Swissquote sorgt derzeit mit einem Youtube-Video für Aufsehen. Beinahe die komplette Belegschaft tanzt darin durch den Hauptsitz der Bank. Welche Reaktionen erhielten Sie auf diesen Auftritt hin?

Marc Bürki: Gerade aus dem Ausland kamen viele Anfragen. Dass so etwas aus der viel gescholtenen Schweiz kommt, hat im Ausland für Erstaunen gesorgt.

Was darf man, abgesehen von Tanzstunden, von Swissquote erwarten?

Bürki: Wachstum. Wir haben das Team dazu und das nötige Verständnis des Marktes.

Wie wollen Sie wachsen?

Bürki: Derzeit erzielen wir im Fremdwährungsgeschäft rund 10 Mrd Fr. Umsatz pro Monat und verdienen damit etwa 1 Mio Fr. monatlich. In den nächsten drei Jahren wollen wir das Handelsvolumen verfünffachen. Also müssten wir allein mit dem Forex-Geschäft 60 Mio Fr. jährlich erzielen. Beim Trading sollten wir bei einem durchschnittlichen Depot von 45 000 Fr. rund 2% verdienen. Das macht 900 Fr. pro Kunde, also 200 Fr. mehr als jetzt.

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Was stimmt Sie so zuversichtlich?

Bürki: Derzeit sind die Zinsen und die Handelsaktivität ungewöhnlich tief, das wird sich normalisieren. Wir gewinnen pro Jahr 20 000 Neukunden und werden so in den nächsten drei Jahren auf 200 000 Trading-Kunden wachsen. Die Sparkonti sind sehr marktabhängig, da dort die Zinssituation eine grosse Rolle spielt. Dennoch haben wir beinahe ohne Marketing 12 000 Kunden gewonnen. Wir bleiben aber zurückhaltend, da wir zu grosse Neugeldzuflüsse nicht richtig investieren können.

Was wollen Sie dagegen tun?

Bürki: Wenn wir das Sparsegment ausbauen wollen, brauchen wir als Ausgleich auch etwas auf der Aktivseite der Bilanz. Die Sparkonti wie bisher mit Obligationen zu finanzieren, genügt auf Dauer nicht. Daher ist das Hypothekargeschäft bei uns ein Thema. Das elektronische Grundbuch wird da neue Möglichkeiten eröffnen.

Anderseits haben Sie erst kürzlich das neue Segment ePrivate Banking lanciert. Ein Programm generiert dort Anlagevorschläge aufgrund eines persönlichen Profils. Mit wie vielen Kunden rechnen Sie in diesem Segment?

Bürki: Wir gehen in der Schweiz insgesamt von rund 1 Mio potenzieller Kunden aus. Mit unseren derzeitigen Dienstleistungen sprechen wir 40% davon an. Bis in drei Jahren ist rund die Hälfte davon bei uns. Dann gibt es rund 250 000 Kunden, die nebst Vermögensverwaltung auch noch andere Private-Banking-Dienstleistungen beziehen und die wir deshalb nicht ansprechen können. Rund 250 000 Kunden befinden sich zwischen diesen beiden Kategorien, von ihnen wollen wir 100 000 Kunden.

Was sind diese Kunden bereit, für das ePrivate Banking zu bezahlen?

Bürki: Rund 1% pro Jahr. Davon entfallen 0,5% auf die Management Fee, den Rest machen die Transaktionsgebühren aus. Die Kunden sind sehr kostenbewusst und wollen genau wissen, wie sich die Gebühren zusammensetzen. Sie wissen auch, wo die Konkurrenz günstiger ist.

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Beeinflusst der Start des ePrivate Banking ihre Ziele bei den Neukundengeldern?

Bürki: Unser Ziel sind in diesem Jahr 1,2 Mrd Fr. Neukundengelder, da wir etwa 300 Mio Fr. pro Quartal wachsen. Für das ePrivate Banking haben wir uns jedoch keine Neugeldziele gesetzt.

Wie wird sich das ePrivate Banking entwickeln?

Bürki: Wir haben es erst vor Kurzem lanciert und schon 100 Kunden. Nun beobachten wir, was in diesem Jahr passiert und setzen uns dann Ziele für das Jahr 2011. Es ist derzeit ein reines Aktienallokations-Tool. Es wird sicher noch mehr kommen, etwa Obligationen.

Ihre bisherigen Kunden traden deutlich weniger. Was tun Sie dagegen?

Bürki: Wir wissen, dass man da nicht viel machen kann. Es ist schwierig, Kunden zum Traden zu animieren, wenn sie abwarten möchten. Das ist seit fast zwei Jahren der Fall. Derzeit bewegen sich die Märkte eher seitwärts. Das ist für uns fast schon die schlimmste Situation. Unsere Kunden tätigen im Durchschnitt pro Jahr gerade noch 15 Transaktionen. Das Gute dabei ist, es kann nicht mehr weiter runter gehen. Konservativ geschätzt werden die Transaktionen wieder auf 17 bis 18 steigen.

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Schmälert die geringe Anzahl Trades den Reingewinn von Swissquote?

Bürki: Sicher ist die Handelsaktivität beim Trading der Hauptfaktor. Doch beim Sparen und beim Fremdwährungsgeschäft entwickeln wir uns sehr gut. Dazu kommt noch das ePrivate Banking. Sowohl beim Umsatz als auch auf der Kostenseite wird sich die Situation daher verbessern. Wir werden unsere Gewinnquote steigern.

Womit ist denn konkret bei Swissquote in diesem Jahr zu rechnen?

Bürki: Wir wollen das 1. Halbjahr wiederholen, also einen Umsatz von 100 Mio Fr. und einen Reingewinn von 26 bis 30 Mio Fr. ausweisen. Wir wissen zwar, dass sich die Handelsaktivität im Herbst verbessert, bleiben aber bei der Prognose vorsichtig.

Vorsichtig sind auch die Anleger beim Kauf von Swissquote-Aktien. Zuletzt hat deren Kurs gelitten. Weshalb?

Bürki: Viele Investoren sehen uns als eine Aktie, die von einer positiven Börsenstimmung profitiert. Das war zuletzt nicht der Fall. Zudem hat sich unser Geschäftsmodell etwas verändert, damit hat sich auch der Charakter der Aktie gewandelt. Einige Small- und Mid-Cap-Fonds sind deshalb ausgestiegen. Bei den tiefen Volumen hatte das einen bedeutenden Einfluss auf den Kurs. Dieser Generationenwechsel bei den Aktionären ist aber überstanden.

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Was trauen Sie der Aktie nun zu?

Bürki: Wir rechnen damit, dass sich der Kurs erholt. Wir haben uns verbessert und kommunizieren klar, was wir erreichen können, was uns das kostet und wie die Aussichten sind. Langfristig ist daher sicher Potenzial vorhanden. Die Investitionen liegen hinter uns, jetzt sollten wir die Gewinne einfahren können.

Zuletzt haben Sie den Konkurrenten Tradejet übernommen. Welche Ziele verfolgen Sie mit der Akquisition?

Bürki: Diese Übernahme ist der Startschuss für eine Marktbereinigung. Tradejet war für uns der ideale Übernahmekandidat. Das Unternehmen war unabhängig, hat Geld verloren und einen Aktionär, der aussteigen wollte. Mit den 3200 Kunden konnten sie kein Geld verdienen. Die Idee des ehemaligen Hauptaktionärs war es, deutsche Derivatprodukte in der Schweiz bekannt zu machen. Dieses Ziel wurde erreicht.

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Wie geht die Marktbereinigung weiter?

Bürki: Für die kleinen Anbieter wird es immer schwieriger. Auch für diejenigen aus dem Ausland. Die Anleger wollen immer mehr Produkte und die Anbieter müssen immer strengere Anforderungen erfüllen. Etwa die neuen Vorschriften für die privilegierten Einlagen bis zu 100 000 Fr. Dafür braucht es viel Eigenkapital.

Es wurde darüber spekuliert, ob die Internet-Fremdwährungshändler eine echte Konkurrenz werden könnten, wenn sie auch ins Aktien-Trading einsteigen.

Bürki: Das glaube ich nicht. Denn für die Forex-Händler wird es schwer werden, genügend Eigenkapital aufzubringen. Der Regulator hat zudem festgelegt, dass ihnen vorerst nur der Fremdwährungshandel erlaubt ist. Von den zahlreichen Anbietern werden wohl nur noch drei übrig bleiben. Über das Forex-Geschäft hinaus werden sie für uns kaum zu Konkurrenten werden.

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Die vor Kurzem gestartete Nettobank bietet ihren Kunden eine computergestützte Anlagestrategie mit Indexfonds. Wie bewerten sie den Markteintritt der Bank-Wegelin-Tochter?

Bürki: Es ist eine klare Reaktion auf unsere Produktpalette. Wir sind aber im Vorteil, wenn es darum geht, einen Anlagevorschlag per Computer auszuarbeiten. Aber ich begrüsse es, dass sich eine Privatbank in das Segment wagt. Das beweist, dass dort Potenzial vorhanden ist.

Dies ist doch ein frontaler Angriff auf Swissquote.

Bürki: Das ist sicher so. Die Frage ist, was das Produkt wirklich kann. In den letzten Jahren wurde es vielen Kunden wichtiger, schnell aussteigen zu können, da es während der Krise sehr frustrierend war, keinen Zugriff auf die Investitionen zu haben. Hinzu kommt, dass bei uns alle Produkte bis auf eines von externen Anbietern stammen. Wir können diese ohne Interessenkonflikte anbieten.

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Wie wird sich Swissquote wehren?

Bürki: Wir werden bei neuen Technologien noch schneller sein.

Wie geht die Entwicklung weiter?

Bürki: Viele Privatbanken sind an vergleichbaren Modellen interessiert. Es ist ganz klar, dass dort neue Konkurrenten für uns entstehen. Der Finanzplatz sucht nach der Krise nach neuen Lösungen. Die Technologien werden zudem immer leichter zugänglich und der elektronische Weg ist dabei unumgänglich.

Weshalb?

Bürki: Es gibt auch bei den Privatbankkunden einen Generationenwechsel. Jüngere Kunden sind komplett Internet-affin. Sie haben alle ein iPad und ein Blackberry, wollen jederzeit die Performance des Portefeuilles überprüfen und vielleicht sogar darüber mitbestimmen. Institute, die nicht an solchen Tools arbeiten, verpassen die Zukunft. In zwei bis drei Jahren werden alle Banken über mobile Geräte zugänglich sein. Das iPad und seine Konkurrenten treiben diese Entwicklung an.

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Wie steht es um die Auslandpläne?

Bürki: Ins Ausland zu expandieren, kostet viel. Wir haben viele Wachstumsmöglichkeiten in der Schweiz und werden uns vorerst auf den Heimmarkt konzentrieren.

Ist das nicht eine Kehrtwende in der Strategie?

Bürki: Ein Auslandengagement ist noch immer möglich. Wir könnten etwa das ePrivate Banking als White-Label-Lösung für andere Banken anbieten. Aber eine neue Bank mit einer eigene Banklizenz aufzubauen - das haben wir verschoben. Das ist nicht mehr unser Ziel.