Der Weltuntergang hat nicht stattgefunden. Am Ende des 1. Halbjahrs reibt sich so mancher Anleger verwundert die Augen: Die meisten Börsen konnten die für die globale Ökonomie vielleicht gefährlichsten Monate seit den Dreissigerjahren sogar mit einem Gewinn abschliessen. Zwar kam der Deutsche Aktienindex (Dax) scheinbar nicht von der Stelle, doch angesichts der Tantalusqualen, welche Börsianer Anfang März bei einem Indexstand von 3589 Punkten durchlitten, nehmen sich die aktuell 4808,64 Zähler komfortabel aus. Ähnlich sieht es beim Swiss Market Index aus, der mit 5341 Punkten nur noch 4% unter dem Niveau von Anfang Jahr notiert.

Krisenwährung Gold enttäuscht

Andere Aktienmärkte, vor allem in Südamerika und Asien, legten in der Weltwirtschaftskrise sogar eine Rally hin. Regelrecht davongeeilt sind die Notierungen in Brasilien (plus 65%), China (plus 61%), Russland (plus 56%) und anderen Schwellenländern, die vergangenes Jahr allerdings auch besonders drastisch eingeknickt waren.

Bei den Industriestaaten entwickelte sich die norwegische Börse mit einem Aufschlag von 41% besonders gut. Ein wesentlicher Faktor dafür war die Anfang des Jahres unabsehbare Hausse beim Ölpreis. Der Energieträger hat sich seit Ende Dezember 2008 um 75% verteuert. Eine überraschend hohe Rendite von 27% brachte Anlegern auch das Edelmetall Silber ein, während die Krisenwährung Gold mit einem Wertzuwachs von 7,5% so manchen Rohstoff-Fan enttäuscht haben dürfte.

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«Den Tiefpunkt der Rezession haben wir durchschritten», erläutert David Riley, Stratege bei Fitch Ratings in London, einen der Gründe für den abrupten Stimmungswandel. «Die Weltwirtschaft ist nicht mehr auf Schrumpfungskurs und wird sich im 2. Halbjahr stabilisieren», sekundiert Folker Hellmeyer, Chefanalyst bei der Bremer Landesbank. Hellmeyers Worte haben besonderes Gewicht. Der kritische Beobachter der Kapitalmärkte hatte bereits seit 2004 vor einer bevorstehenden grossen Erschütterung der Weltfinanzarchitektur gewarnt.

Nunmehr ist Hellmeyer auf die Seite der Optimisten gewechselt. «Ebenso, wie die meisten Ökonomen vergangenes Jahr die Krise unterschätzt haben, unterschätzen sie dieses Jahr die Erholung», sagt der Hanseat. Für den Dax nennt er als Kursziel 6000 Punkte bis Jahresende und betont: «Das ist eine konservative Prognose.» Ein Grund für seine Zuversicht sind die 5000 Mrd Dollar an staatlichen Hilfsprogrammen. Das mache allein 9% der weltweiten Wirtschaftsleistung (BIP) aus: «Diese Summe wird, zusammen mit dem zeitverzögerten Effekt der Zinssenkungen durch die Notenbanken, eine nachhaltige Wirkung entfalten.»

Emerging Markets im Alleingang

Auffällig an der globalen Börsenentwicklung ist die «Abkopplung» der Emerging Markets von den etablierten Märkten. Mit Ausnahme weniger Problemstaaten, in erster Linie in Osteuropa, stellte die Kursentwicklung in den dynamischen Ökonomien der früheren Dritten Welt die der reifen Ökonomien in den Schatten. «Die Schwellenländer lösen sich von der Dominanz der Industriestaaten», konstatiert Chefanalyst Hellmeyer. Anleger sollten dort auf jeden Fall engagiert sein.

Die ökonomischen Kennziffern geben der Börsenentwicklung recht: Während sich die etablierten Volkswirtschaften dieses Jahr mit einer kräftigen Kontraktion konfrontiert sehen, können die meisten Emerging Markets mit einem mindestens passablen Wachstum aufwarten. Angeführt wird der Treck der Aufsteiger von China und Indien, deren Ökonomien 8 und 5% expandieren sollen. Für die gesamte Region Asien-Pazifik veranschlagt Riley eine Wachstumsrate von knapp 3% - in der schwersten Wirtschaftskrise der vergangenen Dekaden. Die negative Ausnahme ist Osteuropa, wo überschuldete Haushalte und ungesund hohe Handelsdefizite eine Verlängerung der Misere befürchten lassen.

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Aktienanteil auf null gesenkt

Doch trotz des glimpflich verlaufenen 1. Halbjahrs räumen die Bären noch keineswegs das Feld. Zu den Börsenpessimisten zählt der Kölner Vermögensverwalter Markus Zschaber. Zum zweiten Mal nach dem Februar 2000 hat er den Aktienanteil in seinen Portfolios nach eigener Aussage auf null heruntergefahren. «Die jüngste Rally ist durch die Fundamentaldaten nicht gedeckt», beharrt Zschaber. Die immer stärker wirkende Kreditklemme, die US-Hausmarkt-Entwicklung, die Kapazitätsauslastung, die Produktivitätsentwicklung, das alles spreche dafür, dass es bald zu einer deutlichen Kurskorrektur komme. Der Rat des zuweilen recht stark auf Öffentlichkeitswirksamkeit abzielenden Portfoliomanagers ist unmissverständlich: «Raus aus Aktien!» Zschaber selbst setzt verstärkt auf offene Immobilienfonds, die seiner Meinung gerade in einem inflationsgefährdeten Umfeld das Investment der Stunde darstellen.

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