Die Inflation war in den vergangenen 25 Jahren ein Schreckgespenst, das Wohlstand auffrass und Instabilität verursachte. Seit Kurzem jedoch fordern einige prominente Volkswirte wie Olivier Blanchard, der Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF), das Inflationsziel nach oben zu korrigieren. Aus verschiedenen Gründen wird diese Idee aber in nächster Zeit nicht auf fruchtbaren Boden fallen.

Das neue Argument lautet: Bei niedriger Inflation und niedrigen Leitzinsen bleibt den Notenbanken nur ein kleiner Handlungsspielraum, wenn externe Schocks auftreten. Der Hintergrund der Diskussion: Nach der Lehman-Pleite senkte die amerikanische Notenbank Fed den Leitzins schnell auf nahe null. Als die Bankenkrise dann in eine Wirtschaftskrise mündete, fehlte ihr der Spielraum, um durch noch niedrigere Leitzinsen Nothilfen für die Wirtschaft zu ermöglichen. Zero-Bound-Problem wird dieses Phänomen von den Ökonomen genannt. Wären die Inflations- und Zinsraten höher, hätte die Fed mehr Spielraum, die Zinsen weiter zu kürzen, um der Wirtschaft dringend benötigte Liquidität zu geben, so die Theorie.

Momentan haben die Fed und andere grosse Notenbanken sich eine Inflationsrate von etwa 2% zum Ziel gesetzt. Diese Marke schien lange Zeit als ein gesunder und stabiler Mittelwert. Doch niedrige und stabile Inflation könnte theoretisch auch über diesem willkürlich festgelegten Wert möglich sein.

Der IWF-Chefökonom Blanchard schrieb kürzlich in einer Studie, die US-Notenbank solle das Inflationsziel auf 4% erhöhen. Auch John Williams, Chef des Research-Departments der Notenbank von San Francisco, gab vergangenes Jahr zu Protokoll, dass eine höhere Inflationsrate nötig sei, um einen Puffer für künftige Krisen zu schaffen.

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Gründe für höhere Teuerung ...

Dieser Vorschlag ist Zeichen eines durch die Finanzkrise verursachten Umdenkens. Und die Diskussion kommt zur rechten Zeit. Im Januar 2010 sind die Konsumentenpreise ohne Lebensmittel und Energie im Vergleich zum Vormonat erstmals seit 1982 gefallen. Dieses Ereignis öffnete die Tür für die Diskussion. Und es gibt noch andere Gründe, warum aktuell nach einer höheren Inflationsrate gerufen wird.

Die US-Regierung und die US-Haushalte sitzen auf einem riesigen Schuldenberg. Eine höhere Inflation könnte in der Theorie die Schuldenlast abschwächen. Zwar sind Tilgungsraten nur selten an die allgemeine Teuerung gekoppelt. Aber die Einkommen der Haushalte und Staaten steigen bei höheren Inflationsraten. Das würde es den Schuldnern erleichtern, ihre Kredite abzuzahlen.

Es gibt aber auch Probleme mit dieser Theorie: Zuerst einmal ist nicht sicher, dass «Zero Bound» momentan das grösste Problem der Wirtschaft ist. Es in Angriff zu nehmen wäre vielleicht die Kosten nicht wert, die eine höhere Inflationsrate mit sich bringen würde. Ausserdem ist die Senkung der Leitzinsen nicht das einzige Mittel, um Wirtschaftskrisen zu überwinden.

... doch der Weg ist steinig

Nachdem die Fed im Dezember 2008 die Leitzinsen gesenkt hatte, fand Notenbankchef Ben Bernanke Alternativen zu weiteren Zinssenkungen: Er kaufte hypothekenbesicherte Wertpapiere sowie Staatsanleihen und versorgte unter anderem den Kreditkartenmarkt mit frischem Geld. Auch wenn sie nicht genügend Wachstum generierten, um die Arbeitslosigkeit zu senken, halfen die Schritte, die Rezession zu beenden.

Das grössere Problem ist aber: Der Weg von 2 auf 4% Inflation könnte für die Notenbanken sehr steinig werden. Bei Anlegern, Unternehmen und Haushalten würde der Schritt vielleicht den Eindruck erwecken, dass das generelle Bekenntnis zur Währungsstabilität aufgegeben werde. Daraus könnte sich eine Eigendynamik entwickeln, die dann zu 6 oder 7% Preisanstieg führen würde.

Auf die Märkte hätte ein höheres Inflationsziel «einen unmittelbar und störenden Effekt», warnte Bruce Kasman, Chefökonom von JP Morgan. Auch Notenbankchef Bernanke schaltete sich im Dezember mit einem Brief an die Gesetzgeber in die Diskussion ein. Er habe zwar die Verlockungen einer höheren Inflation erkannt, sehe aber die Gefahr, dass der Leitzins durch die Decke gehen könne und die Kosten für zukünftige Kredite explodieren liesse.

Eine Frage des Vertrauens

Deshalb kam Bernanke zu dem Schluss, ein höheres Inflationsziel würde das Risiko mit sich bringen, dass «die Öffentlichkeit das Vertrauen in den Willen der Zentralbank verliert, eine Teuerung zu verhindern». Das würde «die Effektivität der Geldpolitik untergraben», so der US-Notenbankchef.

Im Rückblick wird sich vielleicht einmal zeigen, ob das bei den Zentralbankern so populäre Inflationsziel von 2% ideal gewählt war. Es sieht aber so aus, also würden in absehbarer Zukunft alle verbissen daran festhalten.