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«Schweizer sind stark auf Gut und Böse fixiert»

Impact Investing: Manche Firmen sehen Nachhaltigkeit als Kosmetik.  Keystone

Immer mehr Anleger legen Wert auf Umwelt und Soziales: Impact Investing bietet eine Lösung. Wie das Geschäft läuft und warum auch Tesla keineswegs perfekt ist, erklärt Axa-Anlageexperte Christensen.

Von Julia Fritsche
am 16.03.2017

Macht Impact Investing aus Anlegern bessere Menschen?
Matt Christensen*: Das ist wohl etwas übertrieben. Aber Anleger bekommen ein besseres Verständnis für Ihr Investment. Sie verstehen, was mit Ihrem Geld passiert und können zum Beispiel sagen: Mein Geld hat geholfen, den CO2-Fussabdruck einer Firma zu senken. Oder: Mein Geld hat Leuten den Zugang zu einem Bankkonto ermöglicht.

Wer entscheidet sich für ethische Investments?
Für immer mehr Menschen wird die Frage nach der Sinnhaftigkeit wichtiger. Die Millenials sind ein Paradebeispiel dafür: Die jungen Menschen kaufen mehr Bio. Sie wollen nachhaltige Kleidung, die nicht von einem Vierjährigen genäht wurde – sondern einer erwachsenen Person, die fair bezahlt wurde. Wenn wir solche Trends erkennen, können wir als Investor profitieren: Bio-Produkte sind ebenso ein Wachstumsmarkt für Lebensmittelhersteller, wie Tesla ein Revolutionär in der Autobranche ist. Da gibt es dann auch richtige Profitchancen.

Oft heisst es: Entweder nachhaltig oder profitabel. Was ist Ihre Antwort auf diese Kritik?
Ich habe 2002 in der Industrie angefangen und höre diese Kritik immer seltener. Hier in der Schweiz vielleicht noch etwas öfter. Anlegern sind die sogenannten ESG-Faktoren immer wichtiger, die analysieren, wie sich Unternehmen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung verhalten. Mittlerweile fragen Leute, warum sie Nachhaltigkeitsfaktoren nicht berücksichtigen sollen.

Wer ist für Sie ein Paradebeispiel für nachhaltiges und zugleich profitables Geschäften?
Schneider Electric, ein grosses Elektrotechnik-Unternehmen aus Frankreich, gilt gemeinhin als langweilige Firma. Sie positioniert sich aber erfolgreich als Zulieferer, der Trends im Bereich Nachhaltigkeit antizipiert und seine Kunden zu umweltfreundlicheren Unternehmen macht. Das zeigt sich von der Produktelinie bis auf die Vorstandsebene. Als einzige Firma in ihrem Bereich gibt sie grüne Anleihen heraus. Die Erlöse davon fliessen direkt in die Forschung und Entwicklung neuer Produkte – auch das ist ein innovativer Ansatz.

Tesla wird oft als Vorzeigefirma präsentiert.
Genau, Teslas Story ist super: Sie wollen ein Auto bieten, das sowohl für den Luxusmarkt als auch für den Massenmarkt erschwinglich ist, das Fahren sicher macht, den CO2-Fussabdruck der Fahrer senkt. Aber kein Unternehmen ist perfekt. Tesla nämlich sorgte vor etwa sechs Monaten für Schlagzeilen, weil es Arbeiter in der Zuliefererkette schlecht bezahlte. Viel entscheidender ist deshalb, wie Firmen mit den ESG-Risiken umgehen und ob es ihnen gelingt, daraus Profit zu schlagen.

Wie gewichten Sie die drei Faktoren, wenn es wie bei Tesla Widersprüche gibt?
Wir schauen uns Sektoren an. Denn in der Realität ist es tatsächlich häufig so, dass ein Unternehmen nicht bei allen ESG-Faktoren gleich gut abschneidet. Daher ist für uns im Finanzsektor etwa der Faktor Unternehmensführung entscheidend. Auch Banken prüfen wir zwar auf ihr Verhalten in den Bereichen Soziales und Umwelt. Für den Erfolg dieser Branche zählen aber die Geschäftsleitung, das Management und wie sie bezahlt werden.

Und in der Autoindustrie?
Bei Tesla ist Umwelt der Faktor Nummer eins. Das gilt auch für die ganze Branche. Gerade die Sprengkraft der Dieselaffäre bei Volkswagen hat gezeigt, dass Unternehmen extrem sorgfältig arbeiten müssen. Für uns ist dieses Beispiel eine Lektion für die gesamte Industrie. Andere Punkte, wie etwa das angesprochene Bezahlproblem bei Tesla, haben eher kurzfristig Folgen und beeinflussen dann zum Beispiel den Aktienkurs negativ.

Versuchen Sie die Unternehmen zu erziehen?
Unsere quantitative Datenbank umfasst 5000 Firmen, da können wir nicht mit allen sprechen. Wo wir aber beteiligt sind oder ein spezielles Interesse haben, suchen wir den Dialog. Die Abstimmungen an Generalversammlungen sind wichtig: Wir entscheiden bei allen Firmen, in die wir investieren, ob wir ein Traktandum annehmen oder ablehnen. Ölfirmen, Minenbetreiber und Energieversorger haben wir alle aufgefordert, klar darzulegen, wie sie mit der Umweltproblematik umgehen.

Sehen Sie sich als Polizist?
Ich muss bereit sein, zu stochern und nachzufragen. Ich sehe mich weniger als Polizist, sondern mehr als jemanden, der dort aufräumt, wo sich andere zieren.

Wie stark sind Unternehmen bereit, sich zu ändern?
Manche Firmen sind sogar weiter als wir Investoren. Die freuen sich, wenn sie jemand nach ihrem Engagement fragt. Es gibt aber auch die vielen anderen Fälle: Nehmen Sie etwa eine Firma, in dessen Geschäftsleitung ausschliesslich Männer aus dem gleichen Land sitzen – am besten kommen sie dann auch noch von der gleichen Universität. Dann denken alle gleich, ob sie es wollen oder nicht, und wir müssen ihnen sagen: «Tut uns leid – so passt Ihr nicht in die moderne Welt.»

Wie nehmen die Firmen solche Kritik auf?
Manche sind schlicht nicht interessiert an unserer Meinung. Häufiger aber wird Kritik positiv aufgenommen und wir werden gefragt, wie sie sich verbessern können. Statt auf Konfrontation setzen wir auf Dialog.

Wie gross ist die Gefahr von «Greenwashing»?
Es wird immer Firmen geben, die Nachhaltigkeit als Kosmetik betrachten. Als Investoren schauen wir natürlich darauf, dass die Unternehmen es auch ernst meinen.

Aktuelles Beispiel?
Exxon hat gerade zum ersten Mal einen Klimaverantwortlichen ernannt. Nun muss sich zeigen, was das heisst. Als Skeptiker sage ich, sie haken die Klimaproblematik ab. Wenn ich es aber ernst nehme, muss ich nachfragen: Was macht Ihre Klimaperson? Wie ist sie in die anderen Geschäftseinheiten eingebunden? Dann zeigt sich schnell, ob es «Greenwashing» ist oder eine ernsthafte Aktion.

Gibt es überhaupt genügend «gute» Firmen zum Investieren?
Kein Unternehmen ist perfekt. In der Schweiz, so mein Eindruck, ist man immer noch stark auf «gut und böse» fixiert. Für mich gibt es diesen Unterschied nicht. Viel wichtiger ist uns, wie Firmen die ESG-Faktoren managen und wer in diesem Bezug am erfolgreichsten dasteht. So gesehen, gibt es viel zu investieren.

Waffenhersteller oder Atomproduzenten – auch solche Firmen sind halbgut?
Dazu haben wir Regeln, die für unser gesamtes Unternehmen gelten. So sind einige Investitionen grundsätzlich ausgeschlossen. Agrarrohstoffe etwa stehen im Verdacht, wegen Spekulationen Lebensmittel in Entwicklungsländern zu verteuern. Oder die Palmölproduktion, die zur Abholzung von Regenwäldern in Malaysia und Indonesien führt. Die Waffenindustrie ist ebenfalls tabu. Weitere Ausschlüsse sind gerade in der Pipeline, aber noch nicht spruchreif.

Wie steht es um Atomkraft?
Nukleare Energie ist in Ordnung – wir sind schliesslich ein französisches Unternehmen.

Welche Sektoren sind vielversprechend?
Da ist sicher die Autoindustrie, neue Technologien etwa von Tesla krempeln die Branche um. Ein anderes Beispiel ist die Finanzwelt, wo die Krise einen Wandel angestossen hat: Fortschritte sehen wir bei der Einschränkung von übertriebener Spekulation oder bei Managergehältern. Wir investieren in Unternehmen, die nicht bei ersten Problemen wieder in alte Muster zurückfallen. Pharma ist auch interessant: Firmen wie Roche oder Novartis legen starken Wert darauf, dass ihre Medikamente auch Leute erreichen, die bisher keinen Zugang dazu hatten. Novartis etwa verkauft im Rahmen seiner «Access-to-Medicine»-Strategie Behandlungen in armen Ländern für 1 Dollar pro Monat. Stark ist beim Basler Pharmakonzern zudem das Portfolio und die Pipeline an Medikamenten, die sich an Leute in Entwicklungsländern richten.

Wo ist das Interesse für Ihre Produkte besonders gross?
In Europa, so stelle ich fest, sind die Leute stärker sensibilisiert als zum Beispiel in Japan. Im Gegensatz dazu steht aber die USA: In den letzten acht Jahren hat es dort einen regelrechten Boom gegeben – von Geschäfts- und Investorenseite.

Nun aber ist Donald Trump an der Macht.
Genau und Nachhaltigkeit gehört nicht zu seinem Programm. Vielmehr will Trump rückwärtsgewandt zum Beispiel auch wieder Kohle fördern oder Nationalparks umgraben. Die Zukunft ist das aber sicher nicht, davon sind wir überzeugt. Wir gehen davon aus, dass auch Trumps Politik den Trend der letzten Jahre für mehr Nachhaltigkeit – auch beim Investieren – nicht brechen kann. Für uns ist seine Politik viel Lärm um nichts.

Hat das Niedrigzinsumfeld Ihrer Anlageklasse geholfen?
Renditeschwache Green Bonds haben profitiert. In einem Niedrigzinsumfeld ist ein schwacher Ertrag kein wirklicher Nachteil mehr. Gleichzeitig kann man aber genau nachvollziehen, was mit dem investierten Geld passiert. Investoren, gerade auch in der Schweiz, schätzen den Zusatznutzen für das Geld. Etwa im Vergleich zu Staatsanleihen aus der Schweiz oder Deutschland, die null oder gar eine negative Rendite bringen.

Sehen Sie sich noch immer als Nischenplayer?
2011 haben wir zu sechst angefangen, jetzt sind wir 15 und Ende des Jahres werden wir 20 sein. Unser Team wird immer wichtiger – für Produkte und auch interne Recherchen. Ein zweiter Indikator: Als ich bei Axa angefangen habe, bin ich in Europa rumgereist, jetzt besuche ich Australien, Japan, die USA, Lateinamerika – alles getrieben von Nachfrage. Wir sind also längst auf dem Weg in den Mainstream. Aber: Noch immer gibt es grosses Wachstumspotenzial und das Geld beginnt erst jetzt richtig zu fliessen.

* Matt Christensen, Head of Responsible Investment, AXA Investment Managers

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