Wenn man in einem durchschnittlichen Jahr in über dreissig Länder reist, ist es ein Vorteil, wenn man ein Gespür für die marginalen Veränderungen der Stimmung, des Sentiments, der Argumente der Investoren und der immer positiven Prognosen seiner Wirtschaftskollegen bekommt. Meiner Überzeugung nach sind es die marginalen Veränderungen, die von Bedeutung sind und nicht das Momentum, wenn man nach Veränderungen der Makrorichtung Ausschau hält. Genau das Gegenteil der Reaktionen und Prognosen von 95 Prozent der Wirtschaftsexperten und Entscheidungsträger.

Momentan gibt es zwei starke, entgegengesetzte marginale Veränderungen, die sich zu widersprechen scheinen, aber eigentlich Teil des Gleichen sind: Das Wachstum kehrt sich nach unten, stärker als die meisten Investoren und Businessmanager dies erwarten, und die Welt heilt immer noch durch Neustrukturierung in Richtung bessere wirtschaftliche Anordnung. Der erste Preis ist jedoch Deflation.

Falscher Aktionismus der Notenbanken

Kleineres Wachstum und Deflationsrisiko schaffen eine neue marginale Veränderung für den geldpolitischen Impuls, genau zu dem Zeitpunkt, wo nichts geschehen sollte. Die Fed wird das Tapering abschwächen – das Tapering stoppen, die EZB wird die Deflation im Mai bekämpfen, und China wird einmal mehr versuchen, das Wachstum durch Finanzexpansion kombiniert mit lockereren Lenkpreisen, zu «kreieren». Sie alle sollten die Hände in den Schoss legen und es der Wirtschaft überlassen, sich selber neu zu kalibrieren.

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Doch stattdessen führen sie die Makropolitik weiter, die die Lage verschlechtert und nicht verbessert. Fazit Nummer zwei: Alle grossen Trendmakroänderungen resultieren aus Strategiefehlern und manchmal aus Versagen. 2014 wird ein Jahr des Versagens – vergebliche zusätzliche Finanzimpulse und die fälschliche Annahme, die niedrigen Zinsen seien ein Zeichen der Erholung werden Ausdruck des Versagens.

Die Welt im Umbruch

Die Welt richtet sich neu aus. Asien kommt weg vom Umsatzwachstum und hin zum qualitativen Wachstum, das von den niedrigeren Währungen geschürt wird. In den USA sinkt das derzeitige Leistungsbilanzdefizit – was dazu führt, dass die Exportmaschinen der restlichen Welt nach neuen Absatzmärkten suchen –, und schliesslich sind die sparenden Länder in Europa die Gewinner im Vergleich zu Kerneuropa (siehe: Frankreich), da der Bedarf an Arbeitskräften nur in einer Umgebung eines kleineren Gesamtwachstums steigt.

Währenddessen werden niedrige Zinsen vom ganzen Globus als Zeichen der Erholung angesehen. Eine zentrale Prämisse der wirtschaftlichen Vorhersage ist, dass die Zinsen dem wirtschaftlichen Zyklus neun Monate voraus sind – was heisst, dass sowohl das langsame Tief, das wir derzeit in den USA sehen, als auch das langsame globale Wachstum, vor neun Monaten von Mai bis Juni 2013 geschaffen worden sind, als Bernanke das erste Mal von Tapering gesprochen hat. Dies ist eine fast kontrovers vereinfachte Regel, aber sie funktioniert. Das Prinzip der Parsimonie?

Tapering – Auslöser für geringes Wachstum

Die meisten Investoren halten die Informationen der letzten 24 Stunden bereit und analysieren in Bezug auf diese Informationen. Sie sollten sich jedoch jeden Morgen fragen: Was geschah vor neun, sechs und drei Monaten und hat die heutigen Marktdaten verändert? Das führt zu Proaktivität statt zu Reaktivität, und das nun zu beobachtende unerwartete Langsamnegativwachstum käme nicht so überraschend.

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Ein weiteres Beispiel dafür ist Deutschland. Deutschland profitierte extrem von Asiens und Chinas Kapitalinvestitionen, indem es seinen starken Exportsektor nutzte, um den Bedarf des aufstrebenden Asiens zu decken. Aber im November 2013 entschied das chinesische Politbüro, dass die Hauptprioritäten vom Umsatzwachstum auf qualitatives Wachstum geändert werden sollen, dass Korruption bekämpft und die Schattenbankenwirtschaft reduziert werden soll.

Deutschland steht vor einer Wachstumsschwäche

Dies bedeutet, dass Deutschland neun Monate später (Juni bis August 2015) deutlich weniger Exportbestellungen erwarten sollte, was dem Wachstum und der Beschäftigungsrate schaden wird, möglicherweise so sehr, dass 2015 die Quartale eins bis vier sehr schwach oder sogar negativ ausfallen werden. Nun haben Sie ein Echtzeitexperiment, um meine Theorie zu testen.

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Alle grossen Zyklen zeigen 2014 nach unten: Die Bevölkerungszahlen, fehlende Innovation/Technologie, Inflation, Kreditnachfrage, Bankenrisikokapital und Wirtschaftsbedingungen, aber im ersten Quartal 2015 wird der Tiefpunkt dieses Zyklus sein, da die Welt einfach viel langsamer heilt, als dies die Hauptprognosen vorhersagen:

Erneutes Staatsversagen

Die Leistungsbilanzungleichgewichte verbessern sich. Der durchschnittliche Überschuss von 5 Prozent des Bruttoinlandproduktes der BRIC-Staaten und von Asien bewegt sich heute saldoneutral. Die USA haben ihr Defizit halbiert, und Europa hat einen leichten Gewinn gesehen. Die Welt ist besser ausgewogen als seit langem, möglicherweise am besten seit dem Zweiten Weltkrieg.

Zudem nehmen die Schulden im privaten Sektor ab und die privaten Ersparnisse zu. Der einzige Sektor, der sich der Reform widersetzt ist der, der wie immer von Politikern und Entscheidungsträgern geführt wird und der für die Staatsverschuldung verantwortlich ist. Und dieser ist teilweise der Grund, wieso auch 2014 keinen «Aufschwung» bringen wird.

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Griechenland – Rettungsaktionen ohne Ende

Die Staatsschulden der «Erfolgsgeschichten» Griechenland, Spanien, Portugal und Italien nehmen zu – Restrukturierung muss und wird 2014 eintreffen. Schulden können nur auf zwei Arten bekämpft werden: Durch Schaffen von Wachstum, um das Problem zu reduzieren oder durch die Abzahlung der Schulden. Letzteres bedeutet, dass jemand einen Verlust macht, was in diesem Wirtschaftszyklus erst in Zypern gesehen worden ist. 2014 wird nicht so viel Wachstum schaffen können, dass das Verhältnis der Schulden zum Bruttoinlandprodukt verbessert wird. Deshalb ist der Verlust der Investoren der einzige Ausweg. Wird Griechenland eine weitere Rettungsaktion erleben? Ich denke schon ...

Budgetdefizitziele sind zu einer wirtschaftlichen Manipulation der Regierung und der Parlamente geworden: Vergessen Sie nicht, dass alle politischen Prognosen ein Reverse-Engineering-Prozess sind, bei dem die Wachstumsrate fixiert wird, um das Budget und die Kosten auszubalancieren. Mit anderen Worten ist Wachstum «fixiert», um ein spezifisches Level an Budgetdefiziten auszugleichen, was bedeutet, dass das Wachstum offensichtlich durch ein Negativwachstum enttäuschen wird, wie wir dies während Jahren gesehen haben.

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2014, ein Jahr der Enttäuschungen

2014 werden uns das Wachstum, die Prognosen, die Antwort der Politik und das völlige Versagen der Reformen einmal mehr enttäuschen. Die Entscheidungsträger sind damit beschäftigt, das Ende der Krise zu verkünden, während in Wirklichkeit ein höheres systemisches Finanzrisiko besteht als zuvor und wir über ein Businessmodell verfügen, das an die Sowjetunion vor dem Mauerfall erinnert (Planwirtschaft). Es gibt aber auch marginale Veränderungen, die uns aus diesem Durcheinander führen werden – jedoch nicht 2014 und frühestens im zweiten Halbjahr 2015.

Dies lässt uns keine andere Alternative als das Kernstück, die europäischen Schulden, um den EUR-USD-Kurs kurzzuschliessen und einen skeptischen Blick auf die Börse zu werfen, wo die Risikorenditen verzogen sind: 5 Prozent aufwärts gegen 30 Prozent abwärts. Das Ergebnis könnte ein sich lichtender Sommer sein. Nichts schmerzt mehr, als überzogene Erwartungen.

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Steen Jakobsen ist Chief Investment Officer bei der Saxo Bank.