Die Ansage von Syngenta-Verwaltungsratsvizepräsident Jürg Witmer war klar: Ein Verkauf an börsenkotierte Konkurrenten wie etwa Monsanto hätte für die Basler massive Konsequenzen: Weniger Jobs und den Verlust des Schweizer Entscheidungsstandortes. In der «Basler Zeitung» meinte er darum, ein langfristig denkender strategischer Investor sei nötig

Nun hat die China National Chemical Corporation, kurz ChemChina, 470 Dollar (entspricht 480 Franken) pro Aktie geboten - in bar. Das Angebot ist zwar nicht höher als die letzte Offerte der Amerikaner von Monsanto, doch die Unterschiede sind massiv.

Grosse Unterschiede zu Monsanto-Angebot

Die Produktepalette zwischen Syngenta und ChemChina überschneidet sich nur zu etwa fünf Prozent. Kartellprobleme sind damit weitgehend ausgeräumt. Monsanto wollte zudem den Deal zur Hälfte mit eigenen Aktien über die Bühne bringen - der reale Gegenwert für Syngenta wäre ungewiss gewesen, momentan haben Monsanto-Papier schwere Verluste erlitten. Nach der Übernahme durch ChemChina würde Syngenta dagegen von der Börse genommen, die Verstaatlichung des Agrochemie-Konzerns wäre dann Tatsache.

Die Übernahme würde das chinesische Staatsunternehmen zu einem wichtigen Mitspieler in der weltweiten Agrochemie-Branche für Insektenvernichtungsmittel und auch genetisch verändertes Saatgut machen. Der Kauf ist damit ein wichtiger Schritt in der Strategie Chinas, die Entwicklung seiner Landwirtschaft durch moderne Methoden wie Biotechnologie und eine Konsolidierung der Branche voranzubringen.

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Industriestandort Schweiz gesichert

ChemChina bestätigt, dass Syngenta auch nach dem Kauf den Hauptsitz weiter in der Schweiz hat. Zudem dürften die Forschungs- und Produktionsstandorte in der Schweiz bleiben.

Auch beim Management wird sich vorerst nicht viel ändern: «Wir werden weiterhin mit dem Management und den Mitarbeitenden von Syngenta zusammenarbeiten, um den Wettbewerbsvorteil des Unternehmens in der weltweiten Agrartechnologie zu wahren», sagte Ren Jianxin, Vorsitzender von ChemChina, in einer Mitteilung.

ChemChina will anders sein

Während andere chinesische Staatskonzerne gerne ihre prachtvollen Hauptsitze an der Pekinger Chang'An Avenue haben, bevorzugt ChemChina den Stadtteil Haidan, weit vom Zentrum der chinesischen Hauptstadt entfernt, dafür aber nahe bei den Spitzenuniversitäten. Der heutige Firmenchef Ren Jianxin und inzwischen Ritter der Ehrenlegion Frankreichs, gründete 1984 mit einem staatlichen Kredit das erste industrielle Reinigungsunternehmen des Landes, die China National Bluestar Company.

2004 wurde der inzwischen grosse Konzern neu strukturiert und in der China National Chemical Corporation (ChemChina) zusammengefasst. Bluestar ist nun ein Joint-Venture zwischen ChemChina und Blackstone. Die meisten der vielen gekauften Gesellschaften führt ChemChina an der langen Leine - die Gesellschaften werden eigenständig weitergeführt.

ChemChina hat im Januar schon den deutschen Spezialmaschinenbauer KraussMaffei für 925 Millionen Euro übernommen - zu KrausMaffei gehört auch die Schweizer Firma Netstal. Der Zukauf im Norden war die bisher grösste chinesische Übernahme in Deutschland. Auch beim Schweizer Rohstoffhändler Mercuria sind die Chinesen mit 12 Prozent eingestiegen.

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Vor knapp einem Jahr hatte ChemChina dann die traditionsreiche italienische Reifenfirma Pirelli für mehr als sieben Milliarden Euro gekauft. Nach eigenen Angaben hat ChemChina weltweit 140'000 Mitarbeiter und erwirtschaftete 2015 einen Umsatz von rund 45 Milliarden US-Dollar.

Politisches Ziel: Unabhängige Versorgung

Als einer von über 100 «industriellen Champions» untersteht ChemChina direkt der Aufsichtsbehörde zur Modernisierung und Umstrukturierung grosser Staatsunternehmen (Sasac). Sasac wiederum untersteht direkt dem Staatsrat, also der Zentralregierung. Dies allein zeigt die strategische Wichtigkeit von ChemChina für den chinesischen Staat. Und der erachtete besonders die Agrochemie und die Saatgutsparten als besonders wichtig, weil China die Abhängigkeit von Lebensmittelimporten so gering wie möglich halten will.

Ob der Deal letztlich stattfindet, hängt aber auch von den USA und der EU ab - vor allem die Amerikaner könnten das Vorhaben noch scheitern lassen. Eine Kernfrage ist, ob das amerikanische Komitee für ausländische Investitionen in den USA (CFIUS) zustimmen muss.

Das Aufsichtsgremium, das Übernahmen auch unter dem Gesichtspunkt der nationalen Sicherheit prüft, gilt als nicht besonders chinafreundlich. Syngenta macht schätzungsweise ein Viertel seines Umsatzes in den USA, wo es der grösste Pestizidverkäufer ist.