Dank der weiterhin sehr grosszügigen Liquiditätsversorgung durch die Zentralbanken haben die meisten Anlagekategorien seit Anfang Jahr eine gute bis sehr gute Performance gezeigt. Mit den geldpolitischen Massnahmen und den Beteuerungen, die Zinsen noch lange auf historisch tiefen Niveaus zu belassen, haben die globalen Währungshüter den Anlegern quasi eine Gratis-Versicherung gegen Kursverluste mitgegeben. Solch parteiische Schiedsrichter dürften sich die meisten Fussballer wünschen – zumindest, wenn die Entscheide zu den eigenen Gunsten ausfallen.

Eine der besten Entwicklungen hat der indische Aktienmarkt hinter sich mit einer Rendite von fast 20 Prozent seit Anfang Jahr – dazu kommen noch rund 3 Prozent Währungsgewinn. Italienische und spanische Aktien legten seit Anfang Jahr um 16 beziehungsweise 12 Prozent zu. Dank der sinkenden Zinsen konnte man auch mit Obligationen gut Geld verdienen – vor allem in der Europeripherie.

SMI – noch Potenzial, aber die Luft wird dünner

Weniger erfreulich entwickelten sich der chinesische und der japanische Aktienmarkt – beide haben rund 7 Prozent verloren. In China drückt die seit langem schwelende Angst vor einer harten Landung auf die Stimmung, während Japan nach der fulminanten Kurssteigerung im vergangenen Jahr eine Verschnaufpause dringend nötig hatte.

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Die meisten Aktienmärkte sind mittlerweile nicht mehr günstig. Basierend auf dem Buchwert oder dem Kurs-Gewinn-Verhältnis war der Schweizer Aktienmarkt nur während etwa 20 Prozent der vergangenen 25 Jahre teurer bewertet als heute. Es gibt damit zwar noch Potenzial nach oben, aber die Luft wird dünner.

Attraktive Risikoprämien auf europäische und japanische Aktien

Im Vergleich zur eigenen Vergangenheit sind die Aktienmärkte also nicht mehr billig. Für die Anlagestrategie ist aber auch die relative Bewertung zu berücksichtigen. Die Risikoprämie, also die Gewinnrendite abzüglich des jeweiligen risikolosen Zinssatzes, ist für die meisten Regionen weiterhin attraktiv und liegt teilweise deutlich über dem historischen Durchschnitt. Aktionäre werden daher im Vergleich zu Obligationären für das eingegangene Risiko weiterhin gut entschädigt – besonders in Japan und Europa.

Die Zentralbanken sind weltweit in Spendierlaune, und die Europäische Zentralbank hat Anfang Juni den Banken in der Eurozone sogar nochmals ein paar hundert Milliarden billiges Geld versprochen. Aber die sich langsam abzeichnende Normalisierung der Geldpolitik verdüstert den Finanzmarkt-Horizont. So hat die Bank of England kürzlich auf eine mögliche Zinserhöhung, schon im laufenden Jahr, hingewiesen und die Anleger damit auf dem falschen Fuss erwischt. Und auch die US-Notenbank wird bald einmal den sich aufbauenden Preisdruck nicht länger ignorieren können.

Zweite Halbzeit: Gefahr von Ermüdung und von Fehlentscheiden

Die Aktienmärkte dürften noch eine Weile von der guten Liquiditätsversorgung und von der wirtschaftlichen Erholung angetrieben werden. Trotzdem kann es nicht schaden, sich langsam etwas defensiver auszurichten. Um bei der Fussball-Analogie zu bleiben: Die erste Halbzeit ist gut gelaufen. Nicht zuletzt dank einem gnädigen Schiedsrichter hat sich das Spiel bisher erfreulich entwickelt.

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Die zweite Halbzeit dürfte aber einige Unwägbarkeiten mit sich bringen. Die Stürmer sind viel gelaufen und könnten Ermüdungserscheinungen zeigen. Zudem hat sich das Risiko von Schiedsrichter-Fehlentscheiden erhöht. Die Mannschaft hat in ihrer aktuellen Aufstellung durchaus noch Potenzial, aber es lohnt sich, eine etwas defensivere Positionierung in Betracht zu ziehen, um den Vorsprung sicher nach Hause zu holen.

Dr. Thomas Liebi, Chefökonom Swisscanto