Dätwyler bezeichnet sich selber als Multinischenplayer (siehe Kasten). Dennoch ist auch Dätwyler in der Krise unter die Räder gekommen. Hat das Konzept vom Konglomerat versagt?

Paul J. Hälg: 2009 haben wir eine Krise erlebt, wie wir sie noch nie gesehen haben. Gerade in dieser Krise hat das Konglomerats-Konzept alles in allem funktioniert: Wir waren deutlich weniger betroffen, als wenn wir nur von den Industriebereichen abhängig gewesen wären. Speziell der Bereich Pharmazeutische Verpackungen hat sich stabilisierend ausgewirkt.

Sie halten also an allen Standbeinen fest?

Hälg: Ja. Die Kombination von zyklischen und weniger zyklischen Aktivitäten sowie die Ausrichtung auf verschiedene Märkte sorgen in der Summe für Stabilität und Kontinuität. Die Krise hat gezeigt, dass das auch von den Kunden gerade in kritischen Zeiten sehr geschätzt wird.

Wie ist das Geschäftsjahr 2009 bei Dätwyler ausgefallen?

Hälg: Im Vergleich zum Rekordjahr 2008 ist der Nettoumsatz um 14% auf 1113,4 Mio Fr. gesunken. Wir haben aber im 2. Halbjahr 2009 entgegen dem üblichen saisonalen Trend eine gewisse Belebung verspürt. Zusätzlich haben sich die Massnahmen zur Kostensenkung bereits im 2. Halbjahr 2009 positiv ausgewirkt. Entsprechend wird die operative Ertragskraft der Dätwyler-Gruppe vor Restrukturierungskosten für das Gesamtjahr höher ausfallen als im 1. Semester. Das Jahresergebnis werden wir am 30. März kommunizieren.

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Den stärksten Einbruch hat Dätwyler im Bereich technische Komponenten erlitten.

Hälg: Hier vertreiben wir technische und elektronische Komponenten an Industrie und Gewerbe. Insbesondere die auf die exportorientierte Maschinenindustrie ausgerichtete Maagtechnic war von der Krise überproportional betroffen.

Wie kommen Sie mit der bei Maagtechnic beschlossenen Restrukturierung voran?

Hälg: Wir haben 2009 die Kostenstruktur dramatisch angepasst. Dazu haben wir in der Schweiz und in Deutschland die lokalen Verteilzentren geschlossen und die Lagerhaltung in Dübendorf zentralisiert. Diese strategische Anpassung wäre mittelfristig sowieso nötig gewesen, da sich die Kundenbedürfnisse verändert haben. Durch die Krise haben wir die Umsetzung beschleunigt. Die Restrukturierung ist bis auf feinere Anpassungen abgeschlossen. In der Lagerbewirtschaftung besteht noch Potenzial und entsprechende Projekte laufen.

Wie wird sich der Bereich Technische Komponenten im Jahr 2010 entwickeln?

Hälg: Jene Segmente, die direkt vom Umsatz der Kunden abhängig sind, dürften 2010 nur moderat zulegen. Für Maagtechnic erwarte ich daher ein anspruchsvolles Jahr, da vor allem die Maschinenindustrie im letzten Jahr noch von Aufträgen von 2008 zehrte. In der Katalogdistribution von elektronischen Komponenten, die einen breiteren Markt abdeckt, sollte eine leichte Erholung sichtbar werden. Insgesamt gehen wir im Bereich Technische Komponenten von einem L-Szenario aus und rechnen mit einer stabilen Nachfrage auf dem Niveau des 2. Halbjahrs 2009.

Sie sehen keine Erholung in der Industrie?

Hälg: Nein, zumindest nicht im Maschinenbau. Zwar verzeichnen die Kunden dort wieder mehr Aufträge. Für uns dürften sie 2010 kaum mehr in bedeutendem Umfang kommerziell wirksam werden.

Mitte Dezember haben Sie die deutsche Reichelt Elektronik gekauft.

Hälg: Reichelt passt sehr gut in unsere Strategie in der Katalogdistribution. Mittlerweile erzielen wir knapp 500 Mio Fr. Umsatz in diesem Marktsegment. Im Gegensatz zu unseren Marken Distrelec und Elfa ist Reichelt stärker auf Privatkunden ausgerichtet und hat ein engeres Sortiment mit einer aggressiveren Preispolitik. Mit dieser Marke können wir unsere Kundengruppen erweitern und damit unser bestehendes Geschäft ideal ergänzen. Von den Margen her ist das Geschäft mit den bestehenden Aktivitäten vergleichbar.

Sind weitere Zukäufe geplant?

Hälg: Ja, aber im Moment ist nichts spruchreif. Wir führen eine Liste von potenziellen Zielen, an der wir konstant arbeiten. Dabei fokussieren wir uns auf die Handelsaktivitäten im Bereich Technische Komponenten. Dieser Markt befindet sich nach wie vor in einer Konsolidierungsphase und wird gerade in dieser Krise Opportunitäten bieten.

Im Kabelbereich sind Sie weniger auf die Industrie als vielmehr auf den Bau fokussiert. Wie entwickelt sich diese Sparte?

Hälg: Hier sind wir auf Büro- und Infrastrukturbauten in Europa, Asien und Middle East ausgerichtet. In Middle East ist es ruhig geworden, es fehlt an Projekten, genauso wie in Ost- und Südeuropa. Die übrigen Märkte sind relativ stabil. Insgesamt erwarten wir im spätzyklischen Hochbau einen Rückgang der Nachfrage. Diese sollte durch Fiber-to-the-home- und Infrastruktur-Projekte kompensiert werden. Daher gehen wir auch hier im laufenden Jahr von einem flachen Szenario aus und streben ein moderates Wachstum auf Kosten der Konkurrenten an.

Wie wollen Sie diese verdrängen?

Hälg: Wir setzen verstärkt auf das Engineering und wollen Gesamtsysteme inklusiv Planung, Engineering, Service und Unterhalt anbieten.

Die Baukonjunktur hierzulande läuft sehr gut. Weshalb der vorsichtige Ausblick?

Hälg: Bei den Eingaben für Hoch- und Zweckbauten ist bereits ein Rückgang festzustellen. Dies schlägt sich bei uns üblicherweise mit einer Verzögerung von gut sechs Monaten in der Nachfrage nieder.

In der Sparte Gummi ist Dätwyler von der Autoindustrie abhängig.

Hälg: Die Abhängigkeit ist nicht mehr sehr gross. Vor der Krise erreichten wir im Konzernbereich Gummi einen Umsatz von etwas über 150 Mio Fr., wovon etwa 100 Mio Fr. in der Autoindustrie mit Dichtungsteilen für Bremssysteme und für das Fuel-Management erzielt wurden. Seit dem Einbruch in der Autoindustrie Ende 2008 ist dieser Anteil stark zurückgekommen und macht heute unter 5% des Konzernumsatzes aus. Der Umsatz mit Dichtungsprofilen ist dagegen etwas stabiler geblieben. Ein Grossauftrag für Verpackungsdichtungen aus der Konsumgüterindustrie hilft, den Rückgang aus der Automobilindustrie teilweise zu kompensieren.

Zurzeit erholt sich die Autoindustrie.

Hälg: Derzeit sehen wir wieder einen Anstieg der Autovolumen und wir haben zum Teil gar Lieferschwierigkeiten. Diese volatile Nachfrage dürfte auch 2010 anhalten.

Der Ausblick ist aber schwierig, denn wir werden noch Nachwehen der Abwrackprämien sehen. Wir erwarten keinen gewaltigen Volumenanstieg im laufenden Jahr, sondern gehen ebenfalls von einer flachen Entwicklung aus. Sicher ist, dass wir nach der Krise höhere Marktanteile haben werden, da wir bei den Neuprojekten gut unterwegs sind.

Erfolgreich durch die Krise gekommen ist der Bereich Pharmaverpackungen.

Hälg: Ja, der Markt blieb stabil. Wir haben zudem in den letzten Jahren hohe Investitionen getätigt, um sämtliche Segmente der Pharmaverpackungen mit elastomeren Komponenten bedienen zu können. Heute sind wir hinter West Pharmaceutical Services die weltweite Nummer zwei im Markt. Die Investitionen der letzten Jahre beginnen sich nun auszuzahlen und wir wachsen stärker als unser Hauptkonkurrent. Wir gehen davon aus, dass wir auch 2010 über dem Markt wachsen und unsere Wertschöpfung pro Einheit erhöhen werden. Dadurch wird unsere Ebit-Marge weiter steigen. Unser Konkurrent erzielte in guten Zeiten eine Ebit-Marge von 15 bis 17%. Solche Werte sollten wir in einigen Jahren ebenfalls erreichen können.

Alles in allem, welche Ziele streben Sie als Gruppe im laufenden Jahr an?

Hälg: Wir erwarten vom Markt her keine Impulse. Über die gesamte Gruppe gehen wir von einem L-Szenario aus und rechnen mit einer stabilen Nachfrage auf dem Niveau des 2. Halbjahrs 2009. Aufgrund der starken Marktpositionen sollte trotzdem ein Wachstum im tiefen einstelligen Bereich möglich sein. Mit der jetzigen Kostenstruktur sollten wir unsere früher gesetzten Margenziele in den einzelnen Bereichen wieder erreichen. Neu hinzu kommt Reichelt mit einem Umsatz von 150 Mio Fr. Der Gruppenumsatz dürfte dadurch auf mehr als 1,3 Mrd Fr. steigen.

Welchen Einfluss haben dabei die Fremdwährungen?

Hälg: Ein starker Franken ist für uns schlecht. Im Exportgeschäft der Konzernbereiche Kabel und Gummi leidet unsere Konkurrenzfähigkeit, denn wir haben hier einen grossen Kostenblock in Franken. Dazu kommen die negativen Währungs-effekte in der Konzernrechnung.

Letztes Jahr hat Dätwyler die Dividendenausschüttung gekürzt.

Hälg: Angesichts der mit der Krise verbundenen Unsicherheit und möglicher Akquisitionen haben wir damals die Ausschüttung reduziert. Heute sehe ich keinen Grund, nicht zur früheren Politik mit einer Dividendenausschüttung von einem Drittel zurückzugehen.