In den vergangenen Monaten gab es in der letzten Tagesstunde des Aktienhandels oft dramatische Kursausschläge. Verantwortlich dafür sollen nach Ansicht von Experten sogenannte Leveraged ETF sein. Dabei handelt es sich um die gehebelte Variante börsengehandelter Fonds. Mit diesen Papieren kann man gegen breite Aktienindizes und marktenge Sektoren wie Finanzwerte oder Immobilien wetten. Der Hebeleffekt entsteht dadurch, dass diese ETF mit Swaps oder Optionen unterlegt sind. Der Inhaber dieser Papiere kann seine Gewinne oder Verluste verdoppeln oder verdreifachen. Die gehebelten ETF sind so ausgelegt, dass man profitiert, wenn die Kurse steigen oder wenn sie fallen.

100 unterschiedliche Produkte

Die ersten gehebelten ETF tauchten 2006 auf, im vergangenen Jahr wurden bereits mehr als zwei Dutzend emittiert. Mittlerweile sind in den USA mehr als 100 Leveraged ETF erhältlich. An vielen Tagen sind sie die am häufigsten gehandelten Papiere am Aktienmarkt. Sie sind vor allem bei Hedge-Fonds und Institutionellen beliebt, weil man damit leicht aggressiv und direkt auf Aktien wetten oder ein Portfolio gegen unerwünschte Marktbewegungen hedgen kann. Vor allem Kurzzeit-Trader nutzen die gehebelten ETF, um in der letzten Handelsstunde schnell Gewinne zu machen.

Michael O’Rourke, Marktstratege beim Broker BTIG, sagt, das Traden mit ETF erkläre, warum zuletzt an so vielen Tagen eine Auf- oder Abwärtsbewegung scheinbar ohne Grund an Tempo gewonnen hat. «Ein Trend wird verstärkt, wenn diese Papiere mit im Spiel sind», sagt er. Dass die letzte Handelsstunde auffällig ist, steht ausser Frage. Im November entfielen durchschnittlich 26,2% des Handelsvolumens im S&P 500 auf die letzte Stunde, 17,1% auf die letzten 30 Minuten, wie die Credit Suisse ermittelt hat. In den Vorjahren waren es jeweils nur 20,7 bzw. 12,9%

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Der Handel mit Leveraged ETF hat enorm zugenommen. In den vergangenen drei Monaten ist das tägliche Handelsvolumen von Ultra Short Financial ProShares, die gegen Finanzwerte wetten, auf durchschnittlich 27 Mio Stück gewachsen. In den ersten drei Monaten 2008 waren es dagegen nur 8 Mio.

Dennoch: Wie kann eine solche Zahl angesichts der Mrd von Aktien, die jeden Tag ihren Besitzer wechseln, den Markt beeinflussen? Gehebelte ETF werden mit Swaps oder Optionen konstruiert. Broker, die jene ETF verkaufen, müssen die Aktien, auf die sich diese Fonds beziehen, zum Handelsschluss entweder kaufen oder verkaufen. Dabei sorgen sowohl die Leveraged Short als auch die Long ETF für einen Handel in dieselbe Richtung.

Ein Beispiel: Ein Bullenmarkt-ETF mit zweifachem Hebel. Bei einem Basispreis von 100 Dollar pro Aktie hat der Broker, der den ETF an einen Kunden verkauft, eine Marktexposition von 200 Dollar. Wenn der Markt nun 10% fällt, sinkt der Wert des ETF um 20% auf 80 Dollar und die Exposition des Brokers geht auf 160 Dollar zurück. Um seine Position glattzustellen, verkauft der Broker am Ende des Tages unterlegte Wertpapiere für 40 Euro.

Genauso bei einem doppelt gehebelten Bärenmarkt-ETF für 100 Dollar, der den Broker in eine 200 Dollar-Short-Exposition bringt. Wenn die Märkte 10% fallen, steigt der ETF um 20% auf 120 Dollar. Die Exposition des Brokers ist nun 240 Dollar. Er muss ebenfalls für 40 Dollar verkaufen, um seine Position glattzustellen.

Ausgeprägt in unsicheren Zeiten

Bis in den November könnten solche «erzwungenen» Verkäufe die Märkte am Abend stark bewegt haben. Seit sich der Markt wieder etwas stabilisiert hat, sind auch die Ausschläge zu Handelsschluss nicht mehr so stark. Doch angesichts der wachsenden Zahl von Leveraged ETF könne dies bei der nächsten Marktunsicherheit «vermutlich wieder so ablaufen», so O’Rourke.