Adecco läuft sehr stark. Abgesehen vom Pharmaunternehmen Actelion, das Mitte Juni einen wichtigen Meilenstein in der Entwicklung neuer Medikamente melden und deshalb kräftige Kurssteigerungen verbuchen konnte, war Adecco in den letzten zwölf Monaten der Top-Performer im SMI. Das Kursplus beträgt rund 35 Prozent. Der SMI schaffte im selben Zeitraum nur ein Plus von rund 10 Prozent.

Nun glänzt die Aktie des Personaldienstleisters bereits seit zwei Jahren und bringt seit Juli 2012 ein Plus von 70 Prozent. Mit einem erwarteten 15er-KGV scheint die Aktie jetzt aber nicht mehr ganz günstig zu sein. Anleger fragen sich: Ist der Wert schon ausgereizt? 

Deutlicher Umsatzanstieg im ersten Quartal

Zuerst einmal: Die Perspektiven im Sektor Zeitarbeit stehen gut. Dies, weil zu Beginn einer wirtschaftlichen Beschleunigung, wie sie jetzt besteht, viele Unternehmen noch nicht auf eigene, festangestellte Mitarbeiter setzen, sondern auf die Hilfe von Personaldienstleistern wie Adecco. Das SMI-Mitglied – weltweit die Nummer eins der Branche – blickt nach einem leichten Umsatzrückgang von 2 Prozent im vergangenen Jahr jetzt wieder zuversichtlich nach vorne.

So steigerte der Personalspezialist aus Chéserex im Kanton Waadt den Umsatz im ersten Quartal 2014 währungsbereinigt und dabei rein organisch um 6 Prozent auf 4,7 Milliarden Franken. Niedrigere Kosten, geringere Abschreibungen und ein Rückgang der Steuerquote von 29 auf 27 Prozent brachten beim Ergebnis einen deutlich überproportionalen Schub um 67,6 Prozent auf 0.62 Franken je Aktie.

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Die wichtigsten Märkte laufen noch nicht so richtig rund

Adecco verbuchte diese operativen Steigerungen, obwohl es im wichtigsten Markt Frankreich – das Land hat einen Anteil von 23 Prozent an den Erlösen – nicht so richtig gut lief. Der Umsatz kletterte dort nämlich nur um 1 Prozent. Auch der zweitwichtigste Markt, die USA, entwickelte sich bei einem Umsatzanteil von 19 Prozent mit einem Zuwachs von nur 2 Prozent etwas bescheiden.

Hohe Zuwächse im Geschäft brachten hingegen beispielsweise Deutschland, Grossbritannien, Italien, Skandinavien, die iberische Halbinsel und auch die Emerging Markets. In der Schweiz – der Umsatzanteil hier liegt bei 2 Prozent vom Konzernumsatz – gab es ein Plus bei den Erlösen um 4 Prozent.

Zeitarbeit – Durchdringungsrate mit teilweise hohem Nachholpotenzial

So viel vorerst zu Adecco. Nun zum Markt allgemein. Bei der Durchdringungsrate von Zeitarbeit besteht an vielen Märkten teilweise noch ein grosses Potenzial. So stehen nach Angaben des internationalen Branchenverbandes CIETT in den USA 2,0 Prozent der Beschäftigten bei einer Zeitarbeitsfirma auf der Lohnliste, in Japan sind es 1,4 Prozent, in Europa 1,6 Prozent. Dabei lagen die Raten in den Boomjahren 2005 bis 2008 in den USA und in Europa um 10 bis 20 Prozent höher, in Japan lag der Anteil der Zeitarbeiter sogar rund 50 Prozent über der aktuellen Quote. Und während derzeit nur 0,9 Prozent der Beschäftigten in Italien für ein Zeitarbeitsunternehmen tätig sind, kommt Grossbritannien hier bereits auf einen Anteil von 3,8 Prozent. In der Schweiz waren es 2012 übrigens 1,7 Prozent.

Besondere Wachstumschancen stecken jedoch in den Emerging Markets. Laut CIETT kamen in Brasilien im 2012 nur 0,6 Prozent der Beschäftigten von Personaldienstleistern, in Mexiko waren es nur 0,3 Prozent, in Russland und Indien sogar nur 0,1 Prozent. Mit 9,2 und 11,9 Prozent ist die Quote der Zeitarbeiter übrigens in Südafrika und China weltweit am höchsten.

Adecco – die Aktie ist immer noch vergleichsweise günstig bewertet

Für Adecco steckt damit nicht nur insbesondere in Europa und in Japan Aufholpotenzial, sondern besonders in den genannten Schwellenländern. Neben organischem Wachstum will  das SMI-Mitglied auch durch Akquisitionen zulegen. Und: Die Kosten sollen weiter fallen. Die Gewinnspanne vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen soll von 4,8 Prozent im 2013 auf 5,5 Prozent im nächsten Jahr zulegen.

Das Potenzial der Zeitarbeit ist also noch lange nicht erschöpft. Anhand der Bewertung von Adecco mit dem 15er-KGV sieht man, dass die Aktie auch fundamental betrachtet nicht zu teuer ist. Die wesentlich kleineren Konkurrenten Amadeus Fire, Manpower und Hays kommen auf Bewertungslevels zwischen 16 und 24. Und im Boomjahr 2007 war auch Adecco mit einem 25er-KGV Anlegern weit mehr wert als heute. Kurse um 100 Franken wie damals könnten auf Sicht von zwei Jahren wieder drin sein.