Die Phase des Ekels: So nannte Stephen Roach, der berühmte Ökonom der Investmentbank Morgan Stanley, den gegenwärtigen Zustand am US-Aktienmarkt.

Pünktlich zum Wochenauftakt sind nun auch Europas Börsen vom Ekel erfasst worden. In Panik geratene Investoren schleuderten alles auf den Markt, ungeachtet der Branche oder den Gewinnaussichten einzelner Papiere. In Deutschland blieb allein die Volkswagen-Aktie vom Sturm verschont, der den Dax-Index 7% tiefer drückte. Und am Swiss Market Index (SMI) hielten sich zuerst nur Synthes und Swisscom über Wasser.

Zustände wie im Ehekrach

Für Roach ein typisches Ekelsignal: Alle Werte werden in einen Topf geworfen, die Implosion des Marktes befeuert sich selber. Die Rettungsaktionen, die nun auch europäische Regierungen zugunsten von Banken wie der Hypo Real Estate, des Pfandbriefmarktes und der Spareinlagen unternommen haben, haben diesen Brand nur noch angefacht. Das Löschmittel wurde zum Brandbeschleuniger.

Dies, weil die Regierungen sich wohl zu wenig mit der Psyche der Anleger auseinandergesetzt haben. Einer, der das von Beruf wegen tut, ist Thorsten Hens, Professor für Finanztheorie am Swiss Banking Institute der Universität Zürich. Er kommt zum Schluss: «Im Moment ist es wie ein heftiger Streit zwischen Ehepartnern – selbst gut gemeintes Entgegenkommen wird als hinterhältige List interpretiert.» Entsprechend sieht Hens eine Ausweitung der Ängste am Markt, je mehr der Aktionismus seitens der Politik zunimmt.

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Damit öffnet sich ein Abgrund, dessen Boden noch nicht ersichtlich ist. «Im Moment sind alle Regeln ausser Kraft gesetzt», sagt Alfred Roelli, Leiter Finanzanalyse bei der Privatbank Pictet. «Es ist gut möglich, dass wir nochmals Verluste von 5 bis 10% sehen werden.» Diesen pessimistischen Ausblick untermauern auch Spezialisten aus weiteren Analysebereichen: Zum einen die Charttechnik, die aufgrund der Entwicklung der Börsenkurse die zukünftigen Trends errechnet. Hier sieht Beat Grunder, Senior Analyst bei der Credit Suisse, trotz der jüngsten Gegenbewegung Wolken am Horizont. «Es kann gut sein, dass in den nächsten Wochen die Tiefs vom September noch einmal getestet werden.» Das sind schlechte Voraussetzungen für eine Jah- resendrally: Bis Dezember sieht Grunder den SMI mit 6000 bis 6340 Punkten deutlich tiefer (aktueller Punktestand: 6510).

Kaum Illusionen macht sich auch Alex Durrer, Head of Economic Research bei der Liechtensteinischen Bank LGT. «Von der Konjunkturseite ist wenig zu erwarten.» Jetzt würden nicht mal mehr Zinssenkungen helfen, um den Abwärtstrend nachhaltig zu stoppen, mahnt Durrer.

«Mal die Börse schliessen»

Doch wo ist allenfalls ein Gegenmittel zu finden? Finanzprofessor Hens sieht das Heil in einer Auszeit. «In einer solchen Phase wäre es das Beste, die Börse mal für eine Weile zu schliessen.» Doch für längere Stopps fehlen in den meisten Fällen die Instrumente. Gerade im Gegenteil vermuten Roelli und Durrer die Lösung: Verkaufen, bis das System sauber ist. «Viele, die heute noch halten, werden verkaufen müssen, bis wieder Boden in Sicht ist», sagt Durrer.

Das Blatt allenfalls noch wenden könnte auch die Neubewertung illiquider Anlagen, welche die Banken bisher abschreiben mussten, sagt Durrer. «Dies könnte bewirken, dass die Preissignale wieder funktionieren.»

Chance für Value-Anleger

Das tun sie im Moment überhaupt nicht. Schweizer Aktien notieren heute deutlich unter ihrem langfristigen Bewertungsschnitt – gemäss Pictet ist der Schweizer Aktienmarkt sogar der drittgünstigste weltweit, hinter Schweden und Japan. Trotzdem kauft niemand zu, obwohl auch die hiesigen Bankhäuser in der Mehrheit zum Übergewichten von Schweizer Aktien raten (siehe Tabelle – Credit Suisse befindet sich gerade in einer Neubewertung ihrer Empfehlungen).

An Opportunitäten für Risikofreudige fehlt es nicht: «Das Positive an der Sache ist, dass es wieder sehr viele preiswerte Aktien gibt», so Hens. «Die Value-Investoren können ihre Taschen wieder füllen.» Hoch auf der Empfehlungsliste der Banken sind defensive Werte wie Nestlé und Roche. Mehrmals genannt wird der Versicherer Zurich Financial Services (ZFS), der wohl zu den Gewinnern der Krise zählen wird. Gefragt sind auch solide Baumarkttitel wie Holcim oder Geberit.