifft auf Blackrock schlicht nicht zu. Blackrock ist einzig im treuhänderischen Auftrag seiner Kunden tätig und arbeitet nicht auf eigene Rechnung. Zwei Drittel jener 4,7 Billionen Dollar, die wir verwalten, legen wir passiv an. Das heisst, wir bilden einzig den zugrunde liegenden Index nach, in welchem unsere Kunden investiert sein möchten.

Und im Geschäft mit aktiven Fonds?
Da haben wir natürlich Freiheiten. Aber auch dort sind wir an gewisse Benchmarks gebunden, an denen unsere Fondsmanager gemessen werden. Hinzu kommt, dass Blackrock keine eigenen fremdfinanzierten Hebelgeschäfte macht. Wir arbeiten stets nur mit dem Geld unserer Kunden.

Dennoch ist Blackrock der mit Abstand grösste Einzelinvestor der Schweiz und praktisch in allen SPI-Firmen mit über 3 Prozent vertreten.
Sicher haben wir da eine grosse Verantwortung, die wir auch aktiv wahrnehmen. Aber wir sehen uns stets als aktiver Investor und nicht als aktivistischer. Wo liegt der Unterschied? Wir verstehen uns als langfristige Anleger und sind deshalb an einer nachhaltigen Entwicklung der Unternehmen interessiert, in denen wir mit Kundengeldern investiert sind.

Was heisst das konkret?
Wir beschäftigen global ein rund 20-­köpfiges Team, welches sich nur um Fragen der Corporate Governance kümmert und sich minutiös auf die Abstimmungen in den einzelnen börsenkotierten Firmen vorbereitet. Das Team arbeitet unabhängig von unseren Anlagespezialisten und stets unter dem Gesichtspunkt des langfristigen Unternehmenserfolgs.

Corporate Governance ist keine exakte Wissenschaft. Bei vielen Fragen gibt es Ermessensspielraum. Wie geht Blackrock damit um?
Indem wir uns möglichst fundiert eine Meinung bilden. Wir suchen dazu auch das Gespräch mit dem jeweiligen Management, um bereits im Vorfeld einer Abstimmung unsere Position zu klären. Diesen Dialog führen wir direkt und nicht in der Öffentlichkeit. Jene Meinung, die unser Corporate­Governance­Team entwickelt hat, wird dabei stets intern dokumentiert. Dies ist ein sehr umfangreicher und sorgfältiger Prozess.

Die Meinung von Blackrock hat in Schweizer Unternehmen ein grosses Gewicht.
Ja, aber wir handeln im Auftrag unserer Kunden. Unsere Macht ist geborgt. Wenn die Investments nicht reüssieren, dann leidet unser Name und die Kunden ziehen ihr Geld ab.

Warum macht Blackrock – im Sinne der Transparenz – die eigene Haltung nicht öffentlich?
Weil wir Gegner eines kurzfristigen Aktivismus sind, der Unternehmen dazu verleitet, immer kurzfristiger zu denken und zu handeln. Uns geht es eben gerade nicht darum, die Rendite für ein paar Monate zu optimieren, sondern für die nächsten 20 bis 30 Jahre. Das gängige Quartalsdenken läuft nämlich den Ansprüchen unserer Endkunden zuwider, die zu einem Grossteil Pensionäre sind oder solche, die auf ihre Pension sparen. Nur Langfristigkeit führt zu solidem Wachstum, was letztlich die Altersvor­ sorge der nachfolgenden Generationen sichert.

Aber der Trend an den Kapitalmärkten läuft gegen Sie.

Das ist eine schlechte Entwicklung. Die Firmen sitzen auf grossen Cash­-Beständen und benutzen die Profite, um eigene Aktien zu kaufen, statt ins eigene Geschäft zu investieren. Mit fatalen Folgen für das langfristige Wachstum.

Blackrock ist auf der ganzen Welt tätig. Worin unterscheidet sich der Schweizer Markt?

Aufgrund des überschaubaren Heimmarktes sind hiesige Versicherer und Pensionskassen seit je sehr international orientiert und investiert. Der Anteil ausländischer Aktien und Obligationen wächst zudem stark, da die Zinsrenditen höher sind als im Inland. Dies nicht zuletzt, um die Verpflichtungen in Franken erfüllen zu können. Zugleich stellen die Institutionellen in der Schweiz hohe Anforderungen an die jeweiligen Asset Manager. Denn der Wettbewerb unter den professionellen Vermögensverwaltern ist intensiv. Alle grossen Häuser sind vor Ort. Und alle paar Wochen siedeln neue Vertriebspartner an.

Was macht die Schweiz so attraktiv für Asset Manager?

Unser Land gehört in Europa zu den grössten institutionellen Märkten überhaupt mit einem Anlagepool von rund 800 Milliarden Franken bei den Pensionskassen und über 500 Milliarden Franken in der Assekuranz. Zugleich handelt es sich um einen Markt mit niedrigen Eintrittshürden. Die Ausschreibungen stehen allen Interessierten offen und laufen transparent ab.

Die Asset-Management-Initiative will
den Schweizer Forschungs- und Produktionsstandort stärken. Doch der Erfolg ist bislang bescheiden. Warum?

Die Diskussion ist konstruktiv. Aber ich habe das Gefühl, wir kommen nicht schnell genug voran. Wir können eine solch breite Initiative nur auf den Weg bringen, wenn alle massgebenden Anbieter die Dringlichkeit und die Bedeutung erkennen und an einem Strick ziehen. Der internationale Wettbewerbsdruck ist gross, und die Schweiz sollte als einer der führenden Vermögensverwaltungsstandorte mit Innovationskraft und Zugang zu Talenten die Chancen im Asset Management wahrnehmen.

* Christian Staub ist Leiter Blackrock Schweiz, Deutschland, Österreich und Osteuropa. Der 44-Jährige lebt in Zürich. In Harvard schloss er einen MBA ab, in St. Gallen erwarb er einen Master-Abschluss. Er ist CFA Charterholder.

 

Blackrock ist der grösste Vermögensverwalter der Welt. Er beschäftigt in der Schweiz 90 Mitarbeiter in Genf und Zürich. Neben einer Verkaufsorganisation hat Blackrock in Zürich auch ein Team aus Spezialisten für europäische Private-Equity-Investments.

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