Noch steigen die Börsen von Hoch zu Hoch. Auch Swisscanto, der viertgrösste Schweizer Fondsanbieter, rät zum Kauf der Papiere. Wie lange geht das gut?

Thomas Liebi:
Wir fahren derzeit bei ­europäischen Aktienwerten eine höhere Quote. Grund dafür ist die relativ güns­tige Bewertung der Titel, aber auch die Mehrrendite gegenüber Anleihen. So liegt die Dividendenrendite des Europa-Index Euro Stoxx 50 im Schnitt bei 4,5 Prozent. Schweizer und deutsche Staatsanleihen mit zehn Jahren Laufzeit werfen dagegen 0,7 und 1,4 Prozent Rendite ab.

In den letzten Tagen kam es teilweise aber auch zu Kursverlusten. Sollen sich Anleger davon nicht beirren lassen?
Wir sehen Rücksetzer der Märkte als Gelegenheit zum Zukauf.

Bereitet Ihnen denn die Lage Europas nach dem Wahlpatt in Italien keine Sorge?
Natürlich beschäftigt uns die Lage in Italien. Wir denken aber, dass des­wegen die grundsätzliche Erholung der Euro-Zone nicht unterbrochen wird. Die Europäische Zentralbank könnte sich gar überlegen, die Leitzinsen zu lockern. Das würde der Wirtschaft in der Euro-­Zone ­zusätzlichen Schub geben.

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Damit rechnen beim Zinsentscheid der Zentralbank am 7. März aber nur wenige Beobachter, oder?
Bereits beim nächsten Zinsentscheid könnte eine Zinslockerung zum Thema werden. Zudem zeichnet sich der Trend ab, dass gestrauchelte Euro-Mitgliedstaaten etwas mehr Zeit für ihre Sparziele bekommen.

Interessanterweise sind die Spar­bemühungen in Amerika, die nun ­umgesetzt werden müssen, kaum mehr ein Thema bei den Investoren. Schreckt die ­sogenannte Steuerklippe niemand mehr?
Ende März wird in den USA erneut über das Budget verhandelt. Viele Investoren hoffen wohl, dass die Sparziele nochmals abgeschwächt werden. Eigentlich ist die laue Reaktion der Anleger schon erstaunlich.

Es bleibt also in Amerika alles beim Alten – die Märkte werden mit Geld geflutet und die Staatsverschuldung nimmt weiter überhand?
Nicht unbedingt. Gerade in den USA steigen die langfristigen Zinsen ­wieder an, und mehrere regionale Fed-Notenbanker denken bereits laut über eine Zinserhöhung nach. Wir erwarten, dass steigende Leitzinsen in den Staaten noch vor 2015 zum Thema werden.

Das wäre Gift insbesondere für die Anleihenkurse?
Staatsanleihen aus Deutschland, den USA und der Schweiz sind derzeit ­sowieso viel zu teuer für eine Anlage. Auch bei Hochverzinslichen sehen wir derzeit kaum noch Luft nach oben. Es ist kaum zu erwarten, dass die Rally in diesen Investments im bisherigen Tempo weitergeht.

Aber bei europäischen Aktien rechnen Sie noch mit Zugewinnen. Welche Titel haben Potenzial nach oben?
Wenn das Szenario einer Erholung Europas und sinkender Leitzinsen ­eintrifft, dürften vor allem Zykliker profitieren. Gemeint sind Konsumgüterwerte, Finanztitel und Aktien von Industrie­unternehmen.

Doch es gibt auch Titel, die wenig laufen?
Schwieriger sieht das Umfeld für Versorger und Telekommunikations­firmen aus, wenn die Staaten sparen müssen.

Profitieren auch Schweizer Werte von der Hausse in Europa?
Das erwarten wir weniger. Hiesige Titel sind in der Regel schon gut gelaufen und darum nicht mehr günstig bewertet.

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Aber es gibt vereinzelt Chancen?
Ausnahmen sehen wir im Finanzsektor bei Firmen mit starker Dividendenrendite wie Zurich oder Swiss Re. Unmittelbar von einer Wirtschafts­erholung profitieren auch Industrie­werte wie ABB.