Sie haben es begrüsst, dass Lehman Brothers nicht gerettet wurde. Hätte man auch Griechenland pleitegehen lassen sollen?

Leonhard Fischer: Die Linie hätte sein müssen: Griechenland helfen, aber die Gläubiger hätte man einbeziehen und einen Teil der Last tragen lassen müssen. Deshalb hätte es eine Umschuldung geben müssen, bei der Banken und Investoren einen erheblichen Teil ihrer Forderungen verloren hätten. Schliesslich sind sie für die Schieflage des Landes mit verantwortlich.

Sie teilen die These, dass Spekulanten das Land in die Pleite trieben?

Fischer: Nein, im Gegenteil. Richtig ist, dass sich keine Investoren mehr fanden, die griechische Anleihen kaufen wollten. Mit gezielter Spekulation hat das wenig zu tun. Die Spekulanten-These ist doch eine Mär. Der Euro kann aufgrund seiner geringen Auslandsverschuldung nicht von aussen in Gefahr gebracht werden. Nur ein innereuropäischer Erosionsprozess kann dem Euro gefährlich werden.

Welche Rolle hat dann noch der Markt gespielt?

Fischer: Griechenlands Überschuldung ist auch die Folge eines Marktversagens. Wo waren denn die hochbegabten Spekulanten all die Jahre, wo war die hochintelligente Finanzindustrie? Alle sagen jetzt: Wie konnte die Politik nur so dumm sein und Griechenland in die Eurozone aufnehmen? Der Vorwurf mag berechtigt sein - aber wie konnte der Markt nur so dumm sein, zehn Jahre lang griechische Anleihen zu kaufen, mit nur minimalen Risikoaufschlägen bei den Zinsen? Diese hohe Verschuldung hätte gar nicht entstehen dürfen.

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Die Akteure an den Finanzmärkten konnten sich doch getrost darauf verlassen, dass Griechenland sowieso nicht fallen gelassen wird.

Fischer: Das ist genau das Problem. Für mich steht das Marktversagen gleichwertig neben Fehlern der Politik. Letztere folgt nun einmal eigenen Regeln. Man träumte von einem glücklich vereinten Europa mit gemeinsamer Währung, und das ist politisch gesehen ein legitimer Wunsch. Es wäre Sache der Investoren gewesen, auf die ökonomischen Grenzen dieses Traumes hinzuweisen. Stattdessen hat man Milliarden griechischer Anleihen gekauft, immer im Glauben, dass die anderen Euro-Länder im Fall der Fälle zu Hilfe kommen. Obwohl im Maastricht-Vertrag das Gegenteil steht.

Ohne Rettung hätte es einen Bankenkollaps gegeben. Jedem konnte doch klar sein, dass die europäischen Regierungen das nicht zulassen würden.

Fischer: Ach, schon wieder ein Bankenkollaps! Wenn die Schulden eines kleinen Landes mit minimalem Anteil am Weltbruttosozialprodukt umstrukturiert werden müssen, dann bricht das Finanzsystem zusammen? Was sollen wir denn mit einem solchen Bankensystem anfangen? Wenn es wirklich so wäre, sollten wir in Angst und Panik leben und die Kreditinstitute lieber komplett verstaatlichen. Die Banken sind dann ja offensichtlich nicht in der Lage, auch nur den kleinsten Sturm zu überleben.

So harmlos ist die europäische Schuldenkrise auch wieder nicht.

Fischer: Was ist denn unsere Definition für Krise? Unsere eigene Dummheit? Eine Krise ist für mich eine Herausforderung, die von aussen über einen hereinbricht. Die Ölkrise im Jahr 1973 war ein solcher exogener Schock. Aber welchen Schock von aussen gab es denn in den vergangenen fünf Jahren? Es ist kein Meteorit auf der Welt eingeschlagen, es hat auch niemand den Ölpreis künstlich verfünffacht - und trotzdem wackeln die Fundamente des globalen Finanzsystems. Und zwar wegen Problemen, für die die Branche auch selbst verantwortlich ist. Wie soll dieses System eine echte Krise überstehen?

Was soll die Finanzbranche aus ihren Fehlern lernen?

Fischer: Sie müssen die Tendenz zu immer grösseren Banken stoppen. Das einzige Korrektiv für schädliche Auswüchse im Finanzsystem ist der Wettbewerb.

Auch kleine Länder und kleine Banken können manchmal grosse Krisen auslösen.

Fischer: Ja, aber dass wir heute in dieser prekären Lage sind, liegt daran, dass grosse Banken in grossen Ländern das Rettungssystem überlastet haben. Mir geht es hier um schlichte Grösse. Ich würde beispielsweise ganz schnöde die Bilanzsumme begrenzen.

Wie bitte? Die Bilanzsumme gilt unter Fachleuten doch als Zahl ohne Aussagekraft, weil sie das Risiko der einzelnen Positionen nicht berücksichtigt.

Fischer: All die komplexen Ansätze, Banken zu kontrollieren, sind gescheitert. Es gab noch nie so viel Regulierung wie heute. An allen Kleinigkeiten wird herumgefummelt. Die Folge ist, dass die Banken noch ein paar Anwälte mehr beschäftigen, um die Regeln zu umgehen. Die internationale Bankenregulierung ist auf dem Weg, die Fehler des deutschen Steuerrechts zu kopieren. Irgendwann wird es so kompliziert, dass nichts mehr funktioniert. Die richtige Bankenregulierung ist einfach: Die Bilanzsumme ist nun einmal die Summe, die bei einer Pleite relevant wird. Aber ich bin offen für bessere Ideen. Sie sollten nur einfach umsetzbar sein.