Sie sind als Konjunkturpessimist, ja als Kassandra bekannt. Wie schwarz sehen Sie für 2010?

Stephen Roach: Moment, das möchte ich zurechtrücken. Die Leute haben auf meinen Pessimismus bezüglich der USA geschaut, und der hat sich als gerechtfertigt herausgestellt. Aber ich bin seit langem sehr optimistisch, was China und Asien als Ganzes angeht.

Auch in den Industrieländern hat eine Erholung eingesetzt.

Roach: Nein. Sie greifen nach Strohhalmen! Man sieht derzeit positive Entwicklungen, wenn man Vergleiche zu Vorjahresmonaten anstellt aber nur, weil die Vergleichsbasis, also die Monate im Herbst 2008, ein so geringes Niveau hat. Ich warne sehr davor, dies als mehr als eine Bodenbildung zu interpretieren.

Warum?

Roach: Wenn man mit Geschäftsleuten aus aller Welt spricht, dann ist das Beste, was man hört: Die wirtschaftliche Aktivität stagniert, und zwar auf sehr geringem Niveau. Das ist besser als vor einem Jahr. Aber nichts an dieser Erholung ist bisher kraftvoll.

Droht denn ein Rückfall in die Rezession?

Roach: Man weiss es nie. Wenn eine Konjunkturerholung ohnehin schon schwach ist, haben wir nicht die Stossdämpfer, die wir brauchten, um Schocks aufzufangen.

Welche Massnahmen sollten die Regierungen in Europa und den USA ergreifen, um spekulative Blasen in Zukunft zu verhindern?

Roach: Man sollte die Mandate der Zentralbanken ändern. Die Federal Reserve in den USA hat zwei Aufgaben: Die Geldentwertung in Grenzen zu halten und das Wirtschaftswachstum zu fördern. Die Europäische Zentralbank hat nur die Aufgabe, die Inflation zu bekämpfen. Ich wäre sehr dafür, eine Aufgabe hinzuzufügen: Die Wahrung der Finanzstabilität.

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Was ist das optimistischste Szenario, das Sie sich für das kommende Jahr für die Märkte vorstellen können?

Roach: In diesem Fall würden Geld- und Finanzpolitik entschlossen beginnen, der Wirtschaft die künstlichen Aufputschmittel zu entziehen. Und die Volkswirtschaften in aller Welt würden deswegen nicht kollabieren, sondern wieder zu wachsen beginnen, wenn auch nur langsam.