Sie sind als Value-Investor auf der Suche nach besonders günstigen Unternehmen. Gibt es die an den hoch bewerteten Börsen überhaupt noch?
Ja, aber die Suche ist immer ein Krampf und mit viel Arbeit verbunden. Die Zeiten in denen Aktien unter ihrem Liquidationswert gehandelt wurden, sind schon lange vorbei. Die Suche ist viel anspruchsvoller. Wir haben unsere hohen Ansprüche nicht aufgegeben. Wir wollen einen Franken für 60 Rappen kaufen.

Tief sind die Bewertungen traditionell in manchen Schwellenländern wie etwa Russland. Investieren Sie dort?  
Nein, genauso wie in China fehlt uns dort die Rechtssicherheit. Zudem haben wir mit der Rechnungslegung dort ein Problem. Wir verstehen auch nicht so gut, wie die Leute ticken. Das ist nicht unsere Welt.

Ist die Schweiz für Value-Investoren ein gutes Pflaster?
Im Moment nein. Der Markt ist inzwischen teuer. Zudem ist der Markt für grössere Investoren eher klein bzw. die Auswahl eher gering.

Die Hausse an den Börsen läuft bereits seit acht Jahren. Wann folgt das böse Erwachen?
Die Bewertungen sind nicht so dramatisch hoch. Beim Dow Jones und S&P 500 befinden sie sich rund 16 Prozent über dem historischen Durchschnitt. Und im Vergleich zu Obligationen sehen Aktien geradezu billig aus. Im Obligationen-Bereich gibt es die wirklich beängstigende Preisblase. Die Geschichten über das drohende Ende des Aufschwungs an den Börsen lesen wir schon seit 2011. Sicher wird eine Korrektur mit jedem Anstieg wahrscheinlicher.  Aber wann die Trendwende tatsächlich kommt, kann niemand vorher sehen. Es ist uns eigentlich auch egal. Wir wollen nur 25 bis 30 unterbewertete Aktien finden.

Welche waren das zuletzt?
Wir haben Mattel gekauft. Der Hersteller der Barbie-Puppen hatte kein Wachstum mehr und war schlecht geführt. Das Unternehmen hatte echte Probleme. Jetzt setzen wir darauf, dass die neue, von Google kommende Chefin das Unternehmen wieder in Schuss bringt.

Wie finden Sie als Value-Investor Chancen?
Oft liegen die in Strukturbrüchen verborgen. Wir haben beispielsweise mit Neopost und Pitney Bowes zwei Hersteller von Fakturierungsmaschinen im Depot. Die Papiere haben wir extrem billig eingekauft. Weil statt Briefen E-Mails verschickt werden, kamen die Unternehmen und Aktien unter Druck. Doch beide Firmen nützen ihre Marktkenntnis und positionieren sich als Dienstleister im boomenden Paketgeschäft, Stichwort Amazon, neu. Vom Opfer der Digitalisierung wandeln sie sich zu einem Profiteur.

An die Effizienz an den Börsen glauben sie also nicht?
Im Allgemeinen sind die meisten Aktien Plus-Minus fair bewertet. Doch es gibt immer wieder Abweichungen, zum Beispiel wenn die Investoren auf schlechte Nachrichten überreagieren. Haben wir die Einschätzung, dass die Probleme nur vorübergehend sind und nicht zur Pleite führen, greifen wir zu.

Gibt es für Sie so etwas wie die goldene Kennzahl? 
Nein, wir sehen uns alle an. Alle müssen stimmen. Aber für besonders aussagekräftig halten wir den Free Cash Flow-Yield.

Kleinanleger fokussieren sich auf das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Macht das Sinn?
Das KGV gibt nicht immer das richtige Signal, aber sie ist für den Privatanleger sicher die wichtigste Kennzahl.

Ist günstig immer gut?
Nein. Ich rate davon ab, nur aufgrund eines tiefen KGV zu kaufen. Wenn beispielsweise die Gewinne auf dem Top des Branchenzyklus ausserordentlich hoch und das KGV deshalb besonders tief sind, muss man aufpassen.  Schreitet der Zyklus fort, brechen mit den Gewinnen die Aktien ein. Oft begründen sich tiefe Bewertungen auch mit hohen Schulden. Experten wissen das und meiden solche Titel. Kleinanleger sehen nur die tiefen KGVs und steigen ein. Das ist eine Falle. Sie legen sich so sehr gefährliche Aktien ins Depot.

Wenn sie immer nur auf die Bewertung schauen, verpassen Sie da nicht die lukrativen Wachstumsstorys?
Das mag sein. Aber oft sind solche Titel hoch bewertet, weil die Anleger von sehr optimistischen Annahmen ausgehen und die Firmen früher oder später diese nicht erfüllen können, was zu herben Kurseinbrüchen führt. Umgekehrt sind die Erwartungen bei weniger glamourösen Aktien oft tief und sie überraschen dann positiv. Wir ziehen solche Aktien vor. Bei völlig neuen Geschäften, z.B. aufgrund neuer Technologien, fehlt uns der Leistungsausweis der Firma. Es ist sehr schwer abzuschätzen, wer als Sieger aus solchen neuen Märkten hervorgehen wird und wie die künftigen Gewinne und Cashflows aussehen werden. Sie sind somit für uns kaum bewertbar.

* Georg von Wyss ist Portfoliomanager und Teilhaber BWM AG. BWM ist einer der renommiertesten Value-Investoren der Schweiz. Die Netto-Rendite lag seit Firmengründung vor 20 Jahren im Schnitt bei 10 Prozent pro Jahr.

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