Er angelte sich einen der begehrtesten Jobs der Finanzwelt. Und das auf ganz altmodische Art. Todd Combs bewarb sich darum. Anfang 2007 meldete sich der 39-Jährige wie rund 100 andere Menschen auf einen Aufruf, in dem Warren Buffett «eine Hilfe» suchte. Nun hat ihn die Investorenlegende aus Omaha zum künftigen Manager des 100 Milliarden Dollar schweren Portfolios von Berkshire Hathaway ernannt. Er ist damit TopKandidat für die Nachfolge Buffetts.

Das erste Vorstellungsgespräch lief schlecht. Unverdrossen schickte Combs einen weiteren Brief an Berkshires Vize Charles Munger, in dem er um ein Treffen bat. Er bekomme jedes Jahr «Hunderte» solcher Anfragen, sagt der Buffett-Vertraute. Aber «etwas in diesem Brief habe sein Interesse geweckt».

Die zwei Männer trafen sich kurz darauf zum Mittagessen im California Club in Los Angeles und unterhielten sich bis in den Nachmittag hinein. Munger rief danach Buffett an und sagte ihm, «diesen Kerl wirst du sicher mögen». Buffett sagt, er und Munger seien von den Fähigkeiten und der Intelligenz von Combs angetan. Aber auch weil der zurückhaltende dreifache Vater aus Darien, im Bundesstaat Connecticut, perfekt zur Unternehmenskultur von Berkshire passe.

Man habe aufgrund eines «Bauchgefühls» entschieden - wie wenn sie einen Anlageentscheid träfen, so Buffett. «Ich kann diese Kultur definieren, während ich da bin. Aber wir wollen eine Kultur, die so eingebettet ist, dass sie nicht hinterfragt wird, wenn der Gründer nicht da ist. Todd ist diesbezüglich perfekt.»

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Combs’ Aufstieg zu einem der meistbeachteten und anstrengendsten Posten in der amerikanischen Geschäftswelt folgt nicht dem typischen Weg. «Als er in diesem Business anfing, kannte er niemanden», sagt Sheryl Lucante, die bei der Hochzeit mit seiner Frau April Trauzeugin war. «Doch er ist klug und anpassungsfähig.» Nachdem er an der Florida State 1993 seinen Abschluss gemacht hatte, arbeitete Combs als Analyst für eine staatliche Finanzregulierungsbehörde, ein Job, der ihm Einblicke in das Innenleben von Banken und Betrugsuntersuchungen vermittelte. Danach analysierte er bei der Autoversicherung Progressive die Risiken und setzte die Prämien für Policen fest.

Menschen, die mit Combs zusammengearbeitet haben, sagen, er sei neugierig, wie die Finanzwelt funktioniere, und besitze ein tiefes Verständnis von Finanzen, der Geschäftswelt und gesetzlichen Vorgaben. Er betreibt sein eigenes Research und verbringe viel Zeit damit, Zeitungen und schwer zugängliche Finanzdokumente zu lesen, etwa die Satzungen von Versicherungen und Prospekte für Wertpapiere, die mit einem Pool von Vermögenswerten unterlegt sind.

Ein lernbegiereiger Schüler

2000 schrieb sich Combs an der Columbia Business School ein, wo er in seinem zweiten Jahr einer von 40 Studenten war, die für das Value Investing Program ausgewählt wurden. Dort erlernte er von professionellen Vermögensverwaltern und bekannten Finanzprofessoren Techniken, um unpopuläre Aktien zu identifizieren und zu analysieren. Richard Hanley, Manager von Hambletonian Partners, einem New Yorker Hedgefonds, hielt 2002 als ausserordentlicher Professor an Columbia eine Vorlesung. «Wenn man lehrt, bemerkt man einige Leute, die einfach nur in dem Kurs sitzen», sagt Hanley. «Andere wollen wirklich Geld machen. Und bei der Gruppe war Todd ganz vorn dabei.»

Combs, so erinnert sich Hanley, «stach aufgrund einer Intensität aus dieser sehr engen Gruppe von MBAs heraus, die alle versuchten, an die vorderste Front zu kommen». War er der beste Student, mit dem Hanley jemals zu tun hatte, so wie Buffett der beste war, den Benjamin Graham jemals hatte? «Ich kann mich nicht daran erinnern, gedacht zu haben: Dieser Kerl ist der nächste Warren Buffett», sagt Hanley, «aber er hatte wahrscheinlich die grösste Sehnsucht, zu gewinnen.»

Nachdem er die Business School 2002 abgeschlossen hatte, fand Combs schnell Arbeit. Scott Sipprelle, ehemals Investmentbanker bei Morgan Stanley und später Hedgefondsmanager, ermöglichte ihm den Einstieg in die Hedgefonds-Welt, als er ihn als Analyst für Finanzaktien seiner Copper Arch Capital anstellte. Er sagt, Combs, ein schwerer Kaffeetrinker, habe lange gearbeitet und umfangreiche Tabellen mit Daten erstellt. Die würden dazu genutzt, die Wahrscheinlichkeit von negativen Ereignissen für Finanzdienstleistungsunternehmen abzuschätzen.

Copper Arch, das zu Bestzeiten etwa eine Milliarde Dollar managte, stellte sich selbst nach dem Investmentstil von Warren Buffett auf: Ein langfristiger Investmenthorizont, ein ziemlich konzentriertes Aktienportfolio und das Bemühen, die wichtigsten Werte sehr gut zu kennen. «Für uns war Buffett der spirituelle Mentor; wir haben permanent über ihn gesprochen, lasen und diskutierten seine jährlichen Briefe und analysierten peinlich genau sein Portfolio», sagt Sipprelle.

Ein neuer Fonds, ein neuer Job

Combs verliess 2005 Copper Arch, als sich eine neue Chance auftat. Stone Point Capital wollte schon seit Jahren einen neuen Aktienfonds ins Leben rufen. Stone-Point-Chef Charles Davis sagt, er habe mit Dutzenden von Kandidaten gesprochen, bevor er sich für Combs entschieden habe. Nach «neun Monaten hin und her haben wir beschlossen, auf ihn zu setzen», sagt Davis, dessen Unternehmen 35 Millionen Dollar als Startkapital zur Verfügung stellte sowie operative Mittel, damit Combs seinen Fonds Castle Point Capital Management gründen konnte.

Combs schien begeisterter von Aktien in seinem Portfolio zu sein als die meisten Manager, sagt Jared Perry von Stonehause Capital, die bei Combs’ Fonds als Investor einstieg. Wenn Combs Kunden ausserhalb des Büros trifft, werde nur wenig geplaudert. «Seine Augen leuchten auf, wenn das Gespräch auf den Markt kommt und in eine Diskussion über seine grössten Investmentpositionen mündet. Man findet selten jemanden, der so passioniert und aufmerksam ist», sagte Perry.

2006 und 2007, als die Blase auf den Kreditmärkten immer grösser wurde, zeigte sich Combs’ Fähigkeit, Problembereiche zu erkennen. Er identifizierte marode Banken und profitierte davon, indem er bei deren Aktien short ging. Anfang 2006 war er auch pessimistisch bezüglich Fannie Mae und Freddie Mac - der beiden Hypothekenriesen, die zwei Jahre später in grosse Schwierigkeiten gerieten. Combs’ Short-Positionen bei Finanzaktien halfen ihm, die Finanzkrise und den Marktzusammenbruch gut zu bewältigen. 2008 musste er Verluste von etwas mehr als 5 Prozent verbuchen, was deutlich besser als der Gesamtmarkt war. Combs war laut Kunden enttäuscht, aber ziemlich ruhig und nicht dazu bereit, Aktien zu verkaufen, an die er glaubte.

Fans von Combs sagen, dass er anders als viele Hedgefondsmanager nur wenig Zeit damit verbringe, seine Investmentideen mit anderen zu diskutieren. Er ziehe es vor, seine eigenen Ideen zu entwickeln. Andere wiederum sind weniger beeindruckt. Das mag Teil der Erklärung sein, warum Combs’ Fonds nie mehr als 400 Millionen Dollar verwaltete. Kunden sagen, Combs liege es mehr, Kursrückgangsrisiken zu erkennen, als riesige Gewinnmöglichkeiten. Laut einem Investor liegt der Gewinn seit dem Start von Combs’ Firma, die in erster Linie auf Banken, Broker und Versicherungen setzt, im November 2005 bei 34 Prozent.Die, die ihn kennen, sagen, Combs trete im Büro zurückhaltend auf, er trage selten Krawatte und Jackett, sondern Kakihosen und Button-down-Hemden. Er verbringt viele Sonntage im Büro, manchmal ruft er dann Kunden an, um Investmentpositionen zu besprechen. Mitten auf seinem Tisch steht ein Familienfoto, daneben liegen riesige Stapel mit Recherchematerial und Jahresberichten.

Die vergessene Goldmünze

Schon als Student an der Columbia war Combs ein harter Arbeiter. Sein früherer Lehrer Hanley sagte der Klasse, dass er demjenigen eine goldene Zehndollarmünze geben würde (damals ein Wert von rund 175 Dollar), der die Aktie mit der besten Performance innerhalb der nächsten sechs Monate benennen würde. Etwa die Hälfte der Klasse entschied sich dazu, in Paaren zu arbeiten, aber Combs wollte allein sein. Und er unterschied sich auch insofern von den Kommilitonen, weil er leer verkaufte. Hanley weiss nur noch, dass es «ein fremdfinanzierter Wert aus dem Energiebereich war», gegen den Combs wettete. In den kommenden sechs Monaten sackte er um mindestens 50 Prozent ab. Damit schlug Combs alle um Längen.

«Ich habe Todd vollkommen aus den Augen verloren», sagt Hanley. «Ich schulde ihm immer noch die goldene Zehndollarmünze, aber jetzt weiss ich, wie ich ihn erreichen kann.» Und er fügt an: Die Münze habe mittlerweile einen Wert von etwa 750 Dollar.