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Innovation
Ein Jahr nach dem Boom: So steht es um Bitcoin

Bitcoin: Das Abenteuer hat erst begonnen.   HZ

Genau vor einem Jahr explodierte der Bitcoin-Kurs. Seither erodiert der Preis. Doch die Branche kümmerts wenig.

Von Marc Badertscher
am 12.11.2014

Letzte Woche geriet Bitcoin wieder einmal in den Dunstkreis von illegalen Machenschaften. Das FBI und Europol hoben gemeinsam die Online-Drogenbörse Silk Road 2.0 aus, auf der die Ware ausschliesslich mit der neuen digitalen Währung gekauft werden kann. Und weil der Kurs in den letzten Monaten ohnehin stetig sank, prognostizieren ­einige Beobachter das nahe Ende von Bitcoin. Ein ­britischer Professor der Durham University spricht vom unvermeidlichen «Kollaps», eine Redaktorin der «Financial Times» zieht Parallelen zur Dotcom-Blase und erwartet ein «Implodieren». Kurssprünge um 10 Prozent wie in den letzten Tagen ändern an der Haltung solcher Beobachter nichts.

Niemand weiss heute, welche Bedeutung diese erste weltweit verbreitete und dezentral organisierte Währung in ein paar Jahren haben wird. Ihr monetärer Wert wird wie so vieles andere von Angebot und Nachfrage an den Börsen bestimmt.

Auf Nummer sicher

Aber was heute in allen Teilen der Welt zweifelsfrei festgestellt werden kann, ist das grosse und zunehmende Interesse der Behörden am Phänomen. Beim Eidgenössischen Finanzdepartement ist ­bereits wieder eine Arbeitsgruppe am Werk. Nach den Grundsatzfragen vom Sommer geht es diesmal um die Besteuerung.

International ist die Aktivität gar noch grösser. Aus New York ist diesen Winter eine Regulierung mit Grundsatzcharakter zu erwarten. Und das Schatzamt in London hat die noch junge Branche eben aufgerufen, ihre Sicht der Vorzüge und ­Risiken der neuen kryptographischen Währung zu schildern. Niemand kann sich inzwischen das Risiko leisten, unvorbereitet zu sein für den Fall, dass Bitcoin vielleicht doch nicht so schnell ­wieder verschwindet.

Gier sei Dank

Die Community jedenfalls wächst. Libertäre Ideologen, Programmierer, Investoren und un­zählige Jungunternehmer vernetzen sich in einer Dichte und Kadenz, wie das einschlägige Online-Foren schon lange nicht mehr dokumentiert ­haben. Ökonomen klinken sich ein, vereinzelt auch Konsumenten und Händler.

Einige der Enthusiasten hoffen auf eine bessere Welt, andere auf neue Jobs oder etwas mehr Effi­zienz im Finanzwesen und viele schlicht auf den grossen spekulativen Profit, falls sich der Wert von Bitcoin deutlich erhöhen sollte. Neben dem ­umwälzenden Charakter der Technologie war die Gier schon immer der grosse Treiber des Bitcoin-Aufstiegs. Er war entscheidend. Ohne die Gier der Menschen hätte Bitcoin überhaupt nie die kritische Grösse und damit jene Widerstandskraft erlangen können, die das Netzwerk heute ausweist.

Seit bald sechs Jahren steht das Netz trotz allen Angriffsversuchen stabil da. Bisher hat sich keine fundamentale Schwäche in Code und Konzept ­offenbart. Hacker haben es einzig geschafft, Bitcoins aus digitalen Brieftaschen zu klauen, was im Wesentlichen dem Ausspähen von Passwörtern gleichkommt. Natürlich gibt es Gefahrenszenarien. So könnte eine finanzkräftige Macht derzeit noch genügend Computerpower aufbauen, um das Netzwerk empfindlich zu schwächen. Mit jedem weiteren Jahr, in dem das Netzwerk wächst, nimmt die Robustheit allerdings zu.

Die Lage der Konsumenten

Der Prüfstein ist also, ob Bitcoin den Weg zum Durchschnittskonsumenten findet. So weit ist es noch lange nicht. Die Kosten sind zu hoch, der Nutzen zu gering und die technischen Hürden überfordernd. Überhaupt ist noch völlig offen, ob sich Bitcoin – wenn überhaupt – eher als Zahlungsmittel oder als digitaler Rohstoff wie Gold zur Wert­auf­bewahrung eignet. Selbst in der schnelllebigen Finanzbranche braucht alles beträchtlich Zeit, sobald Menschen ihr Verhalten ändern sollen. Viele Jahre verstrichen, bis sich die Kreditkarte vom elitären Zahlungsmittel zur M-Budget-Kreditkarte wandelte.

Bisher hat sich meistens durchgesetzt, was den Konsumenten mehr Komfort, mehr Effizienz oder beides brachte. Die entscheidende Eigenschaft von Bitcoin ist die dezentrale Architektur. Es fehlt eine übergeordnete Instanz, ein Intermediär, eine Autorität, die überwacht und entscheidet. Das hilft Kosten sparen. Wer die Gebühren von Western Union beim internationalen Geldtransfer kennt, wird Bitcoin in diesem Bereich sofort eine rosige Zukunft zuschreiben. In anderen Fällen muss sich erst noch weisen, ob dezentrale Lösungen am Ende nicht doch teurer zu stehen kommen. Trotz allen Unsicherheiten investierten Wagniskapitalgeber alleine dieses Jahr knapp 300 Millionen Dollar in Firmen, die dem Publikum inzwischen alle paar Tage Neuerungen im Ökosystem Bitcoin präsentieren.

Forschungen zur dezentralen Datenbank

Doch Bitcoin ist ohnehin nicht das Ende der Geschichte. In selten gesehener Kadenz treiben die Programmierer die Entwicklung voran. Im ­Fokus steht dabei die Technologie, die Bitcoin ­zugrunde liegt und eben ganz allgemein gesagt dezentrale Datenbanken ermöglicht (Erklärung hier).

Solche Datenbanken eignen sich eventuell perfekt zur Steuerung von künftigen Haushaltsgeräten und überhaupt allem, was im gerade entstehenden «Internet der Dinge» mit dem Internet verbunden ist. IBM forscht nun kräftig in diesem Bereich. Ihr Argument lautet: Geräte oder ganze Häuser sollten vielleicht unabhängig von Herstellerfirmen im Netz gesteuert werden können. Schon nur deshalb, weil Firmen pleite- oder deren Server kaputtgehen können.

Eine weitere im Entstehen begriffene Anwendung der dezentralen Datenbank ist die Ausgabe von Anteilscheinen oder Aktien. Gut möglich, dass Eigentum auf diese Weise viel effizienter als heute verwaltet und übertragen werden kann.

Dezentrale Autonome Organisationen

Einen Schritt weiter geht Ethereum, ein Startup, das sich in Zug niedergelassen hat, das aber weltweit Entwickler-Dependancen unterhält. Ethereum braucht die Technologie, um Computerprogramme dezentral im Netz speichern und ausführen zu können. Von da ist der Schritt nicht mehr weit zu sich selbst steuernden, autonomen digitalen Organisationen, die ihre Dienste wem immer anbieten, vielleicht gegen Bezahlung. In ein paar Monaten geht Ethereum online.

Vielleicht werden sich die Hoffnungen nicht ­erfüllen, vielleicht verfehlen die Innovationen die Bedürfnisse von Gesellschaft, Wirtschaft und Konsumenten komplett oder kommen zum falschen Zeitpunkt. Wir wissen es nicht. Doch die Erfindung der dezentralen Datenbank-Technologie ist mindestens der Startschuss für ein grosses Abenteuer. Der Marathon hat gerade erst begonnen. Die Währung Bitcoin ist da nur die erste Zwischenstation.

Zum Bitcoin-Blog Bits&Coins

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