Welche Entwicklungen prägen die Schwellenländer aktuell?

Im Handelskonflikt, den das Weisse Haus vor einigen Monaten angezettelt hat, gibt es keinerlei Anzeichen einer Entspannung, und seine Auswirkungen auf das Wachstum sind in Asien bereits zu spüren. Hier waren die PMI-Umfragewerte – insbesondere die Indizes für neue Exportaufträge – rückläufig. Die USA halten an ihrem antagonistischen, merkantilistischen Kurs fest und bauen immer mehr Zollschranken für den bilateralen Handel auf. Und da weder aus Washington noch aus Peking auch nur das geringste Signal einer Deeskalation kommt, wäre es unklug, zu diesem Zeitpunkt eine konkrete Verbesserung der chinesisch-amerikanischen Beziehungen vorauszusagen. De facto hat der Zollstreit von der Tatsache abgelenkt, dass die Weltkonjunktur zusehends an Dynamik verliert.

Das ist insbesondere in China zu sehen, wo zuletzt enttäuschende makroökonomische Daten gemeldet wurden. Die Regierung in Peking versucht, die Konjunktur mit antizyklischen Massnahmen zu stützen, die 2019 ihre Wirkung entfalten dürften. China verfügt aber über immer weniger Flexibilität, da das Land keinen Leistungsbilanzüberschuss mehr erzielt und langfristige Finanzierungen wie ausländische Direktinvestitionen stark zurückgegangen sind. Das wiegt schwer auf der Zahlungsbilanz des Landes. Dadurch hat die Regierung weniger Handlungsspielraum und geld- oder fiskalpolitische Anreize, die die Nachfrage nach Rohstoffen und Metallen aus China künstlich ankurbeln würden, sind für China ein immer weniger eine Alternative. Das Umfeld dürfte auch 2019 unsicher bleiben. Die Schwellenländer werden solange vor Herausforderungen stehen, bis sich eine Lösung für die skizzierten Problemfelder abzeichnet: die makroökonomische Unsicherheit, klarere Anzeichen einer geldpolitischen Lockerung vonseiten der People’s Bank of China und eine Deeskalation des Handelsstreits zwischen China und den USA.

Was bedeutet das für Schwellenländerinvestments?

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage: Wann erreichen wir einen günstigen Zeitpunkt für Investitionen in Schwellenländer? Ein Engagement in Schwellenländer ist wegen ihres langfristigen Wachstumspotenzials sinnvoll. So kann bevorzugt in Unternehmen aus schwach abgedeckten Sektoren investiert werden, die am meisten von langfristigen Trends profitieren werden und langfristiges Wachstum unabhängig von den Marktbewegungen bieten. Zudem kann angeschaut werden, wo sich Branchen entwickeln, in welcher Entwicklungsphase sie sich befinden und welches Zukunftspotenzial sie haben. Innerhalb dieser Sektoren können die Unternehmen ausgewählt werden, die eine klare Strategie verfolgen, diszipliniert sind und über die finanziellen Mittel verfügen, um ihr Ziel zu erreichen.

Am besten lässt sich dies bei Schwellenländeranlagen am Beispiel des Technologiesektors veranschaulichen. Das Schwellenländeruniversum hat sich in den letzten 20 Jahren von einem Handelsplatz für Rohstoffe und Infrastrukturinvestitionen zu einem innovations- und technologieorientierten Anlageuniversum entwickelt. Vor zehn Jahren hatte der IT-Sektor nur einen Anteil von 14 Prozent am MSCI Emerging Market Index, wohingegen der Grundstoff- und Energiesektor 20 Prozent des Index ausmachte. Heute liegt der Anteil des IT-Sektors bei 27 Prozent und der Anteil des Rohstoffsektors (Grundstoffe und Energie) bei weniger als 15 Prozent. Es ist schwer zu sagen, wie sich der Index in den kommenden zehn Jahren entwickeln wird, aber seine derzeitige Zusammensetzung ist deutlich stärker auf die Themen ausgerichtet, in die in den Schwellenländern bevorzugt investieren werden könnte: eine aufsteigende Mittelschicht, Konsumbelebung, Innovation und disruptive Technologien. Obwohl Technologie ein sehr breit gefasstes Konzept ist, lag der Schwerpunkt in den letzten drei Jahren auf der Digitalisierungswelle, die wir derzeit erleben. Aus diesem Grund konzentrieren sich viele Anleger auf E-Commerce- und Social-Media-Giganten wie Tencent, Amazon oder Facebook.

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Jenseits der Big-Player

Allerdings gibt es noch einen anderen grossen Trend, der meist ausser Acht gelassen wird: die Entwicklung der technologischen Infrastruktur. 2012 betrug die durchschnittliche monatlich genutzte Datenmenge pro Kopf 500 MB. Heute verbrauchen wir im Durchschnitt 10 GB. Schätzungen zufolge wird dieses Volumen bis 2025 auf 62 GB steigen. Internetaktien und ähnliche Werte werden zweifellos am meisten von diesem Trend profitieren. Sie werden jedoch nicht die Einzigen sein, weil dies auch ein starkes Wachstum für Hardwareunternehmen wie Chiphersteller, Anbieter von Speicherlösungen usw. mit sich bringt. An den aufstrebenden Märkten gibt es zahlreiche disziplinierte Unternehmen, denen dieser strukturelle Trend in den nächsten zehn bis zwanzig Jahren erheblich zugutekommen wird.

*Xavier Hovasse, Head of Emerging Equities bei Carmignac.