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Star-Investor Fisher: «Teure Schweizer Aktien verkaufen»

Kenneth Lawrence Fisher (born November 29, 1950)
Ken Fisher: Der US-Investor im Office der Handelszeitung.Quelle: Jannis Chavakis/ 13Photo

Sorgen um Brexit und Italien belasten die Eurozone. Invest-Profi Ken Fisher hält diese für unbegründet und rät zum Kauf von Euro-Aktien.

Von Ken Fisher*
am 06.12.2018

Können weitere Unsicherheiten der Eurozone die Luft zum Atmen nehmen? Vom Haushaltsgefecht zwischen Brüssel und Italien über den Brexit bis hin zu den Befürchtungen um einen Handelskrieg – die Sorgen um die Zukunft der Eurozone sind zahlreich. Die Fachleute sind pessimistisch und drängen in sicherere Gefilde. Wie den schweizerischen Markt! Wären die Sorgen begründet, hätten sie Recht. Ich glaube jedoch, dass sie unbegründet sind. Daher ist es nun an der Zeit, schweizerische Aktien relativ teuer zu verkaufen und Aktien der Eurozone möglichst günstig zu erwerben.

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Die Schweiz ist ein Zufluchtsort vor dem globalen Zollwahnsinn. Und da sich das Land ausserhalb der EU und der Eurozone befindet, ist die Schweiz auch ein Rückzugsort vor zwei weiteren grossen Sorgen, welche die Aktien der Eurozone momentan nach unten ziehen: der Brexit und Italien. Das ist ein Hauptgrund dafür, dass die schweizerischen Aktien dieses Jahr gerade einmal 0,3 Prozent verloren haben. Und jene der Eurozone? Sie sind um 8,2 Prozent zurückgegangen. Der Unterschied ist der Sicherheitsvorsprung, den die Anleger in der Schweiz sehen. Das ist gut für das Land – und eine Chance für Sie!

Brexit und Italien bis zum Abwinken! Warum sollte das nicht eingepreist sein?

Sie sollten Folgendes abwägen: Wenn man diese Outperformance als Rechtfertigung für eine künftige Outperformance ansieht, setzt man voraus, dass diese Sorgen berechtigt sind. Also dass die Märkte sie nicht angemessen abgewogen haben. Märkte preisen jedoch bekannte Befürchtungen, Meinungen und Informationen vorab ein.

Die Presse hat den Brexit und das italienische Haushaltsdrama, ebenso wie die Zölle, bis zum Abwinken ausdiskutiert und endlos wiedergekäut. Wir alle haben den sogenannten Brexit-artigen Deal der britischen Regierung gesehen. Wenn die EU-Finanzminister nur « Italien» sagen, nehmen die Reporter jedes einzelne Wort auseinander.

Es gibt keine Brexit-Bombe oder italienische Ansteckung mehr, die von den Aktien nicht bereits berücksichtigt wurde. Deswegen hinken die Aktien der Eurozone den schweizerischen jetzt so weit hinterher. Damit die schweizerischen Aktien ihren Vorsprung halten oder gar ausweiten können, brauchen sie steigende Unsicherheit. Das ist jedoch unwahrscheinlich, weil sich der Nebel sicherlich bald lichten wird.

Ja, die Unsicherheit wegen des Brexit hängt jetzt über Europa. Viele befürchten, dass die Brexit-Vereinbarung vom 13. November nicht hält. Somit bleibt unklar, wie die Bedingungen aussehen werden: weich, hart oder «no deal». Die Fachleute sorgen sich nicht nur um die Zölle, sondern auch um regulatorische Änderungen und die Einführung von Zollkontrollen in Calais und anderen grossen GB/EU-Häfen. Ohne diese Klarheit sind die Geschäfte eingefroren. Alle haben für unterschiedliche Brexit-Varianten geplant und nun wissen sie nicht, welche davon gelten wird.

Entsprechend fielen die geschäftlichen Investitionen in Grossbritannien im dritten Quartal 2018 gegenüber dem Vorquartal um 1,2 Prozent. Das ist der dritte Rückgang in Serie und der stärkste in diesem Jahr. Von den Umfragen unter Einkaufsmanagern bis hin zur Messung des Konsumklimas – die Stimmung der Briten ist düster.

Ebenso wie die in anderen EU-Ländern. Ein deutscher Thinktank warnte davor, dass ein No-Deal-Brexit die deutschen Exporte nach Grossbritannien um 57 Prozent reduzieren würde. Die Bank von Spanien machte ihn für den sechsprozentigen Rückgang der spanischen Exporte nach Grossbritannien im Jahr 2017 verantwortlich – den ersten ganzjährigen Rückgang in fünf Jahren. Das frei handelnde Holland war so besorgt, dass es diesen Sommer 1000 Zollbeamte einstellte.

Die Aktien der Eurozone und der EU haben das alles eingepreist. Aber der Brexit führt für die Schweiz zu weit weniger Unsicherheit. Die einzige, wichtige Frage ist, ob sich die Zölle ändern. Daher die Sicherheitsprämie der Schweizer Aktien.

EU-Aktien werden von positiven Überraschungen getrieben

Aber diese Unsicherheit wird bald verschwinden. Das britische Parlament stimmt wahrscheinlich bis Weihnachten über die November-Vereinbarung ab. Egal ob sie ratifiziert wird oder nicht: Die Unternehmen wissen dann endlich, womit sie es zu tun haben.

Drei Monate später, am 29. März, tritt der Brexit in Kraft. Ab dann können die Leute aufhören zu spekulieren und weitermachen. Wenn man die ausgesprochen negative Presse über den Brexit anschaut, kann die Realität kaum schlimmer ausfallen als das, was die Märkte bereits eingepreist haben. Das untergräbt den Sicherheitsaufschlag der Schweiz – und treibt die EU-Aktien nach oben, wenn positive Überraschungen Rückenwind geben.

Dass die Schweiz nicht zum Euro gehört, schützt das Land auch vor der anderen grossen europäischen Sorge: Italien. Seitdem die Populisten bei den Wahlen im März so gut abgeschnitten und im Mai eine Regierung gebildet haben, fürchten viele, dass der Euro gefährdet sei. Die Populisten versprachen in ihrem Wahlkampf grosse Steuerkürzungen und Ausgaben – was zu höheren Defiziten und zur Verärgerung Brüssels führte.

Es wird nun befürchtet, dass die Auseinandersetzung um den Haushalt Italien dazu bringen wird, den Euro abzuschaffen und seine «riesigen» Schulden – die zweithöchsten nach Griechenland, wie uns Fachleute oft in Erinnerung rufen – in abgewerteter Lira zurückzuzahlen. Wenn Italien aussteige, dann sei der Euro kaputt, so die Sorge. Als Antwort darauf stiegen die italienischen Renditen auf deren Staatsanleihen und lösten Euro-Ansteckungsängste à la 2011 aus. Wie damals ist der Franken auch hier ein Schutzwall für die Schweiz gewesen. Die schweizerischen Kurse haben sich kaum bewegt.

Eine Realität, die nicht wahrgenommen wird: Italiens Schulden sind kein Problem

Die nicht wahrgenommene Realität ist, dass die italienische Verschuldung nicht problematisch ist. Ja, sie liegt bei 131 Prozent des BIP. Aber dieser Vergleich hinkt. Schulden bauen sich über Jahrzehnte auf. Das BIP erfasst den jährlichen Verlauf der wirtschaftlichen Aktivitäten. Einen besseren Vergleich liefern Zinszahlungen zu Steuereinnahmen. Die italienischen Zinszahlungen stehen bei etwa 14 Prozent der Steuereinnahmen, der beinahe tiefste Wert seit Generationen. In den 1990er Jahren überstieg dieser Wert 40 Prozent, ohne dabei eine Krise auszulösen. Warum sollte ein deutlich geringerer Anteil nun alles vernichten? Die Realität kann kaum schlimmer werden als die Ansteckungssorgen für den Euro. Wenn das auf die Stimmung durchschlägt, werden die Aktien der Eurozone davon profitieren.

Befürchtungen wegen eines falschen Faktors sind immer positiv; insbesondere dann, wenn die Sorge am grössten ist. Die Anleger werden bald erkennen, dass sie keinen Zufluchtsort vor diesen falschen Befürchtungen brauchen.
Wenn Sie also stark in schweizerischen Aktien investiert sind, haben Sie jetzt die Chance, das teuer zu verkaufen, was als sicher angesehen wird. Kaufen Sie dann geschwächte Aktien der Eurozone. Um das berühmte Zitat von Warren Buffett etwas abzuwandeln: Seien Sie gierig, wo andere ängstlich sind.

*Ken Fisher, Chairman, Fisher Investments Europe.