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«Spekulanten gibt es immer»

Kryptowährungen
Kryptowährungen: Haben sie nach dem Hype noch eine goldene Zukunft?Quelle: Getty Images

Die Bank für internationalen Zahlungsausgleich warnt vor Bitcoin, und die Kurse crashen: Der Chef von Coinlab Capital sagt, wann bei Krypto-Assets Vorsicht geboten ist.

Von Marc Badertscher
am 18.06.2018

Nach dem Hype im vergangenen Herbst ist es ruhig geworden um Kryptowährungen und allen voran dem BitcoinDie Zentralbank der Notenbanken hat jüngst gar davor gewarnt – Anlegern drohe ein Totalverlust. Wie geht es nun weiter mit Bitcoin und Co.?

Die Kurse von Bitcoin und all den anderen Kryptowährungen und Coins sind in den letzten Tagen wieder einmal um 20 Prozent eingebrochen. Ist das der Anfang vom Ende?

Alain Kunz: Am Speakers’ Corner im Hyde Park in London wird seit über hundert Jahren tagtäglich das nahende Ende der Welt verkündet. Ich glaube nicht an das Ende der Welt – auch nicht von Kryptowährungen. Die jüngsten Verwerfungen waren vielleicht etwas heftiger als gedacht. Aber fundamental hat sich nichts geändert.

Aber die exorbitanten Renditen des letzten Jahres sind erst einmal vorbei.

Vorläufiger Höhepunkt war sicher Dezember letzten Jahres. Seither haben sich die Kurse ja mehr als halbiert. Viele, die damals einstiegen, haben inzwischen verkauft. Und es gibt, mit Ausnahme von Verwerfungen an den Märkten, weniger Schlagzeilen in den Medien. Die Spekulation ist eindeutig zurückgegangen.

Bleibt das so?

Die Spekulanten werden zurückkommen. In der Zwischenzeit werden hinter den Kulissen die neuen Technologien und Anwendungen enorm vorangetrieben. Das braucht natürlich Zeit und bringt heute kaum Schlagzeilen.

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Was ist mit dem ICO, der neuartigen Finanzierungsmethode, bei der die Investoren für ihr Geld einen Coin des Projekts erhalten?

Es ist für kleine neue Projekte schwieriger geworden, Geld einzusammeln. Die Leute schauen heute genauer hin, wem sie ihr Geld geben. Sie haben dazugelernt. Das ist gut so.

Alain Kunz
Alain Kunz: CEO von Coinlab Capital. Ein junges Zuger Unternehmen, das ihren Kunden den Zugang zu Krypto-Assets ermöglicht.
Quelle: ZVG

Ist der ICO-Markt sogar tot?

Überhaupt nicht. Einige grosse Projekte haben in den letzten Monaten mehr Investorengeld angezogen als alle Projekte im letzten Jahr zusammen. Für breit abgestützte Projekte werden ICO zunehmend attraktiv, um Geld zu beschaffen.

Warum sollte jemand bei diesen heftigen Kursschwankungen überhaupt irgendwelche Coins oder Token kaufen?

Investieren in Krypto ist am ehesten vergleichbar mit Wagniskapital, dem sogenannten Early Stage Venture Capital Investment. Das ist die risikoreichste Anlageklasse. Gleichzeitig auch jene mit dem grössten Potenzial nach oben. Krypto-Investments sind sicher eine Prise riskanter – wegen der regulatorischen Unsicherheit. Trotzdem denke ich, dass irgendwo da draussen so etwas entsteht wie damals Google oder Amazon mit asymmetrischen Returns für frühe Investoren. Zudem ist es gemäss Portfoliotheorie ja so, dass auch risikoreiche Investments zur Diversifikation beitragen und damit das Chancen-Risiko-Verhältnis des gesamten Portefeuilles verbessern.

Wer kauft Krypto heute?

Spekulanten auf der Retailseite gibt es immer. Aber viele davon hat es im Februar und März herausgespült, als die Kurse eingebrochen sind. Wir sehen nun langsam die Rückkehr von Investoren, die langfristig denken und jetzt den Zehen ins kalte Wasser tauchen wollen. Da reden wir von Venture-Capital-Firmen und Family Offices, aber zum Beispiel auch von Versicherungen, die nun Produkte aus Diversifikationsgründen anbieten wollen.

Sind die Hürden nicht zu hoch für Otto Normalverbraucher?

Ja und Nein. Einerseits sind die ganzen Prozesse, bis man Krypto wirklich selber besitzt und in einer eigenen Wallet kontrolliert, nach wie vor kompliziert und nicht vergleichbar mit einem Aktienkauf. Bis sich das ändert, dauert es wohl noch ein Weilchen. Anderseits kann man schon heute mit wenig Geld an einer interessanten neuen Anlageklasse teilhaben. Solches war früher für Otto Normalverbraucher kaum möglich.

Wenn jemand jetzt nicht selber Krypto-Assets verwalten, aber dennoch investieren möchte: Wie kann er oder sie das in der geläufigen klassischen Bankenwelt tun?

Banken wie Swissquote bieten Konti an, die in Kryptowährungen denominiert sind. Vontobel, Leonteq oder die Bank Frick bieten Zertifikate auf jeweils einzelne Krypto-Assets an. Wir von Coinlab Capital offerieren ein Produkt, das zehn Krypto-Assets gleichgewichtet abbildet und jeweils einmal im Monat balanciert wird. Es gibt also mittlerweile bereits Lösungen, die mit einem Aktienkauf vergleichbar sind. Und es werden sicher noch mehr kommen.

Noch mehr Zertifikate?

Ja. Da fallen all die Fragen zur anspruchsvollen Aufbewahrung von Krypto für den Käufer weg und werden delegiert. Das macht das Ganze einfacher. Natürlich, mit solchen Zertifikaten geht auch etwas verloren, was Bitcoin und Co. überhaupt erst so attraktiv gemacht hat, nämlich: «Sei deine eigene Bank und kontrolliere dein Vermögen selber.»

Wäre es denn gut, wenn der einfache Anleger schon heute versuchte, selber Krypto zu verwalten?

Das ist sehr individuell und hängt davon ab, wie viel der Anleger weiss und wie viel Zeit er investieren will. Die ganze Krypto-Assets-Welt ist schon sehr komplex. Die Nutzer sollten einige Maximen kennen.

Und die wären?

Nur kaufen, was man kennt, und nur so viel investieren, wie man bereit und fähig ist, zu verlieren. Deshalb sollte man nur einen kleinen Teil des gesamten Vermögens investieren, aber trotzdem so viel, dass das gesamte Portfolio von der Diversifikation profitiert. Die meisten, die diese Grundsätze missachten und einfach rasch reich werden wollen, verbrennen sich die Finger.

Die Leute haben doch keine Zeit, Protokoll-Token wie Ether, EOS oder Tezos zu verstehen?

Die Leute sollten die Zeit finden, sich zu informieren – oder sich einen vertrauensvollen Experten suchen, der das für sie erledigt. Nur so geht es. Aber die Wahrheit ist auch: Die ganze Branche wächst dermassen rasch, dass es für niemanden einfach ist, den kompletten Überblick zu behalten und all die neuen Projekte genau zu kennen.