Der Archetyp eines Fahnders ist er gerade nicht. Zu freundlich, zu heiter, zu kritisch gegenüber sich selbst und der Regulierung. Während mancher Untersuchungsrichter auch in der Freizeit gerne grosse Fische fängt, liest der «Strafverfolger» der Schweizer Börse SIX Bücher und kocht.

Kann er auch anders? «Es ist manchmal unangenehm, unangenehm zu sein», gibt Stefan Lüchinger, Geschäftsleitungsmitglied und Leiter Listing & Enforcement bei SIX Exchange Regulation, zu. Lüchinger spricht von einer Gratwanderung. Auf der einen Seite die kundenorientierte Alltagsarbeit - und dann der Punkt, wo er auf die Einhaltung der Regeln pocht.

Immer weniger Kompetenzen

Die Kunden: Das sind in Lüchingers Fall keine gewöhnlichen Delinquenten, sondern in der Regel die obersten Kader der an der SIX kotierten Firmen. Er und sein 26-köpfiges Team schauen ihnen bei Kotierungen und Kapitalerhöhungen auf die Finger - und überwachen, ob sie ihren Meldepflichten gegenüber den Aktionären nachkommen und wie sie mit firmeneigenen Aktien handeln.

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Lüchingers Abteilung ist dabei eine von zweien, die zusammen die neue SIX Exchange Regulation bilden. Seit dem 1. Januar 2009 überwacht diese das Börsengeschehen als eine vom operativen Geschäft der SIX Swiss Exchange unabhängige Einheit, die direkt dem Präsidenten des Verwaltungsrats der SIX Group, Peter Gomez, unterstellt ist.

Mit der neuen Organisation kommen neue Pflichten, aber nicht mehr Rechte. Im Gegenteil: «In der Vergangenheit wurden uns vom Bund immer mehr Kompetenzen genommen», so Lüchinger. Tatsächlich sind seinem Walten enge Grenzen gesetzt, ist sein Team doch Teil des vielteiligen Puzzles der Schweizer Finanzmarktregulierung. Im Falle der Managementtransaktionen etwa überwacht Lüchingers Abteilung den Handel von Verwaltungsrats- und Geschäftsleitungsmitgliedern in Titeln ihrer Gesellschaft und führt Sanktionsverfahren durch. Die Regeln dazu erstellt jedoch das Regulatory Board an der SIX, während die Sanktionskommission wiederum auf Antrag von Lüchinger die Strafe verhängt.

Bei der Offenlegung von Beteiligungen, wenn etwa ein Investor es unterlässt, eine massgebliche Beteiligung an einer Gesellschaft offenzulegen, wird die Angelegenheit noch komplizierter. Hier wird die Finanzmarktaufsicht Finma alarmiert, die ihrerseits das Dossier zur Strafverfolgung an das Eidgenössische Finanzdepartement weiterreichen muss. Gegen den Vorwurf, einem Papiertiger vorzustehen, wehrt sich Lüchinger allerdings vehement. «Unsere Tätigkeit hat sehr viele positive Änderungen bewirkt.» Corporate Governance sei vor zehn Jahren, als er bei der damaligen SWX begonnen habe, kein Thema gewesen. Ebenso wenig die Offenlegung von Managementtransaktionen oder die Ad-hoc-Publizitätspflicht. Und: «Am erheblichen Aufwand, den die Unternehmen betreiben, um sich gegen eine Sanktion zu wehren, schliesse ich, dass wir keinesfalls als Papiertiger betrachtet werden.»

Nicht zu unterschätzen sind auch die persönlichen Beziehungen am wichtigen und doch kleinen Schweizer Finanzplatz: Herzliches Händeschütteln mit dem Gründer einer bedeutenden Wirtschaftskanzlei, der gerade eben die gläsernen Drehtüren zur Eingangshalle der SIX an der Zürcher Selnaustrasse passiert hat. Verteidiger und Ankläger stehen sich gegenüber und witzeln über Lüchingers Journalistentross an diesem Tag. «Wir müssen noch professioneller sein als die Gegenseite. Das haben wir bisher gut geschafft», sagt Lüchinger. Dennoch fällt das Kräfteverhältnis oft zuungunsten der SIX Exchange Regulation aus. Die Akten mancher Fälle füllen ganze Zimmer, Lüchinger kann nur mit den Unterlagen arbeiten, die ihm die Gegenseite zur Verfügung gestellt hat.

Gravierende Versäumnisse

Folglich ist jeweils genau abzuschätzen, ob das Verfahren erfolgreich zu Ende gebracht werden kann. Es gilt immer erst zu evaluieren, wie gravierend die Regelverletzung ist und ob sie schuldhaft geschehen ist. «Bei geringfügigen Vergehen genügt oft ein deutlicher Brief», sagt Lüchinger. Bis zu vier solche Briefe gehen pro Woche an kotierte Unternehmen.

«Nur in den seltensten Fällen treffen wir auf kriminelle Energie. Viel eher geht es darum, dass die Manager nicht die nötige Organisation geschaffen haben, um den Regeln nachzukommen», erklärt Lüchinger. Mit Folgen: Solche Versäumnisse erweisen sich in der Krise nun als noch gravierender.