Ulrich Spiesshofer weiss, wo er hin will: nach vorne. Der Chef des Zürcher Elektrokonzerns ABB ist neuerdings im Angriffsmodus, nachdem er sich zuvor vor allem auf Kostensenkungen konzentriert hatte.

Anfang April gab ABB die Übernahme des österreichischen Automatisierungsspezialisten Bernecker & Rainer (B&R) bekannt. Einen Kaufpreis gaben die beiden Unternehmen nicht bekannt, Analysten schätzen den Wert der Übernahme auf rund zwei Milliarden US-Dollar. Für ABB ist der Deal die grösste Übernahme seit langem. Und es sollen noch weitere folgen, kündigte Spiesshofer kurz nach Bekanntwerden des B&R-Kaufs an: «In Zukunft wird es weitere Akquisitionen von ABB geben», sagte er. Er sprach von einem «neuen Kapitel der österreichischen Industriegeschichte», die nun beginne, nannte B&R eine «Perle in der Welt der Maschinen- und Fabrikautomation».

Abstand zu Siemens verkürzen

Grosse Worte, grosse Pläne. Nun muss ABB Taten folgen lassen. Der Konzern will künftig den Abstand zum Erzrivalen Siemens verkürzen und seine Marktstellung ausbauen. Mit dem B&R-Coup könnte der erste Schritt gemacht sein. ABB und B&R kommen in der Industrieautomation zusammen auf einen Umsatz von rund 15 Milliarden US-Dollar. Damit liegen sie auf Platz zwei hinter Marktführer Siemens, auf Platz drei folgt der US-Konzern Emerson. Analysten und Aktionäre reagierten beschwingt auf die Nachricht: Der ABB-Aktienkurs stieg um mehr als ein Prozent, nachdem die Übernahme bekannt wurde. Die Bank Vontobel nannte die Transaktion einen «klugen strategischen Schachzug», auch Analyst James Stettler von Barclays bewertet sie positiv.

Mit der Übernahme von B&R weitet ABB sein Produktangebot aus und sichert sich zugleich einen Zugang zu neuen Endkunden. Das soll vor allem die Abhängigkeit des Konzerns von den Entwicklungen in der Öl- und Gasbranche reduzieren. Diese hatte aufgrund der niedrigen Rohstoffpreise zuletzt weniger investiert, was auch aufs ABB-Geschäft drückte. Im Jahr 2016 lief nicht alles optimal. So musste die Konzernleitung von ABB sich im Rahmen der Generalversammlung Mitte April neben Lob auch viel Kritik seitens der Aktionäre anhören – unter anderem, weil ein betrügerischer ABB-Manager in Südkorea einen Schaden von 100 Millionen US-Dollar anrichten konnte.

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Übernahme positiv bewertet

In diesem Jahr soll der wachstumsstarke Konzern nun noch stärker wachsen – und zwar ohne derartige Skandale. Am Dienstag nach Ostern wurde zum Beispiel bekannt, dass ABB in Bangladesch für die Power Grid Company of Bangladesh – den nationalen Energiekonzern des Landes – neue Stationen bauen beziehungsweise nachrüsten wird, um die Stromversorgung von mehr als 250'000 Haushalten zu verbessern. Der Auftrag wird ABB 30 Millionen US-Dollar in die Kasse spülen.

Analysten bewerten die Übernahme von B&R und die Wachstumspläne der ABB-Führung positiv. Bei der Bewertung der Aktie gehen die Meinungen jedoch auseinander: Nigel Cole, Analyst der US-Investmentbank Morgan Stanley, rät zum Kauf: ABB weise einen sehr hohen Bewertungsabschlag zum Investitionsgütersektor auf und habe somit innerhalb seiner Branche eines der attraktivsten Chance-Risiko-Profile auf, sagt er. Sven Diermeier von Independent Research hat den ABB-Titel vorsichtiger auf «Halten» eingestuft, das Kursziel allerdings jüngst von 24 auf 25 Franken angehoben. Graham Phillips, Analyst von Jefferies, hat sein Kursziel für ABB dagegen gesenkt – und rät zum Verkauf des Valors. Die UBS schliesst sich dieser Empfehlung an. ABB sei viel zu hoch bewertet, heisst es dort.

Profit vom Wachstum der Robotik

Fakt ist: ABB liegt in den Augen mancher Analysten gegenüber anderen Unternehmen klar im Rückstand und hat Nachholbedarf. Fakt ist aber auch: Die Konzernführung scheint wild entschlossen, diesen Rückstand aufzuholen und plant weitere Akquisitionen. Das dürfte ABB Rückenwind geben. Auch die Robotikbranche, in der ABB stark präsent ist, wird in den kommenden Jahren wachsen. Davon sollte der Zürcher Industriekonzern profitieren.

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Gestern gab ABB die Ergebnisse für das erste Quartal 2017 bekannt. Die Zahlen geben einen ersten Anhaltspunkt, wohin die Reise künftig gehen wird: Mit einer Steigerung von 45 Prozent auf 724 Millionen US-Dollar lag  der Gewinn in den ersten drei Monaten weit über den Analystenerwartungen. Vor allem der Verkauf des Kabelgeschäfts an die dänische NKT Cables kam ABB zugute.

Geopolitische Unsicherheiten belasten

Es gab aber auch Herausforderungen, die in den kommenden Monaten bleiben dürften: Etwa sinkende Aufträge aus der Energiebranche und ein schwaches Marktwachstum als Folge geopolitische Unsicherheiten. 2017 dürfte ein «Übergangsjahr» auf dem Weg zu besseren Zeiten sein, sagte ABB-Chef Spiesshofer im Rahmen der Präsentation. Geduldige Anleger können die Übergangszeit zum Einstieg nutzen und in den kommenden Jahren profitieren, wenn ABB auf Erfolgskurs bleibt.

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