In letzter Zeit war der Nahrungsmittelriese vor allem im Zusammenhang mit Äusserungen seines VR-Präsidenten Peter Brabeck zu Managerlöhnen und -boni im Gespräch. Mit der am 22. Oktober bevorstehenden Veröffentlichung der 3.-Quartals-Zahlen liegt die Aufmerksamkeit rund um Nestlé nun wieder mehr auf wirtschaftlichen denn politischen Aspekten. Im Vorfeld des 1.-Halbjahr-Ergebnisses wurde noch ein organisches Wachstum von 5% per Ende Jahr prognostiziert, dieser Wert muss jedoch im aktuellen Umfeld leicht nach unten korrigiert werden.

Dies heisst aber nicht, dass Nestlé in der 2. Hälfte des schwierigen Jahres 2009 vom Kurs abzukommen droht: Eine Mehrzahl der Analysten attestiert Nestlé gute Aussichten für nächstes Jahr. Diese Prognose wird durch das stetig steigende organische Wachstum in den Schwellenländern genährt. Die Geschäfte laufen für Nestlé vor allem in Asien und Ozeanien und in etwas geringerem Ausmass auch in Südamerika vielversprechend.

Auf der anderen Seite bleibt Europa das grösste Sorgenkind des Nahrungsmittelgiganten: Sinkende Volumenzahlen machen Nestlé auf dem alten Kontinent weiterhin zu schaffen. Verantwortlich dafür ist zum jetzigen Zeitpunkt hauptsächlich das schwache konjunkturelle Umfeld. Im vergangenen Jahr wurde die Lage laut Vontobel-Analystin Claudia Lenz noch aufgrund starker Preiserhöhungen, bedingt durch teure Rohstoffe, verschärft. Mit den sinkenden Rohstoffpreisen erfolgte auch eine gewisse Entwarnung für die europäischen Märkte. Auch wenn das organische Wachstum in Europa zu keinem Zeitpunkt negative Vorzeichen annahm, müssen die abnehmenden Volumenzahlen der Nestlé-Geschäftsleitung einige Sorgenfalten bereitet haben.

Anzeige

Positive Volumenzahlen ab 2010

Geht es nach der Prognose von Lenz, dürften die Volumenzahlen in Europa ab 2010 wieder positiv ausfallen. Wann der Umschwung genau erfolgt, hänge aber vom wirtschaftlichen Umfeld ab. Auf dem amerikanischen Kontinent habe diese Entwicklung bereits eingesetzt und dürfte im 3. Quartal beschleunigt worden sein.

Vorsichtiger Optimismus herrscht auch bei den meisten Sparten, in denen Nestlé operiert. Nespresso verzeichnet unverändert traumhafte Wachstumsraten von 20 bis 25%. Die Eröffnung der Nespresso-Fabrik in Avenches war völlig richtig. Anders bei der Sparte Nutritions: Im 1. Halbjahr 2009 musste Nestlé aufgrund negativer Währungseffekte einen Umsatzrückgang verbuchen. Allerdings erwartet Lenz für diesen Bereich ein organisches Wachstum von 5,4%, bei Petcare soll dieses gar 8,5% betragen.

Am meisten Kopfschmerzen dürfte Nestlé immer noch die Sparte Wasser bereiten. Hier gab es noch keine Wende beim Volumenrückgang und auch das organische Wachstum war im 1. Halbjahr negativ. Die starke Ausrichtung auf Europa und die USA, die durch Private Labels verursachte Konkurrenz sowie der vermehrte Konsum von Hahnenwasser sind laut Lenz die Hauptprobleme der Sparte Wasser.

Einziger Lichtblick in diesem Zusammenhang ist momentan das Produkt Pure Life, das in den USA zweistellige Wachstumsraten verzeichnet. «Nestlés Herausforderung im Bereich Wasser ist es, abzuschätzen, ob besagte Probleme einem strukturellen Wandel zugrunde liegen oder bloss temporärer Natur sind», so Lenz.

Kaum Überraschungspotenzial

Generell bestehe wenig Überraschungspotenzial für das 3.-Quartals-Ergebnis 2009, Gleiches gelte auch für den Aktienkurs, erläutert Lenz. Unsicherheit besteht vor allem bezüglich der maximal 28 Mrd Dollar, die durch den Verkauf der übrigen 52% der Alcon-Anteile an Novartis ab Januar 2010 in Nestlés Kassen fliessen. Gerüchte, die sich um einen Kauf von Cadbury oder l'Oréal ranken, dürften sich als haltlos erweisen. «Ein weiteres Aktienrückkaufprogramm oder eine Übernahme im Nahrungsmittelbereich erachten wir als wahrscheinlicher», so Lenz. Tatsächlich hat Nestlé bereits einige Male verlauten lassen, dass sie im Segment der gesundheitsfördernden Produkte und im Premiumbereich ihre Position stärken möchte. Die beschriebenen Unsicherheiten können jedenfalls die positive Prognose für 2010 nicht beeinträchtigen: Lenz erwartet beim Gewinn pro Aktie ein Wachstum von 10% und rät zum Kauf des Nestlé-Valors.

Anzeige