Die Konjunkturdaten des vergangenen Halbjahrs zeichnen ein rosiges Bild - doch wie schlagen sich die Schweizer Unternehmen heute?

Manuel Leuthold: Ich bin selbst erstaunt, wie gut die Schweizer Unternehmen durch die Krise gekommen sind. Der Trend zeigt auch weiterhin klar bergauf - das Geschäft der Firmen läuft rund, und die Auftragseingänge sind auf hohem Niveau. Allerdings bestehen auch Unsicherheiten.

Dann wird sich das Wachstum im 3. Quartal abschwächen?

Leuthold: Das Wachstum im 2. Quartal war ausserordentlich stark. Intuitiv würde ich mit einem etwas schwächeren, aber immer noch sehr soliden Wachstum rechnen.

Bei den Exporten hat die Abschwächung bereits stattgefunden. Wird sich dies fortsetzen?

Leuthold: Hier stellt sich die Frage, wie nachhaltig das Wachstum in den Nachbarländern ist. Wenn es dort eine Verlangsamung gibt, wirkt sich dies direkt auf die Schweiz aus. Sehr wichtig ist auch der Einfluss des Wechselkurses. Der Franken ist sehr stark, was für die Firmen, die im Export tätig sind, eine Herausforderung darstellt.

Können Sie diese meistern?

Leuthold: Es ist nicht das erste Mal, dass die Exportwirtschaft mit Wechselkursen zu kämpfen hat. Der Dollar etwa hat diesbezüglich eine lange Geschichte. Entsprechend sind es viele Firmen gewohnt, damit umzugehen. Es gibt auch etliche Unternehmen, die sich gegenüber Währungsschwankungen abgesichert haben - in diesem Bereich sind wir für unsere Kunden sehr aktiv.

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Die Währungsabsicherungsgeschäfte haben also stark zugenommen?

Leuthold: Über die letzten Jahre, sicher. Mittlerweile ist dies üblich und wird von den meisten grösseren Firmen angewandt. Ausserdem suchen die Unternehmen zunehmend nach natürlichen Hedges. Etwa, indem sie die Rohwaren im Euro-Raum kaufen oder gleich dort produzieren. Zudem sehen wir auch, dass bei dem tiefen Euro-Kurs die Exporte von Schweizer Zulieferern anziehen.

Aber das reicht wohl nicht zur Kompensation der Währungsverluste?

Leuthold: Es kann bei vielen Unternehmen Einbussen auf der Ertragsseite geben. Dafür sind die Auftragsbücher recht voll, was wiederum Sicherheit für die Zukunft bringt. Trotzdem: Mit der Euro-Zone als wichtigster Exportdestination ist die Situation für die Schweizer Unternehmen angespannt.

Dann hat also die Intervention der Schweizerischen Nationalbank SNB zur Schwächung des Frankens kaum Entspannung gebracht?

Leuthold: Es lässt sich nicht sagen, wie die Lage ohne die Aktion der SNB heute aussehen würde. Es gehört zum Auftrag der Nationalbank, dass sie in solchen Fällen etwas unternimmt.

Wo liegt die Schmerzgrenze beim Euro-Franken-Kurs? Industrieverbände vermuteten diese bei 1.50, dann bei 1.30 Fr. Beide Marken sind inzwischen unterschritten.

Leuthold: Eine solche Grenze lässt sich für Exportfirmen nicht eindeutig festlegen. Sicher ist, dass, wer praktisch alles hier produziert und in Euro-Land verkauft, zudem enge Margen aufweist und sich nicht abgesichert hat, in eine schwierigere Situation kommen kann.

Welche Branchen sind gefährdet?

Leuthold: Eine Branche, die unter gewissem Druck steht, ist die Maschinenindustrie. Aber auch hier sind die Auftragsvolumen gestiegen. Gut entwickelt hat sich das Geschäft etwa für die Chemie und die Uhrenindustrie. Vielerorts ist die Produktion so hoch wie vor der Krise. Es fehlt aber an der vollen Überzeugung, dass die Wirtschaftsentwicklung nachhaltig ist - und entsprechend wird weniger investiert. Die Produktionsvolumen werden ebenfalls nicht ausgeweitet.

Verständlich - die Angst vor einer Rückkehr der Rezession greift um sich. Sind die Bilanzen stark genug, um einen Double Dip zu verkraften?

Leuthold: Das ist eine berechtigte Frage. Bisher hatten die Firmen von einer Krise zur anderen über Jahre Zeit, um ihre Eigenmittel wieder aufzustocken. Wenn wir von der letzten Rezession gleich in eine nächste kommen sollten - was ich nicht glaube , ist es schwierig zu sagen, wie die Situation dann aussehen würde. Wir begleiten die Firmen sehr eng und fordern das Management auf, die Situation anhand verschiedener Szenarien zu analysieren und entsprechend vorzusorgen. Im Jahr 2009, als auch die Liquidität von teils grossen Firmen Sorgen bereitete, hat sich dieses Vorgehen bewährt.

Mit Basel III wurden neue Vorschriften zur Bankenregulierung bekannt gegeben. Wie beinflussen diese die Kreditvergabe?

Leuthold: Zur Erfüllung von Basel III wird die Bank zusätzliche Eigenmittel aus zurückbehaltenen Gewinnen aufbauen und darauf achten, diese optimal im Geschäftsportfolio einzusetzen. Das heisst, die Qualität der Kundenbeziehung wird noch bedeutender sein.

Schon heute klagen KMU über mangelnde Unterstützung seitens der Banken. Was sagen Sie zum Vorwurf der Kreditklemme?

Leuthold: Ein Einzelner mag dies vielleicht so empfinden - objektiv gibt es aber keine Kreditklemme. Das Kreditvolumen ist stabil geblieben, und die Kreditlimiten werden im Schnitt nur zu 60% ausgeschöpft. Die Firmen könnten also mehr Geld abrufen, als sie es tun. Zudem ist es so, dass wir für kleinere Firmen mehr Kapazitäten haben, weil sich die grossen Firmen vermehrt über den Bondmarkt refinanzieren.

Spielt bei der UBS dieser Transfer von Gross zu Klein?

Leuthold: Was an Kreditnachfrage an den Bondmarkt abwandert, können wir auf diese Weise ersetzen. Kredite sind ein Ankerprodukt für die gesamte Beziehung zum Kunden, entsprechend wichtig ist dieses Produkt auch für uns.

Im Firmenkundengeschäft konnten Sie also die Fluchtbewegung weg von der UBS stoppen?

Leuthold: Die Firmen waren und sind bereit, uns Geld anzuvertrauen. Aber sie wollen dafür Sicherheit - und die ist jetzt zurück. Wir hatten drei positive Quartale hintereinander, das spüren die Kunden. Wir nutzen dies und versuchen, bei all jenen Kunden, die in der Krise ihr Geld auf verschiedene Banken verteilt haben, wieder Hauptbank zu werden. Über 130 000 KMU haben eine Kundenbeziehung zu uns. Das ist ein riesiges Potenzial, das wir ausschöpfen wollen.

Bisher war die UBS allerdings kaum als die Bank fürs Gewerbe bekannt ...

Leuthold: Es kann sein, dass wir in den vergangenen Jahren den Fokus bei öffentlichen Auftritten eher auf die Grossfirmen gelegt haben oder dies so wahrgenommen wurde. Aber das KMU-Geschäft hat eine lange Tradition bei UBS und ist für uns ein sehr wichtiges Geschäft. Wir wollen die Akquisition von KMU vorantreiben.

Wie?

Leuthold: Seit letztem Herbst bieten wir KMU, die neu zu uns kommen, für ein Jahr kostenlos unser Basispaket an, darunter auch die Kreditkarte. Seitdem sind rund 7000 KMU neu zu uns gestossen.

Nicht gerade gut ist allerdings die Beziehung zu einem Ihrer Grosskunden - der Uhrenbauer Swatch klagt gegen UBS wegen Verlusten mit Anlagevehikeln während der Finanzkrise.

Leuthold: Sie werden verstehen, dass ich zu einem laufenden Verfahren keine Stellung nehmen kann.

Rechnen Sie denn mit weiteren Klagen? In der Westschweiz gibt es auch ähnliche Konflikte im Zusammenhang mit einem weiteren Fonds von UBS.

Leuthold: Es ist nachvollziehbar, dass Investoren bei einer schlechten Performance ihrer Anlage enttäuscht sind. Mehr kann ich dazu nicht sagen.