Als die USA vor Wochen Sanktionen über Russland verhängten, preisten die Finanzmärkte die veränderte Lage ein. Weshalb jetzt die verschreckte Reaktion der Investoren nach dem Entscheid der EU, die Investition in Aktien und Anleihen einzelner russischer Firmen zu verbieten?
Thomas Isler*: Es ist klar, dass die Sanktionen Russland treffen werden – allerdings diesmal eher auf der Finanzseite als direkt bei der Wirtschaftskraft. Entsprechend sind die Preise für Kreditversicherungen auf Anleihen von sanktionierten Firmen gestiegen, und die Renditen von russischen Firmenbonds sind in die Höhe geschossen. Gelitten hat auch der russische Aktienmarkt. Mit 9 Prozent Verlust hinkt er dieses Jahr anderen Börsen hinterher. Um eine Schwächung des Rubels zu verhindern, erhöhte die russische Zentralbank auch die Leitzinsen. Das zeigt, dass die Sanktionen nicht auf die leichte Schulter genommen werden.

Auch interessant
 
 
 
 
 
 

Doch die EU nimmt die für sie selber wichtigen Gaslieferungen von Sanktionen aus. So felsenfest ist die Haltung gegenüber Russland auch wieder nicht, oder?
Ganz offensichtlich tut sich die EU wie die USA schwer mit Massnahmen im Energiebereich. Denn kommt es dort zu Engpässen, wäre rasch auch die eigene Wirtschaft betroffen. Wir glauben deshalb, dass in diesem Bereich kaum mit weiteren Verschärfungen zu rechnen ist.

I-CV empfiehlt den Investoren das Halten von Anleihen des staatlichen Energieriesen Gazprom. Besteht denn nicht die Gefahr, doch noch auf dem falschen Fuss erwischt zu werden?
Gemessen an der Bilanzsumme ist der Refinanzierungsbedarf bei Gazprom relativ gering. Das gilt auch für zahlreiche weitere russische Grosskonzerne. Wir erwarten daher, dass die Sanktionen wenigstens kurz- bis mittelfristig wenig Auswirkungen auf die Gesundheit dieser Unternehmen haben werden. Langfristig ist jedoch mit mehr Volatilität bei den Anleihenrenditen zu rechnen. Deshalb muss bei Anlegern eine gewisse Risikobereitschaft vorhanden sein.

Die Schweiz schliesst sich der von der EU beschlossenen Kapitalsperre nicht an. Werden sich russische Firmen vermehrt in Franken refinanzieren und damit die Schweiz als Schlupfloch nutzen, wie es der Bundesrat befürchtet?
Tatsächlich hat der Schweizer Kapitalmarkt in den letzten Jahren für russische Firmen klar an Bedeutung gewonnen. Firmen wie Gazprombank oder VTB emittierten dieses Jahr bereits neue Anleihen. Der Markt ist attraktiv, weil im Gegensatz zur EU und zu den USA auch kleinere Tranchen von 100 bis 200 Millionen Franken begeben und meist auch mühelos platziert werden können.

Also ist die Schweiz das perfekte Schlupfloch?
Wenn sich im Euro- und Dollarmarkt die Emissionen verteuern, steigen die Risikoprämien aber auch bei Franken-Anleihen. Das könnte sich ändern, wenn die Refinanzierung in den USA und der EU langfristig blockiert bliebe und die Schweiz sich den internationalen Sanktionen nicht anschliessen würde. Dann würde die Schweiz wohl zu einer Alternative werden.

Die Rating-Agentur Standard & Poor’s stufte die Bonitätsnote Russlands schon vor Monaten herab; die anderen Agenturen sehen nun einen schlechteren Ausblick. Damit verteuert sich die Refinanzierung für Russland nochmals?
Das ist so. In dem Sinne sind das Sanktionen, die den Westen nicht selbst treffen.

Fügten sich die Rating-Agenturen denn politischem Druck?
Die Agenturen stehen unter Druck. Aber der kommt wohl in erster Linie von den Investoren. In der Euro-Krise haben die Agenturen viel zu langsam auf die Lage in der EU-Peripherie reagiert. Nun haben sie rasch bessere Bonitätsnoten verteilt, als Peripherieländer jüngst wieder ihre Kapitalmarktfähigkeit erlangten. Nach dem gleichen Kalkül müssten sie nun rasch reagieren, wenn Russland seine Kapitalmarktfähigkeit verliert.

Sollten Investoren Russland meiden?
Wenn Anleger Schwankungen aushalten können, besteht derzeit wenig Grund, einen Bogen um Russland zu machen.

* Thomas Isler ist Analyst beim unabhängigen Anleihen- und Bonitäts-Spezialisten Independent Credit View I-CV in Zürich.