Die Jahreszahlen von ABB, die CEO Joe Hogan am 18. Februar präsentieren wird, dürften keine Freudensprünge auslösen. Zu hart hat die Rezession den Elektro- und Automationskonzern getroffen. Und sie dauert an: Hogan geht davon aus, dass private Investitionen erst 2011 oder sogar 2012 aufs Niveau vor der Krise zurückkehren werden.

Die Trendwende erwartet der Amerikaner an der ABB-Spitze erst in der 2. Jahreshälfte 2010. Etwas pessimistischer sieht es Peter Löscher, der Chef von Konkurrent Siemens. Nach seiner Aussage dürfte sich die Auftragslage der Technologiebranche 2010 sogar noch etwas verschlechtern, bevor sie allmählich wieder aufs Niveau von 2007 und 2008 steigt. Richard Frei, Analyst bei der Zürcher Kantonalbank, erwartet, dass die Auftragseingänge im 4. Quartal 2009 wiederum zurückgegangen sind. Bei den Basisaufträgen, also Aufträgen in der Grössenordnung bis 15 Mio Dollar, rechnet der Analyst mit einem Rückgang von 5% gegenüber dem Vorjahresquartal.

Früher vor Ort

Doch sieht die Analystengemeinde auch Chancen, dass sich ABB schneller als die Branche erholen wird. «In den Schwellenländern ist ABB besser als beispielsweise Siemens oder Areva positioniert», sagt Frei. Der Konzern habe das Potenzial der Schwellenländer früher als andere erkannt und sich eine gute Ausgangslage gesichert. Statt den Marktzugang mit eigenen Mitteln zu erzwingen, wählte ABB den insgesamt weniger steinigen Weg über Partnerschaften mit lokalen Elektroausrüstern. Dahinter steckte die Logik, dass bei lukrativen staatlichen Infrastrukturaufträgen in erster Priorität einheimische Firmen berücksichtigt würden.Die Rechnung ging auf. Mittlerweile fliessen ABB 55% der Umsätze aus den Schwellenländern zu. ABB ist an über 25 chinesischen Firmen und Joint Ventures beteiligt und ist damit Branchenprimus. Auch in Indien wird ABB mittlerweile als ein lokaler Elektroausrüster angesehen, nicht zuletzt, weil sie dort forscht und produziert. Zudem ist ABB an der indischen Börse in Mumbai kotiert. Indien ist nach China der zweitwichtigste Wachstumsmarkt für ABB: Das Land investiert 8% des jährlichen BIP in Infrastruktur und betreibt mittlerweile das drittgrösste Stromnetz der Welt.Das Engagement in den Schwellenländern birgt allerdings auch Risiken. Um die Konjunktur zu bremsen, dürfte China in nächster Zeit seine Infrastrukturprojekte massiv nach unten fahren, was sich sowohl auf die Auftragseingänge als auch die Margen von ABB negativ auswirken könnte.

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Kartellrechtliche Untersuchung

Damit gewinnt das Kostensenkungsprogramm von ABB eine noch grössere Bedeutung. Die Firma will bis Ende 2010 2 Mrd Dollar einsparen. Sorgen bereitet ABB noch immer die Robotersparte, die Fertigungsautomaten vor allem an die krisengeschüttelte Automobilindustrie liefert. Nach Einschätzungen der Analysten dürfte die Sparte auch in den nächsten Jahren defizitär bleiben.Solange der Wind für die Technologiebranche rau weht, bleiben die Firmenbewertungen niedrig. Grössere Akquisitionen scheint Joe Hogan jedoch keine zu planen. Vielmehr bemüht sich ABB um Schadensbegrenzung in Russland, wo für Unregelmässigkeiten mit der Verrechnungssteuer eine Busse in dreistelliger Millionenhöhe befürchtet wird. Ausserdem droht neues Ungemach mit den EU-Wettbewerbsbehörden in Zusammenhang mit Preisabsprachen: Eine direkte Auswirkung des Preisdrucks in der Branche.