Sind Sie ein Schokoladenbaron?

Patrick De Maeseneire: Nein.

Weshalb hat Sie der belgische König dann zum Baron ernannt?

De Maeseneire: Das müssen Sie den König fragen. Er wird Ihnen aber kaum Antwort geben. Der König hat unsere Fabrik in Wieze in der Nähe von Brüssel besucht und war beeindruckt. Diese Fabrik ist weltweit die grösste Schokoladenfabrik.

Wir Schweizer glauben, dass wird die beste Schokolade produzieren. Was meinen Sie als Belgier?

De Maeseneire: Die Schokolade in Belgien und der Schweiz sind sehr unterschiedlich. In Belgien produziert Barry Callebaut mehr dunkle, süsse Schokolade, in der Schweiz mehr Milchschokolade und in Frankreich dunkle, herbe Schokolade. Französische, belgische und schweizerische Schokoladen werden von Konsumenten gleichermassten als höchste Qualität geschätzt.

Und welche ist nun für Sie die Beste?

De Maeseneire: Qualität hat mit den Zutaten Kakao, Kakaobutter, Zucker und Milch, aber auch mit dem Röstprozess zu tun. Klar ist: Die beste Schokolade kommt von Barry Callebaut.

Guter Werbespruch. Weshalb gibt es einen Trend zu dunkler Schokolade?

De Maeseneire: Am meisten wird immer noch Milchschokolade konsumiert, aber der Trend zu schwarzer Schokolade ist weltweit festzustellen und hält immer noch an. Die Konsumenten achten mehr auf die Gesundheit. Dunkle Schokolade hat weniger Zucker, keine Milch und mehr Kakao. Die Leute werden älter, der Geschmacksinn nimmt ab und deshalb bevorzugen sie mehr dunkle Schokolade, weil diese einen stärker ausgeprägten Geschmack hat.

Anzeige

Dunkle Schokolade braucht viel Kakao. Wie stark leidet Barry Callebaut unter den steigenden Rohstoffpreisen für Kakao, Milch und Öl?

De Maeseneire: Wir können die steigenden Kosten an unsere Industriekunden weitergeben. Sie entscheiden, wann wir die Rohwaren einkaufen sollen. Wir beraten die Kunden, wann ein guter Zeitpunkt für den Kauf ist.

Um wie viel wird Schokolade teurer werden?

De Maeseneire: Bei einer 100-Gramm-Tafel Schokolade betragen die Rohstoffkosten rund 25%. Kakao macht davon die Hälfte aus. Der Kakaopreis hat sich in den letzten zwölf Monaten verdoppelt. Das heisst, dass der Verkaufspreis der Tafel um rund 12% steigen müsste. Dazu kommen noch höhere Verpackungs-, Energie- und Transportkosten. Die Verkaufspreise von Schokoladenprodukten werden also 15 bis 18% steigen müssen.

Barry Callebaut ist in 25 Ländern präsent. Sie sind Belgier, der Verwaltungsratspräsident Andreas Jacobs wohnt in Hamburg, der Innovationschef lebt in der Nähe von Salzburg. Welchen Sinn macht da ein Konzernsitz in Zürich?

De Maeseneire: Ich besitze zwar ein Haus in Belgien, aber ich wohne seit sechs Jahren sehr gerne in der Region Zürich. Wir sind eine multinationale Gesellschaft, deshalb haben wir auch ein multinationales Managementteam. Die Schweiz bietet ein optimales Umfeld. Sie ist sicher, sauber, hat gute Schulen und Universitäten. Steuerliche Gründe sprechen sicher auch für einen Sitz in der Schweiz, sind aber nicht ausschlaggebend. Wir erhalten immer wieder Angebote von anderen Ländern, den Firmensitz zu verlegen.

Zum Beispiel?

De Maeseneire: Die Regierung in Singapur wirbt sehr aggressiv um uns. Sie bietet bessere Steuerbedingungen als die Schweiz an. In Singapur besitzen wir eine Fabrik, deshalb haben wir Kontakt zur Regierung. Es sind also nicht allein steuerliche Gründe, die für unseren Sitz in der Schweiz sprechen.

Weshalb ziehen Sie nicht nach Singapur?

De Maeseneire: Der Markt für Kakao ist in London und New York. In Singapur müssten wir immer in der Nacht arbeiten. Wir wollen zwar unseren Umsatz ausserhalb Europas und Nordamerikas in Asien, Russland und Lateinamerika verdoppeln, aber unser Hauptmarkt liegt mit 80% immer noch in Europa und Nordamerika. Zudem liegt auch der Hauptsitz unseres Mehrheitsaktionärs, der Jacobs Holding, in Zürich. Es gibt also keinen Grund, die Schweiz zu verlassen.

Im August haben Sie das Geschäftsjahr abgeschlossen. Haben Sie Ihre Ziele erreicht?

De Maeseneire: Als börsenkotiertes Unternehmen können wir noch keine Resultate bekannt geben. Aber ich erklärte vergangenes Jahr, dass wir den Umsatz in den nächsten vier Jahren durchschnittlich pro Jahr um 9 bis 11% steigern, den Ebit um 11 bis 14% und den Reingewinn um 13 bis 16% erhöhen werden. An diesen Zielen halte ich weiterhin fest. In den ersten zwei Jahren wird der Gewinn geringer ausfallen, weil wir enorm investieren. Nächstes Jahr werden wir 40 Fabriken besitzen. Die Nummer zwei besizt nur 12 Fabriken.

Wie entwickeln sich Ihre Märkte?

De Maeseneire: Wir haben ein enormes Wachstum in Asien und Russland. Schwierig dagegen ist angesichts gesättigter Märkte und zunehmender wirtschaft- licher Unsicherheiten das Umfeld in Europa.

Und in den USA?

De Maeseneire: Das Umfeld ist schwierig, aber der Schokoladenkonsum pro Kopf ist dort viel geringer als in Europa, deshalb können wir dort noch stark zulegen.

Wo werden Sie neue Fabriken eröffnen?

De Maeseneire: In Mexiko eröffnen wir eine Fabrik im November. In Südamerika wollen wir sicher innerhalb der nächsten zwölf Monate uns für den Bau oder Erwerb einer Fabrik entscheiden. In Indien wird dieser Entscheid innerhalb der nächsten drei bis vier Jahre reif sein. Wir investieren in diesen wachstumstarken Ländern, damit wir auch in den nächsten Jahren die Nummer eins bleiben.

Sie haben bereits Outsourcing-Verträge mit Nestlé , Hershey und Cadbury. Haben Sie weitere Verträge in Aussicht?

De Maeseneire: Wir haben mit allen grossen Konzernen Verträge, aber wir wollen noch mehr für sie produzieren. Wir produzieren rund 15% der Schokolade dieser Konzerne. Wir sehen aber Potenzial für mindestens einen Drittel ihres Umsatzes.

Weshalb sollen Nestlé oder Hershey noch mehr an Barry Callebaut auslagern?

De Maeseneire: Wir können billiger produzieren, weil wir beim Rohstoffeinkauf eine grössere Preismacht besitzen und unsere Maschinen auch 24 Stunden laufen. Die Schokoladenindustrie ist auch eine kapitalintensive Industrie.

Ihr Know-how liegt in der Produktion und nicht im Marketing. Sie könnten Ihre Marken, die deutsche Sarotti, die Schweizer Alprose und die belgische Jacques, verkaufen und diese Marken für andere herstellen.

De Maeseneire: Wir wollen mehr als ein Produzent sein. Wir wollen auch Services als Innovator anbieten. Um unsere Innovationen am Markt zu testen, brauchen wir unsere Marken. Wir wollen uns aber hauptsächlich auf Geschäftskunden konzentrieren.

Ihre Ergebnisse mögen gut aussehen, aber der Aktienkurs ist auf Talfahrt. Innerhalb eines Jahres ist er um 18% gesunken.

De Maeseneire: Wenn Sie unseren Aktienkurs mit anderen Schokoladenproduzenten vergleichen, schneiden wir gut ab. Unser Aktienkurs ist fünfmal höher als vor fünf Jahren. Wir müssen gute Resultate vorweisen und unsere Ziele erreichen. Zuerst müssen wir aber unsere Kunden gut bedienen, dann für unsere Leute sorgen und zuletzt kommen unsere Aktionäre. Mein Lohn wird von unseren Kunden bezahlt und nicht von den Aktionären.

Sind Ihnen die Aktionäre egal?

De Maeseneire: Keineswegs. Sie sind unsere Jury. Wenn wir gute Resultate erzielen, können wir sie überzeugen. Wir überzeugen sie auch mit unserer Strategie, die auf Kostenführerschaft, geografischer Expansion und Innovation basiert.

Wie schätzen Sie die Wirtschaftslage ein?

De Maeseneire: Ich bin sehr besorgt über die Wirtschaftslage.

Weshalb?

De Maeseneire: Die steigenden Rohmaterial- und Energiekosten treffen am Schluss auch uns. Wenn die Rohstoffpreise den Profit unserer Kunden schmälern, beeinflusst das uns. Wir wissen nicht, welche Auswirkungen Preiserhöhungen von 18% auf die Konsumenten haben. Wenn die Nachfrage sinkt, bestellen unsere Kunden weniger bei uns. Ich bin aber weniger besorgt um das Mikroklima, das uns betrifft, sondern vielmehr um das Makroklima.

Was meinen Sie damit?

De Maeseneire: Wenn die Nahrungsmittel immer teurer werden, kann das fatale Auswirkungen auf die Entwicklungsländer haben. Wir haben die Konsequenzen der Kreditkrise auf die Banken gesehen, aber wir wissen noch nicht, wie sie sich auf den Konsum und die Beschäftigung niederschlagen werden.