Vor Ihrer Zeit bei der St. Galler Kantonalbank (SGKB) arbeiteten Sie lange Jahre bei der UBS. Aus Sicht des Insiders: Ist die Grossbank nun über den Berg?

Roland Ledergerber: Ich hoffe es. Die UBS hatte ja im Wesentlichen ein Liquiditätsproblem. Dieses Problem scheint nun mit dem gemeinsamen Hilfspaket von SNB und Bund gelöst zu sein.

Also muss nicht mit weiteren Finanzspritzen gerechnet werden?

Ledergerber: Die Massnahmen wurden nicht zuletzt deshalb notwendig, weil die Länder ringsum bereits Rettungspakete gesprochen hatten. In der Folge hatten deren Banken eine faktische Staatsgarantie und damit Vorteile bei der Refinanzierung am Markt. Aus meiner Sicht ist die materielle Sicherheit der UBS gewährleistet.

Eine faktische Staatsgarantie hat jetzt auch die UBS. Was bedeutet dies für Ihr Institut, das in der Krise wesentlich vom Staatsbank-Bonus profitiert hat?

Ledergerber: Die Finanzkrise hat eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte ausgelöst. Gefragt ist ein einfaches, transparentes Geschäftsmodell, das der Kunde versteht. Hinzu kommt, dass Sicherheit wieder vor Rendite gestellt wird. All diese Punkte sind seit jeher Eckpfeiler unseres Geschäftsmodells. Die UBS hat sich nun zwar finanziell abgesichert, die ganze Enttäuschung und der Ärger ? die emotionale Bilanz ? sind aber noch nicht bereinigt.

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Die SGKB hat also noch einen Vorsprung?

Ledergerber: Mit Sicherheit.

Und wie schlägt sich dieser Vorsprung bei den Neugeldern nieder? Fliessen Ihnen immer noch die Gelder verunsicherter Grossbankkunden zu?

Ledergerber: Eindeutig, wir stellen diesen Trend weiterhin fest. Die heisse Phase dürfte aber nach dem Rettungspaket vorüber sein ? die Massnahme verstärkte ja bei den UBS-Kunden eher noch den Verdacht, dass ihre Bank Probleme habe. Die Rückbesinnung auf traditionelle Werte wird uns aber auch in den nächsten Monaten noch Kunden zuführen.

Damit teilen Sie etwa mit der Zürcher Kantonalbank das Luxusproblem, über mehr Neugeld zu verfügen, als Sie am gebeutelten Kreditmarkt ausleihen können. Mussten Sie schon Kapital abweisen?

Ledergerber: Das war ein Thema für uns, wir sind teilweise massiv überliquide geworden. Wir haben folgendermassen auf die Situation reagiert: Gelder aus unserem regionalen Einzugsgebiet werden weiterhin angenommen. Wer sein Kapital aber nur vorübergehend bei uns in Sicherheit bringen will, dem wird im einen oder anderen Fall eine Absage erteilt.

Hat sich die Klemme am Interbankenmarkt entspannt?

Ledergerber: In den letzten Tagen hat eine Entspannung eingesetzt. Aber wir sind bei weitem noch nicht beim idealen Zustand angelangt. Und jede negative Überraschung wird die Lage verschlimmern.

Ist denn mit weiteren schlechten Neuigkeiten am Finanzmarkt zu rechnen?

Ledergerber: Wir gehen davon aus, dass die Finanzkrise noch 12 bis 18 Monate anhalten könnte und dass die Krise auch einen wirtschaftlichen Abschwung nach sich ziehen wird. So gesehen dürfte es bis zu einem Jahr dauern, bis die Märkte wieder Tritt fassen. Bis dahin wird die Volatilität an den Börsen hoch bleiben.

Bewegt zu und her geht es auch im Streit mit dem Ausland um Steuerflüchtlinge und um das Bankgeheimnis. Rechnen Sie jetzt nach der Wahl Barack Obamas und den teuren Rettungspaketen mit einer weiteren Verschärfung?

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Ledergerber: Die Begehrlichkeiten werden steigen. Es ist ein probates Mittel, mit aussenpolitischen Aktionen von innenpolitischen Problemen abzulenken ? und die Stärke des Finanzplatzes Schweiz ist hier natürlich eine Zielscheibe. Persönlich bin ich der Meinung, dass das Bankgeheimnis für die Schweiz nicht verhandelbar ist. Die Schweiz muss sich als souveräner Staat diesen Begehrlichkeiten entgegenstellen.

Aber um Zugeständnisse wird die Schweiz wohl nicht herumkommen?

Ledergerber: Nein, es wird keine Zugeständnisse geben, weil gar nicht erst verhandelt werden darf.

Trotzdem fährt die SGKB eine Absicherungsstrategie: Sie eröffnen 2009 in Deutschland eine Tochterbank und umgehen so mögliche Pressionen gegen den Offshore-Finanzplatz Schweiz.

Ledergerber: Auf unternehmerischer Ebene sehen wir natürlich gewisse regulatorische Entwicklungen, und dies hat uns davon überzeugt, jetzt eine Tochtergesellschaft nach deutschem Recht zu eröffnen. Ausschlaggebend ist aber auch, das Deutschland langfristig ein interessanter Markt ist.

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Ist der Podestplatz der Schweiz als Nummer eins im Offshore-Banking denn nicht mehr zu halten?

Ledergerber: Die Schweiz wird auf absehbare Zeit der führende Player im Offshore-Private-Banking bleiben, weil sie Tradition, Know-how und Stabilität auf einzigartige Weise verbindet. Die relative Bedeutung des Offshore-Bankings wird aber zurückgehen zugunsten eines verstärkten Auslandsengagements hiesiger Banken.

Doch dafür braucht es das richtige Timing: Sie starten in einem Deutschland, dessen Konjunkturausblick stark eingetrübt ist.

Ledergerber: Das Umfeld ist sicher nicht einfacher geworden. Bezüglich Deutschland haben wir aber einen grundlegenden strategischen Entscheid gefasst, der nicht durch vorübergehende Verwerfungen beeinträchtigt werden sollte. Ausserdem bietet die Krise auch Chancen: Viele deutsche Kunden sind sehr unzufrieden mit ihrer Bankbeziehung und damit wechselwillig.

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Verläuft das Projekt nach Plan?

Ledergerber: Rekrutierung, Liegenschaft und Outsourcing verlaufen wie geplant, der Lizenzantrag an die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht ist eingereicht. Im 2. Quartal 2009 sollten wir starten können.

Erwarten Sie, dass es länger dauert, bis die Tochter rentabel arbeitet?

Ledergerber: Das lässt sich aus heutiger Sicht nicht sagen. Ich nehme nicht an, dass wir unseren Business-Case überarbeiten müssen.

Sie haben noch eine andere neue Tochterbank, die inzwischen voll integrierte Hyposwiss Genf. Diese ist vorab im Hedge-Fonds-Bereich tätig: Hat sie unter den Verlusten der Hegde-Branche gelitten?

Ledergerber: Es stimmt, Hedge-Fonds durchlaufen eine schwierige Zeit. Wir sehen aber bei unseren Produkten im Hedge-Dachfonds-Bereich keinerlei Anzeichen für Ausfälle. Kunden haben auch nicht ihr Geld aus den Vehikeln abgezogen.

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Hyposwiss Genf hat im 1. Halbjahr 12 Mio Fr. zum Gesamtertrag der SGKB beigesteuert. Auch im 2. Semester?

Ledergerber: Ja, die Entwicklung verläuft analog.

Im gesamten Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft hatten Sie im 1. Halbjahr ein Minus von 5% zu gewärtigen. Der Ertrag im Handel fiel gar um 42%. Haben sich die Verluste fortgesetzt?

Ledergerber: Mit dem Nettoneugeldzufluss sind wir sehr zufrieden, während das Kommissionsgeschäft ? wie bei allen Banken ? unter der Situation an den Börsen leidet. Hinzu kommt noch die Tatsache, dass sich Kunden nun etwa aus höhermargigen Finanzprodukten zurückziehen.

Gehen demnach die Margen im Kommissionsgeschäft zurück?

Ledergerber: Die Margen werden vorübergehend zurückgleiten. Langfristig sichert uns aber das Vermögensverwaltungsgeschäft ein überproportionales Wachstum. Das Modell der zwei gleich starken Pfeiler Private Banking und klassisches Bankgeschäft streben wir weiterhin an, ungeachtet der jetzigen Delle.

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In welchen Märkten suchen Sie dieses langfristige Wachstum?

Ledergerber: Wir wollen in allen Märkten wachsen: Vorab in den Fokusmärkten Osteuropa und Lateinamerika, aber auch in den neu über Hyposwiss Genf erschlossenen Regionen Frankreich und Benelux. Gerade eben haben wir auch zwei Kundenberater für Südafrika rekrutiert.

Sind Zukäufe im Private-Banking-Bereich weiterhin ein Thema?

Ledergerber: Wir wollen unsere Wachstumsziele organisch erreichen. Akquisitionen sollen dieses Wachstum allenfalls beschleunigen ? wenn es Möglichkeiten gibt, werden wir zukaufen. Der Fokus liegt dabei auf der Schweiz.

Was sehen Sie sich an? Die AIG Private Bank steht zum Verkauf.

Ledergerber: Wir machen keine Angaben darüber, wo wir akquirieren könnten.

Bevor die Finanzkrise aufgekommen ist, stöhnten die Schweizer Banken unter dem Margenschwund im Zinsgeschäft. Hält dieser an?

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Ledergerber: Wir haben im Retailgeschäft bisher keine Entspannung gesehen, bei den Hypotheken ist der Wettbewerb unvermindert hart.

Nach der zweiten «Notfallzinssenkung» der Schweizerischen Nationalbank werden die Rufe nach tieferen Hypozinsen lauter. Was unternimmt die SGKB?

Ledergerber: Die St. Galler Kantonalbank senkt den Richtsatz für erstklassige variable Wohnbauhypotheken um 0,25% auf neu 3,25%. Für Neugeschäfte gilt dieser Richtsatz ab sofort.

Erhalten Sparer nun auch weniger Zins?

Ledergerber: Dies ist der Fall. Die neuen Sparzinssätze werden auf 1. Januar 2009 angepasst.

Und was dürfen Ihre Aktionäre vom 2. Halbjahr erwarten? Wiederholt sich das für die SGKB schwierige 1. Semester?

Ledergerber: Das Neugeschäftvolumen ist sowohl im Kredit- wie auch im Anlagebereich unvermindert gut, die Finanzkrise hinterlässt aber ihre Spuren im Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft. Das 2. Halbjahr ist, wie für jedermann ersichtlich, sehr anspruchsvoll.

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Für 2009 hatten Sie wieder ein Gewinnwachstum in Aussicht gestellt. Gilt diese Prognose noch?

Ledergerber: Es ist heute zu früh für eine Prognose ? denn es lässt sich heute nur schwer erkennen, wann die Entspannung an den Finanzmärkten kommt.