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Staatlich abgesegnete Ausland-Abenteuer

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Die Staatsinstitute suchen das Wachstum ausserhalb der Kantons- und Landesgrenzen. Oftmals enden die Expansionspläne in kostspieligen Flops. Der Salzburger ZKB-Tochter PIAG etwa droht jetzt eine Klage

Von samuel gerber und Isabelle Schaefer
am 09.11.2010

Der «Kasachen-Krimi» spielt in Salzburg. In der Hauptrolle findet sich Rakhat Aliyev, ehemaliger Botschafter Kasachstans in Wien, einstiger Schwiegersohn des Staatspräsidenten - und vormals Kunde der Salzburger Privatinvest Bank (PIAG), die heute im Besitz der Zürcher Kantonalbank (ZKB) ist.

Seit 2007 ist Aliyev von Kasachstan zur internationalen Fahndung ausgeschrieben, in Österreich wird er der Geldwäscherei bezichtigt - mutmasslich auch über die PIAG. Die Wiener Staatsanwaltschaft ermittelt zudem gegen Geschäftsführer und Mitarbeiter der Bank hinsichtlich möglicher Beteiligung in Fällen von Betrug, Veruntreuung und fiktiver Kontenführung.

«Kalkulierte Risiken»

Die ZKB hatte von vielen dieser Vorgänge gewusst und trotzdem kaufte sie das österreichische Institut Ende 2009. «Die Reputationsrisiken waren der ZKB beim Kauf der PIAG bekannt, es waren kalkulierte Risiken», sagt Sprecher Urs Ackermann. Diese Entschlossenheit angesichts grosser Risiken mag erstaunen - sie hat jedoch Methode.

Denn eingeengt in ihren gesättigten Heimmärkten und abhängig vom niedermargigen Zinsgeschäft, suchen viele Kantonalbanken ihr Heil in der Expansion in neue Geschäftsfelder. Da die meisten längst über die Kantonsgrenzen hinaus operieren, ist der Schritt ins Ausland nur die Weiterführung dieses Trends.

Die ZKB, die neben der Salzburger Tochtergesellschaft Vertretungen in Peking, Mumbai und Singapur unterhält, steht mit dieser Strategie nicht alleine da. Auch die Genfer, die St. Galler und die Basler Kantonalbank verfügen über Firmentöchter oder Beteiligungen im Ausland, und die meisten Staatsbanken zählen Ausländer zu ihrer Kundschaft.

Milliardenteure Flops

Für den Zürcher Professor Martin Janssen birgt die Expansionsstrategie jedoch Gefahren. «Wenn Risiken eingegangen werden, dann können die entsprechenden Projekte auch scheitern.» So sei etwa klar, dass Kreditanalysen ausserhalb des Kantonsgebiets schwieriger und teurer seien, so der Finanzexperte (siehe Interview). In der Vergangenheit haben sich Expansionsstrategien der Kantonalbanken wiederholt als kostspielige Flops erwiesen.

Der Vorstoss der Banque Cantonale Vaudoise (BCV) bis hin nach Griechenland und Hongkong in den 1990er-Jahren etwa hatte Milliardenschäden zur Folge. Auch die Expansion der Genfer Kantonalbank zog in derselben Epoche schwere Verluste nach sich. Eine peinliche Schlappe zog sich dann die Glarner Kantonalbank 2008 zu, als sie versuchte, aus der engen Talschaft auszubrechen (siehe Kasten).

Auch für die ZKB könnte sich der Schritt über die Landesgrenze hinaus noch rächen. Während für alle Beteiligten in den diversen Rechtsfällen rund um die PIAG weiter die Unschuldsvermutung gilt, könnten die Entwicklungen nun eine Wende nehmen, deren Risiken kaum noch zu kalkulieren sind. Die Wiener Staatsanwaltschaft zieht nämlich in Betracht, nach dem neuen Verbandsverantwortlichkeitsgesetz zu ermitteln. Dieses konzentriert sich weniger auf bestimmte fehlbare Mitarbeiter, sondern vielmehr auf das Unternehmen als Ganzes - wenn es denn die Behörden als erwiesen ansehen, dass die Entscheidungsträger in einem Unternehmen die Organisation so aufgesetzt hatten, dass strafbare Handlungen durch Mitarbeiter quasi systemimmanent waren. Die Gefahr ist dabei weniger die Strafe - wahrscheinlich eine Geldbusse - als die Folgen eines Urteils. Es würde eine Basis für weiter Klagen bieten. Der Bank könnte im schlimmsten Fall eine Klagewelle drohen.

Die Wiener Kanzlei Lansky, Ganzger und Partner, die Mandanten in der Sache Aliyev berät, prüft bereits eine Klage auf Schadenersatz gegen die PIAG. «Welche finanziellen Folgen die vor dem Kauf der Privatinvestbank durch die Zürcher Kantonalbank liegenden Ereignisse auf unsere Tochter haben, kann noch nicht abgeschätzt werden», räumt Ackermann von der ZKB ein. «Gleiches gilt auch für die ZKB als Mutterhaus.» Man sei sich aber der Problematik des Verbandsverantwortlichkeitsgesetzes für die PIAG bewusst und begleite die Angelegenheit eng.

Trotzdem hält die Staatsbank eisern an ihrer gestrauchelten Tochter fest: Ein Verkauf stehe nicht zur Diskussion, auch Rückstellungen würden derzeit nicht gemacht, heisst es bei der ZKB. Stattdessen soll bis Ende Jahr die Compliance der PIAG abgeschlossen sein, und wenig später könnte dann in der Griesgasse in Salzburg der unangenehme Name Privatinvest Bank verschwinden und das ZKB-Logo angebracht werden.

In München ist ein Kantonalbanken-Signet schon seit Anfang 2009 zu sehen. Roland Ledergerber, Chef der St. Galler Kantonalbank, hat auf den Umweg gesetzt und in der bayerischen Metropole ein Tochterunternehmen aufgebaut. Inzwischen konnten die St. Galler über die Filiale die sogenannte Freistellung für den deutschen Markt erreichen.

Ein Brückenkopf in München

Die Freistellung ermöglicht, dass nun auch das Schweizer Mutterhaus und die Hyposwiss-Töchter den deutschen Markt bearbeiten können. Ansonsten verbietet die deutsche Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) jegliche Kundenakquisition ausländischer Institute. Damit wird auch deutlich, dass München vorab als Brückenkopf dient: Falls die Filiale nicht profitabel arbeitet, ist dies kein Malheur. «Die Operationen vor Ort liessen sich auch auf das Nötigste reduzieren und die Filiale als Plattform für die dank der Freistellung mögliche Kundenbetreuung aus der Schweiz heraus nutzen», so Ledergerber.

Das gleiche Kalkül gilt auch für die PIAG, die inzwischen für sich Freistellung hin nach Deutschland erreicht hat und über das «Passporting» erleichterten Zugang zu anderen EU-Ländern geniesst: Wenn nur die Onshore-Präsenz gesichert sei, so ein ZKB-Führungsmitglied im Gespräch, habe sich der Kauf gelohnt.

Hauptsache also, die Banken haben ungehinderten Zugang zur ausländischen Kundschaft. Denn wer über keine Vor-Ort-Präsenz verfügt, der wird künftig mit happigen Mittelabflüssen bestraft. «Wir gehen davon aus, dass wir ohne Bafin-Freistellung und ohne Onshore-Präsenz pro Jahr etwa 5 bis 10 Prozent der von uns verwalteten Kundengelder aus Deutschland verlieren würden», sagt Ledergeber von der St. Galler Kantonalbank. Ohne regulierten Zugang liessen sich die Märkte Deutschland, Frankreich, Italien und USA gar überhaupt nicht mehr bearbeiten, so Ledergerber.

Kein Zugang mehr zu Europa

Genau diese Schwierigkeiten haben nun auch die Luzerner Kantonalbank zum Handeln bewogen: Am 20. Oktober hat sie das Tochterinstitut Adler Privatbank in das Mutterhaus eingegliedert. Die Niederlassungen in Zürich und Basel firmieren nun unter dem Namen «Luzerner Kantonalbank - Private Banking»; bis zu 20 Stellen im Backoffice der Adler könnten mittelfristig verschwinden. Verflüchtigt hat sich damit ein Grossteil der kühnen Wachstumspläne, welche die Luzerner einst hegten. Sie wollten über den Einstieg bei der Bank Adler 1998 das Wachstum im Private Banking forcieren; mit der Akquisition bezog man gleichzeitig Stellung ausserhalb des Kantons und im Offshore-Geschäft, wo Adler stark verankert war.

Seit der Finanzkrise ist dieses Geschäft jedoch zum Minenfeld geworden, und das Mutterhaus buchstabiert zurück. «Als eigenständiges Haus hat die Adler Privatbank nicht die kritische Grösse, um diese Herausforderungen zu bewältigen - als Luzerner Kantonalbank können wir dies aber gut gewährleisten», sagt Direktionsvorsitzender Bernard Kobler. Gleichzeitig gibt er zu: «Der Zuwachs bis heute ist nicht so ausgefallen, wie das vor der Finanzkrise erwartet worden war.» Von Zuwachs kann im dritten Quartal 2010 allerdings keine Rede mehr sein. Die Abflüsse bei der kleineren Adler Privatbank frassen die Vermögenszuflüsse der Konzernmutter auf.

Für Finanzprofessor Janssen ist klar, was jetzt kommt: Die neuen Regeln, welche im Bereich grenzüberschreitendes Banking erfüllt werden müssen, verlangten den Banken viel ab, sagt er. «Ich vermute deshalb, dass die Anforderungen an kleinere Banken respektive Banken mit relativ wenigen Crossborder-Kunden allein mit Ausbildung und Überwachung nicht mehr erfüllt werden können.»

Falls jetzt eine neue Verlustwelle anrollt, wäre dies jedenfalls nicht auf die leichte Schulter zu nehmen. Denn für jede gescheiterte Expansionsstrategie bezahlten in der Vergangenheit regelmässig die Steuerzahler - auch wenn wie im Fall der BCV keine Staatsgarantie gegeben war.

Oft reagierten Kantone in der Vergangenheit erst, wenn der Schaden angerichtet war. Denn solange eine Expansionsstrategie gute Erträge abwirft, besteht kein Anreiz, einzugreifen: Die Kantone sind die grössten Nutzniesser der Dividenden, welche die Kantonalbanken in der Regel üppig austeilen. Sowohl im Fall BCV wie auch bei der gescheiterten Expansion der Glarner Kantonalbank gaben die politischen Aufsichtsorgane im Nachhinein an, den Bankenchefs vertraut zu haben.

Für Hans Kaufmann, Finanzwissenschaftler und Mitglied der Finanzkommission im Nationalrat, wiegen die Gefahren zu schwer. «Aufgrund der politischen Risiken sollte man es denn Kantonalbanken generell verbieten, ins Ausland zu expandieren.» Die Banken seien dort begehrte Opfer, weil bekannt sei, dass im Notfall der Kanton zu Hilfe eilt. Kaufmann stellt überhaupt infrage, ob Staatsbanken zwingend wachsen müssten - ein Kritikpunkt, den auch Finanzexperte Janssen teilt.

Aus Sicht der Kantonalbanker steht die Expansion jedoch ausser Frage. «Mit dem von der Ertragskraft und dem Wachstumspotenzial attraktiveren Vermögensverwaltungsgeschäft über die Kantonsgrenzen hinaus können wir die Abhängigkeit vom traditionellen Zinsgeschäft reduzieren», sagt Ledergerber, Chef der St. Galler Kantonalbank. Der Trend Richtung Wachstum über die Kantonsgrenzen hinaus ist deshalb ungebrochen. Erst letzten September haben die Schwyzer Stimmbürger einer Gesetzesänderung zugestimmt, die es der dortigen Kantonalbank erlaubt, ausserhalb des Stammgebiets Filialen zu eröffnen - dabei aber immerhin den Schritt ins Ausland verbietet.

Trotzdem könnten sich die Kantonalbanker den Slogan zu Herzen nehmen, mit dem die PIAG wirbt: «Es ist besser, klein zu sein und Grosses zu leisten, als gross zu sein und Kleines zu leisten.»

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