Wenn sich selbst Fussballer Sorgen machen, dann muss die Lage wirklich ernst sein. «Wir warten auf einen Neustart nach wirklich schwierigen Zeiten», sagte Nationaltorhüter Gianluigi Buffon dieser Tage zum neu ernannten italienischen Ministerpräsidenten Mario Monti.

Tatsächlich steckt nicht nur Italien, sondern die ganze Euro-Zone noch immer tief in der Krise. Und die Banken des Kontinents bereiten sich auf Schlimmes vor. Sie reduzieren ihr Engagement in Staatsanleihen der Euro-Zone. Vor drei Jahren waren sie aus ihren Immobilienanlagen in den USA in den vermeintlich sicheren Hafen europäischer Staatsanleihen geflüchtet. Seither hat sich aber die Risikowahrnehmung radikal verändert.

Die französische BNP Paribas baute deshalb ihren Bestand an Staatsanleihen der Euro-Zone um einen Viertel oder rund 25 Milliarden Euro ab. Auch Société Générale, Royal Bank of Scotland, Barclay’s oder ING stiessen in den letzten Monaten massiv italienische, spanische und portugiesische Anleihen ab. So wollen sie höheren Kapitalanforderungen genügen und sich vor den Herabstufungen der Bonität der Euro-Länder schützen.

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«Eine ungerechtfertigte Ausnahme»

Die Risikoeinschätzung der Banken hat zuvor offensichtlich versagt. Seit Einführung des Euro behandelten sie die Anleihen der Euro-Länder alle als praktisch gleich sicher, ob sie von Deutschland, Griechenland oder Italien ausgegeben wurden. Allzu genaues Hinschauen war nicht gefragt: Die Einnahmen aus dem Emissionsgeschäft mit Staaten der Euro-Zone waren für die Grossbanken lukrativ. Seit 2005 kassierten sie dafür schätzungsweise 1,1 Milliarden Dollar an Gebühren.

Die Aufsichtsbehörden unterstützten die Entwicklung nach Kräften. Die Anleihen von Staaten mit der höchsten Bonität – einem AAA- oder AA-Rating – durften von den Banken als risikolos eingestuft werden. Sie mussten also nicht mit Eigenkapital unterlegt werden. Als «grössten Rechnungslegungs-Schwindel aller Zeiten» bezeichnet dies Hans Hoogervorst, der Vorsitzende des International Accounting Standards Board in London.

Mit dem Regelwerk Basel II wurden die Eigenkapitalvorschriften für die Banken ab 2007 verschärft. Der Standardansatz erlaubte es den Banken zwar nach wie vor, die Anleihen von AAA- und AA-Staats-schuldnern als risikolos einzustufen. Aber Grossbanken, die ihre eigenen Risikomodelle verwendeten, hätten eigene Risiko- einschätzungen vornehmen müssen. Griechische und deutsche Staatsanleihen hätten demnach nie dasselbe Risiko von null haben dürfen. Doch viele Grossbanken wendeten ihre eigenen Risikoeinschätzungen nur für andere Anlageklassen an. Für Staatsanleihen wählten sie den Standardansatz, damit sie kein Eigenkapital unterlegen mussten.

Kanada und Australien verboten dies. Die Europäische Union erlaubte es den Grossbanken explizit. Das sei «eine ungerechtfertigte Ausnahme» für Staatsanleihen, stellte Hervé Hannoun, die Nummer zwei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), kürzlich fest, «eine Ausnahme, die nicht vereinbar ist mit dem risikosensitiven Ansatz von Basel II».

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Grossen Positionen an Euro-Staatsanleihen werden zur Hypothek

Die Staatsnähe der europäischen Banken hat historische Wurzeln. Sie entstanden, um den Staat und dessen Kriege zu finanzieren. Sie waren vor allem national verankert und von den Regierungen geschützt. Obschon Staaten auch in Europa regelmässig zahlungsunfähig wurden – mehr als 40 Mal in den letzten 200 Jahren, davon 13 Mal im 20. Jahrhundert –, hielten die Behörden an der Vorzugsbehandlung für Staatsanleihen fest.

Die Europäische Zentralbank (EZB) verstärkte diesen Anreiz, indem sie Staatsanleihen der Euro-Zone unbeschränkt als Sicherheit akzeptierte. Doch jetzt werden die grossen Positionen an Euro-Staatsanleihen in den Bilanzen für die Banken zur Hypothek: Sie untergraben das Vertrauen. Immer mehr Banken können sich nicht mehr im Markt, sondern nur noch bei der EZB refinanzieren. Wie nach der Lehman-Pleite leihen sich die Banken über Nacht kaum mehr überschüssige Gelder aus, sondern deponieren diese aus Sicherheitsgründen lieber zinslos bei der EZB. Sowohl Notkredite wie Depots bei der EZB erreichen Höchstwerte.

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Die Europäer orten das Problem vornehmlich anderswo. Diese Woche verabschiedete das Europaparlament ein Gesetz, das den Handel mit ungedeckten Kreditausfall-Versicherungen (CDS) einschränkt. Für Kritiker ist das Symptombekämpfung. Genauso wie der Versuch der Europäischen Kommission, die Ratingagenturen an die Kandare zu nehmen. Sie wirft ihnen vor, europäische Staaten unfair zu behandeln und ungerechtfertigt herabzustufen. In Wirklichkeit ist eher das Gegenteil der Fall. Die Südländer in der EuroZone erhalten bessere Ratings als Schwellenländer mit vergleichbaren finanziellen Bedingungen.

Warnung vor «finanzieller Repression»

Die neuen Eigenkapitalvorschriften nach Basel III sollen verhindern, dass Staatsanleihen künftig noch als risikolos eingestuft werden können. Dafür sorgt unter anderem die Einführung einer Leverage Ratio, eines maximalen Verschuldungsgrads, der durch die Risikomodelle der Banken nicht manipulierbar ist.

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Die Euro-Krise zeigt, dass es keine risikolose Anlage gibt. Aber das muss nicht das Ende der Vorzugsbehandlung für Staatsanleihen bedeuten. Kritiker bemängeln, die von Basel III vorgesehenen Liquiditätsvorschriften setzten erneut falsche Anreize für die Banken. Mit negativen Realzinsen und mit Anlagevorschriften für Banken, Versicherungen und Pensionskassen können die Behörden das Halten von Staatsanleihen beliebt machen.

Carmen Reinhart, Expertin für Finanzkrisen am Peterson Institute in Washington, warnte kürzlich vor solch «finanzieller Repression»: Das sei ein historisch bewährtes Mittel von Staaten, mit dem Schuldenproblem fertig zu werden.

(Autor: Armin Müller)