Die jüngsten Schweizer Konjunkturdaten sind sehr positiv ausgefallen. Wird die KOF jetzt ihre Prognosen anheben?

Jan-Egbert Sturm: Es gibt ständig Korrekturbedarf in unserem Geschäft. Die Schweizer Konjunkturdaten sehen positiv aus. Sie sind sogar etwas erfreulicher, als wir erwartet haben. Die Schweizer Wirtschaft steht viel besser da als die der umliegenden Länder.

Bisher gehen Sie für 2010 von einem Wirtschaftswachstum von 0,6% aus. Könnte es sein, dass Sie Ihre BIP-Prognose für die Schweiz auf 1% anheben müssen?

Sturm: Das kann gut sein. Genaue Angaben machen wir aber erst in unserer Frühjahresprognose im März. Generell versuchen wir - damit meine ich unsere Konjunkturexperten in ihren jeweiligen Spezialgebieten - alle aktuell verfügbaren und relevanten Daten in unsere Prognosen einfliessen zu lassen. Die Zahlen, die wir schliesslich kommunizieren, entsprechen derjenigen Variante, die wir als die plausibelste «Zukunftsvision» erachten.

Bei welchen Prognosen sehen Sie den grössten Korrekturbedarf?

Sturm: Mit der Entwicklung am Arbeitsmarkt haben wir seit einiger Zeit zu kämpfen, in positiver Hinsicht. Der Schweizer Arbeitsmarkt ist robuster, als von den meisten Prognostikern vorhergesagt.

Warum?

Sturm: In der Schweiz wurde vor allem die Exportindustrie von der Krise getroffen. Im Exportsektor sind viele kleinere Firmen tätig, die bis jetzt sehr vorsichtig waren mit Entlassungen. Sie versuchen zum Beispiel aus sozialen Gründen, ihre Mitarbeiter so lange wie möglich weiter zu beschäftigen.

Haben wir bei der Arbeitslosigkeit den Höchststand bereits erreicht?

Sturm: Ich glaube nicht, dass der Höchststand schon erreicht ist. Es kann aber sein, dass sich der Arbeitsmarkt tatsächlich schneller erholt, als wir im Dezember gedacht hatten. Es ist möglich, dass die Marke von 5% nicht erreicht wird.

Könnten die Exportfirmen auf dem falschen Fuss erwischt werden, weil die Weltwirtschaft doch noch einmal einen Dämpfer kriegt?

Sturm: Einen Dämpfer können wir nicht ausschliessen. Die US-Wirtschaft hat noch immer mit strukturellen Problemen zu kämpfen. Weltweit sind noch viele faule Kredite nicht abgeschrieben. Hier besteht noch ein gewisses Gefahrenpotenzial. Das Risiko wird aber glücklicherweise immer geringer. Es ist daher eher wahrscheinlich, dass wir eine allmähliche Erholung sehen. Damit meine ich keinen Aufschwung, sondern eine Normalisierung in Richtung Wachstumsraten, die im langfristigen Mittel noch immer unterdurchschnittlich sind.

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In welcher Form werden sich die Wachstumsraten entwickeln? Ökonomen sprechen ja von L, U und W...

Sturm: ... momentan rechnen wir mit relativ konstanten Wachstumsraten, vielleicht etwas rückläufig, aber nicht negativ wie in einem W-förmigen «Double-Dip-Szenario». Es wird wohl eher ein «schräges L» werden.

Wann wird die Schweizer Wirtschaft wieder das Niveau erreicht haben, das sie vor der Krise einmal belegt hatte?

Sturm: Wenn wir von unseren Prognosen ausgehen, dürfte dies Ende 2011 der Fall sein. Die Schweizer Wirtschaft wurde von der Krise viel weniger stark getroffen als andere europäische Länder. Deshalb wird es vergleichsweise weniger lange dauern, bis die Krise überstanden ist. Das heisst aber nicht, dass bis dann alle Probleme, die zum Einbruch geführt haben, gelöst sind.

Wann zeigt sich, dass wir die Gefahr eines Rückschlags definitiv überstanden haben?

Sturm: Wenn wir es wieder schaffen, ohne Staatshilfe auszukommen. Dies könnte sich noch im 2.Halbjahr 2010 zeigen, wenn tatsächlich ein Grossteil der fiskalpolitischen Massnahmen weltweit auslaufen und die Zentralbanken wieder allmählich von ihrer Nullzinspolitik abkommen. Vor allem, wenn die Unternehmer wieder mehr investieren, könnte eine gewisse Eigendynamik in Gang kommen. Durch den enormen Konjunktureinbruch sind allerdings die Kapazitäten weltweit noch immer sehr stark unterausgelastet. Dies belastet die Investitionsfreudigkeit der Firmen noch längere Zeit - ein starker Aufschwung ist daher unrealistisch.

Dann wäre es gar nicht so tragisch, wenn die Banken ihre Kreditvergabe massiv einschränken würden?

Sturm: In der Schweiz war die Kreditklemme nie ein so grosses Problem wie etwa in den USA oder in England. Das Thema wurde in der Öffentlichkeit hochgespielt. Eine Kreditklemme wird erst zum Problem, wenn die Konjunkturaussichten optimistischer werden und die Firmen wieder mehr investieren möchten und hierbei auf Fremdkapital angewiesen sind.

Wann steigen die Notenbanken aus ihrer Krisenpolitik aus?

Sturm: Die Geldpolitik hat geholfen, dass die Banken ihre Geschäfte fortsetzen können und nicht bankrottgehen. Die Banken sind immer noch daran, ihre Strukturprobleme zu bewältigen. Das ist für mich einer der Gründe, weshalb ich nicht erwarte, dass die Zentralbanken rasch eine Wende in der Geldpolitik herbeiführen werden. Die Notenbanker haben immer noch die Geschäftsbanken im Hinterkopf. Sie werden jetzt aber langsam daran gehen, die geschaffenen grossen Geldmengen zurückzufahren.

Wann steigen die Leitzinsen?

Sturm: Die Leitzinsen werden in der 2. Jahreshälfte ansteigen. Allerdings werden die Geldpolitiker wegen der potenziellen Kreditklemmenproblematik und der noch ungelösten strukturellen Probleme im Bankensektor vorsichtig agieren. Ich erwarte, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) noch vor Jahresende die Leitzinsen anheben wird. Auch wenn dann die Zinsen um 25 Basispunkte steigen, bleibt das Niveau immer noch tief. Es besteht die Gefahr, dass die Zentralbanken zu spät aus der Krisenpolitik aussteigen, weil der politische Druck, die Zinsen niedrig zu halten, gross ist.

Wird dann die Inflation zum Problem?

Sturm: Nein, ich sehe keine grossen Inflationsprobleme. Es gibt keine Überauslastung der Kapazitäten bei den Firmen. Die Unternehmen verfügen kaum über den Spielraum, höhere Preise bei ihren Kunden durchzusetzen. Es ist unwahrscheinlich, dass ein grosser Preisdruck entsteht, solange wir keinen grösseren konjunkturellen Aufschwung sehen.

Alles im grünen Bereich: Doch was passiert, wenn die nächste Krise kommt und die bereits überschuldeten Staaten das Finanzsystem wieder retten müssen?

Sturm: Die grosse Angst ist, dass wir nochmals eine Krise dieses Ausmasses erleben. Dann hätten wir ein echtes Problem. Es bleibt aber zu hoffen, dass dies in den nächsten Jahren nicht wieder passiert. Kleinere Krisen können mit Hilfe der Geldpolitik bekämpft werden. Deshalb ist es auch so wichtig, dass die Zinsen rechtzeitig wieder steigen. Die Notenbanken erhalten dadurch mittel- bis langfristig wieder genügend Spielraum, um handlungsfähig zu bleiben. Es ist einfacher, die Zinsen auf ein respektables Niveau heranzuführen, als die Staatshaushalte wieder so in Ordnung zu bringen, dass ähnlich grosse Fiskalimpulse möglich sind.

Welche Folgen hat die hohe Verschuldung einiger europäischer Staaten wie Griechenland?

Sturm: Alle industrialisierten Länder mussten sich weiter verschulden - ausser der Schweiz. Die Schweiz ist in dieser Hinsicht eine Art «Oase der Glückseligkeit». Wir müssen davon ausgehen, dass vielen Staaten die Hände über längere Zeit ziemlich stark gebunden sind. Im Moment werden die Probleme in Griechenland durch die Kapitalmärkte wohl eher etwas überbewertet. Die strukturellen Probleme in Griechenland waren bereits vor der Krise da, sind aber jetzt sichtbarer geworden. Die Verschuldung in anderen Ländern wie zum Beispiel den USA wird demnächst auch die 100%-Grenze überschreiten und geht damit in die gleiche Richtung wie in Griechenland.

Die USA stehen genau so schlecht da wie Griechenland?

Sturm: Es ist immer schwierig, zwei Länder zu vergleichen. Aber es gibt gewisse Parallelen: Auch die USA kämpfen mit strukturellen Haushaltsproblemen und haben seit Jahren ein erhebliches Leistungsbilanzdefizit, das heisst Verschuldung gegenüber dem Ausland. Wegen ihrer Grösse wird dies aber durch die Finanzmärkte ganz anders wahrgenommen.