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Broadcom und Qualcomm
So geht die Schweiz mit Investoren aus China um

qualcomm

Der US-Chiphersteller gilt als führend bei der Entwicklung der 5G-Technologie.

Quelle: Keystone .

US-Präsident Trump hat den grössten Technologie-Deal aller Zeiten verhindert. Hierzulande haben ausländische Firmenkäufer leichteres Spiel.

Melanie Loos
Von Melanie Loos
am 15.03.2018

Vor gerade einmal fünf Monaten lobte Donald Trump Broadcom als ein «wirklich grossartiges Unternehmen», als der Chiphersteller ankündigte, seinen Hauptsitz von Singapur in die USA zu verlagern. Kurz darauf, im November, lancierte das Unternehmen ein Übernahmeangebot für den US-Wettbewerber Qualcomm. Zuletzt bot Broadcom 117 Milliarden Dollar – es wäre der grösste Technologie-Deal aller Zeiten gewesen.

Qualcomm selbst hatte sich gegen die «feindliche Übernahme» gewehrt. Auch die Behörde CFIUS (Committe on Foreign Investment in the United States), die Auslandsinvestitionen in den USA kontrolliert, prüfte das Vorhaben. Nun hat US-Präsident Trump per Exekutiverlass dem Deal einen Riegel vorgeschoben. Konkrete Gründe wurden nicht genannt, ausser dem Schutz der nationalen Sicherheit. Vermutlich haben die Amerikaner Angst, sie könnten bei der Entwicklung des 5G-Mobilfunks überholt werden.

Nur fünf Blockaden seit 1990

In den rund 14 Monaten seit seinem Amtsantritt greift der US-Präsident damit bereits zum zweiten Mal ein. Erst im September 2017 hatte er den Verkauf des US-Chipherstellers Lattice Semiconductor an chinesische Investoren blockiert. 

Seit 1990 kam es nur fünfmal vor, dass ein US-Präsident ausländische Übernahmen von amerikanischen Unternehmen aus Gründen der nationalen Sicherheit verboten hat. Barack Obama blockierte zwei Deals während beider Amtszeiten – Trump verhindert zwei innerhalb von sechs Monaten.

Dies zeigt die ablehnende Haltung der US-Regierung gegenüber ausländischen Investitionen, vor allem durch chinesische Firmen und insbesondere im Technologiesektor. Der Widerstand im CFIUS hat daher stark zugenommen. Seit Trumps Amtsübernahme im Januar 2017 sind zehn Deals geplatzt, acht davon mit chinesischen Investoren. 

Chinesische Akquisitionen in der Schweiz

Auch die Schweiz ist bekanntlich ein interessantes Ziel für chinesische Investoren. Neben dem Syngenta-Kauf durch Chemchina waren die Übernahmen von Swissport, Gategroup und SR Technics durch den chinesischen Mischkonzern HNA relevant. Doch auch bei vielen kleinen und mittleren Unternehmen sind Chinesen eingestiegen. Eine Auswertung des Wirtschaftsdienstes Bisnode D&B vergangenes Jahr zeigte, dass mittlerweile 84 Firmen einen direkten chinesischen Eigentümer haben. Seit 2005 haben chinesische Unternehmen 60 Milliarden Dollar in hiesige Firmen investiert. 

Der Trend ist rückläufig: 2017 wurden nur noch sieben Schweizer Unternehmen durch Investoren aus China gekauft, 2016 waren es 17. Das hat eine Studie des Wirtschaftsprüfers EY ergeben, in der M&A-Investitionen chinesischer Unternehmen in Europa untersucht wurden. Demnach gingen die chinesischen Investitionen 2017 in ganz Europa um 20 Prozent zurück.

Ronald Sauser, Leiter der Studie, erklärt diesen Rückgang durch strengere Kontrollen der chinesischen Aufsichtsbehörden: «Auch auf europäischer Seite wurden die regulatorischen Anforderungen erhöht – daran sind einige Deals gescheitert. Zudem schauen sich chinesische Unternehmen Übernahmekandidaten heute eher genauer an.» 

EU will sich gegen Übernahmen wappnen

Gemäss dem M&A-Experten sei auch eine gewisse Zurückhaltung auf chinesischer Seite vorhanden, denn die oft staatlich kontrollierten Banken haben ihre grosszügige Kreditpolitik für Übernahmen vor allem in Bezug nicht strategische Branchen geändert. Einige Vorhaben scheitern daher an der Finanzierung. «Was sich nicht geändert hat: Die chinesischen Unternehmen geniessen hierzulande weiterhin einen guten Ruf, einerseits wegen der kompetitiven Preise, die sie zu zahlen bereit sind, und ihrer langfristigen Optik», sagt Sauser. Investoren aus Fernost seien in der Schweiz immer noch beliebt, selbst wenn sie staatsnah sind.

Schon seit einiger Zeit wehren sich verschiedene europäische Länder gegen die Übernahmen aus China, weil sie befürchten, China könne die europäische Technologie aufkaufen. Auch der staatliche Einfluss bei vielen chinesischen Unternehmen weckt grosses Misstrauen. Im September 2017 ist die EU-Kommission aktiv geworden und hat Vorschläge für gemeinsame Schutzvorkehrungen gegen die Übernahme strategisch wichtiger Firmen durch Investoren aus Drittländern wie China gemacht. Entsprechende Regeln könnten noch dieses Jahr beschlossen werden. An EU-weiten Regeln haben vor allem die grossen EU-Länder wie Deutschland, Frankreich und Italien Interesse, während aus einigen nordeuropäischen Mitgliedstaaten Widerstände kommen könnten.

In der Schweiz alle Tore offen

In der Schweiz hingegen stehen aufgrund des liberalen Aktien- und Übernahmerechts ausländischen Investoren weiterhin alle Tore offen. Doch in der Politik regt sich zunehmend Kritik gegen die chinesischen Käufe. Die politische Debatte über die Kontrolle staatsnaher Investoren aus dem Ausland ist in vollem Gange. Dabei geht es unter anderem darum, Schlüsseltechnologien oder strategisch wichtige Firmen wie Banken und aus Bereichen wie Telekommunikation oder Verkehr zu schützen. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass Schweizer Investoren nicht denselben Zugang zum chinesischen Markt geniessen wie umgekehrt die Chinesen hierzulande. Forderungen, die Wechselseitigkeit auf eine gesetzliche Grundlage zu stellen, werden lauter. Im Parlament gibt es bereits erste Vorstösse. 

Marc Laperrouza, Ökonomiedozent an der ETH Lausanne (EPFL) hält eine Intervention von Seiten der Schweizer Regierung für schwierig, denn in der Schweiz gelte seit jeher das Laissez-faire-Prinzip. «Hinzu kommt, dass wir als Land mit rund 8 Millionen Menschen, keine andere Wahl haben als unseren Markt zu öffnen. Insofern haben weder die Schweizer Unternehmen noch die Regierung viel Handlungsspielraum.»

Anders in der Europäischen Union: Der China-Experte Laperrouza sagt, Europa brauche dringend eine Strategie gegenüber China, das schon seit Jahrzehnten eine Industriepolitik verfolgt. In Europa war das lange Zeit ein Tabu und die EU-Mitglieder sind sich uneinig. «Die chinesische Regierung nutzt dies auf sehr smarte Art und Weise aus, um einen Keil durch die EU zu treiben», sagt Marc Laperrouza

Abhängigkeit vom Handel mit China

Zur Strategie gegenüber China gehöre, dass beim Marktzugang ein gleiches Mass mit den Chinesen sichergestellt wird. Allerdings könnten einzelne Regierungen nur schwer eine harte Linie gegen China fahren. Im vergangenen Jahr hatte die deutsche Bundesregierung neue Regeln für Übernahmen erlassen und sich ein Vetorecht bei sensibel eingestuften Firmenverkäufen eingeräumt. Allerdings liegt die Zuständigkeit in Handelsfragen bei der EU. Ausserdem ist das Thema sehr heikel, denn das Wachstum in Europa ist stark vom Handel mit China abhängig.

Die Wirtschaft in den USA ist dagegen nicht so sehr auf China angewiesen. So erkläre sich auch ein Stück weit das Handeln der US-Regierung beim Broadcom-Qualcomm-Deal. Ausserdem haben die USA mit dem CFIUS eine Behörde, die alle Deals, die der US-Regierung nicht passen, stoppen kann. Da es eine solche Institution weder in der Schweiz noch in Europa gibt, bleibe beiden nichts anderes übrig, als offen gegenüber ausländischen Investitionen zu sein, sagt der EPFL-Ökonom.

In diesem Jahr könnte es wieder zu zahlreichen chinesischen Übernahmen in Europa kommen. In der Schweiz haben Investoren aus dem Reich der Mitte bereits zugegriffen: Die Schuhmarke Bally wurde im Februar nach China verkauft. Weitere Branchen, auf die es chinesische Investoren abgesehen haben, könnten spezielle Technologie-, Hightech- und Software-Unternehmen sein, welche die Industrie in China effizienter machen.

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