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Finanzplatz
SIX-Chef Rüegsegger: «Alles geht mobile»

Die Digitalisierung erfasst die Finanzbranche. Urs Rüegsegger, Chef der Schweizer Börse SIX, über den technologischen Wettbewerb, die besten Lösungen und die Chancen, wenn Konkurrenten kooperieren.

Von René Maier («Schweizer Bank»)
am 21.03.2016

SIX ist mit Paymit im mobilen Zahlungsverkehr dabei. Welche Voraussetzungen braucht ein Produkt, damit es sich in diesem Markt durchsetzen kann?
Urs Rüegsegger*: Im ganzen Mobile-Bereich ist Convenience das zentrale Element. Mobile Lösungen werden sich nur durchsetzen, wenn sie leicht handhabbar sind. Der Kunde will zudem eine vertrauenswürdige Lösung. Weiter muss eine Lösung auch breit akzeptiert und einsetzbar sein.

Wann werden wir Zahlungen auch international per Mobile erledigen können?
Unsere Ambition mit Paymit ist es, einen nationalen Standard zu schaffen. In­ter­natio­nal wird die Kreditkarte noch lange das beste Zahlungsmittel sein. Mit Paymit im Ausland bezahlen zu können, ist daher für uns vorerst von untergeordneter Priorität. Es gibt aber bereits die Möglichkeit, die Kreditkarte in einem Smartphone zu hinterlegen und als Zahlungsmittel auch im Ausland zu nutzen.

Was verändert die digitale Transformation in der Finanzbranche?
Alles «geht mobile», und der Kunde will jederzeit und von überall auf Daten und Dienstleistungen zugreifen können. In vielen Entwicklungsländern hat mobile Kommunikation erst den Zugang zum Banking ermöglicht. In der nächsten Phase der Transfor­mation werden Entscheidungsprozesse vollständig oder zu grossen Teilen an «intelligente» Computer übertragen. Die dritte Phase wird dann die Integration der Prozesse «End to End» sein.

Was bedeutet das?
Ein Beispiel: Das heutige Geschäftsmodell im Finanzinformationsbereich baut darauf auf, dass ein Kunde eine Pauschale bezahlt und dafür sämtliche verfügbaren Daten erhält, egal, ob sie ihm nützen oder nicht. Nun entwickeln wir Lösungen, bei denen gelieferte Daten quasi an uns zurück berichten, wie sie genutzt worden sind. So können wir feststellen, welche Bedeutung welchen Informationen beigemessen wird und einem Kunden viel gezielter Informationen liefern. Gleichzeitig können wir unsere Ressourcen schneller und besser auf die wesentlichen Informationen fokussieren.

Und die Phase danach?
Das wird die visionärste und die schwierigste sein: Die Marktteilnehmer werden dank der Vernetzung selber zu Produzenten der relevanten Informationen. Wieder ein Beispiel: Diejenige Bank, die als Erste eine bestimmte Wertschrift erfasst, stellt diese wie in einem Open Source System der ganzen Community zur Verfügung. Die anderen Marktteilnehmer können somit auf diese Daten zugreifen, bezahlen aber etwas dafür. In einem solchen Netzwerk sind die Marktteilnehmer sowohl Produzenten als auch Käufer, und die Informationen sind qualitativ besser, weil in der Regel der Emittent einer Wertschrift diese am besten kennt und weil durch Rückmeldungen aus dem Netzwerk Qualitätssicherung erfolgt.

Werden disruptive Technologien und die allmächtigen Technologie-Konzerne die klassischen Finanzinstitute verdrängen oder mindestens substanzielle Marktanteile gewinnen?
Aus der Sicht der Finanzinstitute sind sowohl die vielen kleinen Start-ups als auch die riesigen und mächtigen Technologie-Konzerne potenzielle Konkurrenten. Die Entwicklung bietet in meinen Augen jedoch auch grosse Chancen, weil bei Geldangelegenheiten das Vertrauen in die Banken nach wie vor sehr gross ist. Die Frage ist aber schon, ob wir längerfristig die grossen Konzerne auf Distanz halten können.

Und, können Sie?
Viele Banken stehen vor einem Dilemma, das zu lösen schwierig ist: Sollen sie die technologische Transformation allein angehen, in der Hoffnung, sich in Zukunft mit neuen Features differenzieren zu können, und dabei das Risiko eingehen, im Endeffekt gegenüber den Grossen nicht schnell und gross genug zu sein? Oder sollen sie für wichtige Kernbereiche im Bankensystem zusammenspannen und die Grossen so auf Distanz halten? Ich sehe die Lösung im zweiten Weg.

Dann machen also Kooperationen in diesem Bereich durchaus Sinn.
Ja. Die kleinen Start-ups haben gar nicht den Anspruch und die Kraft, neue Infrastrukturen – wie wir sie heute betreiben – zu ersetzen. Sie suchen vielmehr nach Lösungen an der Kunden-Schnittstelle und wollen dort Mehrwert erzielen. Hier können wir als In­frastruktur Anschluss bieten und eine Zusammenarbeit anstreben.

SIX hat einen Fintech-Inkubator ins Leben gerufen. Wie hat sich das Experiment angelassen, und was sind die Ziele?
Es ist immer noch ein Experiment. «F10» ist ein wichtiges Element in unserem Innovationsprozess. Alle Ideen, die bei uns einen gewissen Reifegrad erreicht haben, laufen durch sogenannte Sprints, wo sie hin zu einem Prototyp geschärft werden. Das funktio­niert sehr gut. Wir sind sehr zufrieden.

Alle sprechen vom Silicon Valley, wenn es um disruptive Technologien geht und von London, wenn es um Fintech und Blockchain geht. Was sind die Voraussetzungen, um in diesem Technologie-Wettbewerb ganz vorne mitspielen zu können?
Wir sollten die Kompetenzen, die wir am Finanzplatz haben, zusammenführen und uns aufs Wesentliche fokussieren. Die Aktivitäten an den erwähnten Hot Spots sind schon erheblich und entwickeln immer grössere Anziehungskraft. Wichtig für den Finanzplatz Schweiz ist, dass es Initiativen im Fintech-Bereich gibt, die Visibilität verschaffen. Auch der «F10»-Inkubator soll die verschiedenen Finanzplatz-Akteure sowie die Universitäten und IT-Firmen miteinbinden, damit wir ein möglichst tragfähiges, fruchtbares Biotop schaffen können, wo ein sehr offener Austausch gepflegt wird.

Wie beurteilen Sie das Innovationspotenzial am Finanzplatz Schweiz?
Hoch. Wir haben führende Marktteilnehmer in der Vermögensverwaltung, ausgezeichnet ausgebildete Leute in allen Bereichen, und wir haben Top-Universitäten. Die Frage ist nur, ob es gelingt, dieses Potenzial besser auszuschöpfen. Ich bin überzeugt, die Zutaten wären da.

Den Willen spüren Sie auch?
Ja, der ist auch vorhanden. Die Schwierigkeit ist nur, die Kräfte bündeln und eine gemeinsame Stossrichtung einschlagen zu können.

Das vollständige Interview wurde zunächst in der «Schweizer Bank» publiziert – seit Freitag am Kiosk oder bequem per Abo nach Hause.

* Urs Rüegsegger ist seit Anfang 2008 CEO der SIX Group. Davor war er Präsident der Geschäftsleitung der St. Galler Kantonalbank, zu der er 1993 als Verantwortlicher für Controlling, Rechnungswesen und Risiko-Management gestossen war. 1997 wurde er in die Geschäftsleitung berufen. Im Jahr 2000 übernahm er die Projektleitung des 2001 erfolgreich durchgeführten Börsengangs. Urs ­Rüegsegger verfügt über einen Abschluss in Betriebswirtschaft an der Universität St. Gallen.

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