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Ausblick
Arbeit und Kapital in Zeiten von Trump

Trumps Massnahmen können gegen Erwartungen das Wirtschaftswachstum schwächen. Keystone

US-Präsident Donald Trump beeinflusst zurzeit die globalen Börsenmärkte. Das Weltwirtschaftswachstum wird durch seine aktuellen Massnahmen in Frage gestellt.

Von Erik Weisman*
am 02.03.2017

Nach den US-Präsidentschaftswahlen liess die Hoffnung auf einen Konjunkturaufschwung die Aktienmärkte steigen. Die Investoren nahmen vor allem die vielleicht wachstumsfördernden Massnahmen in Trumps Wahlprogramm wahr, insbesondere Infrastrukturinvestitionen, Steuerreformen und Deregulierung. Schnell war man sich einig, dass solche wirtschaftsfreundlichen Reformen das Wachstum stärken und letztlich zu einer «guten Inflation» führen würden.

Jetzt, nach Trumps Amtsantritt, registriert man eher die Teile seines Programms, die das Wachstum schwächen können, einhergehend mit «schlechter» Inflation. In den ersten Tagen seiner Amtszeit hat sich der neue Präsident vor allem der Themen Aussenhandel und Einwanderung angenommen. Die Investoren waren besorgt, dass massive Änderungen der derzeitigen Aussenhandels- und Einwanderungspolitik die USA unattraktiver für ausländische Arbeitskräfte und ausländisches Kapital machen würden. Hinzu kam die Sorge, dass die von der neuen Administration erwartete Fiskalpolitik wohl erst später wirken würde – und vermutlich auch nicht so stark, wie man zunächst annahm.

Einwanderungsabnahme schwächt wirtschaftliches Potenzial

Schnell hat Trump eine Reihe von Dekreten erlassen. Er erklärte den Rückzug aus der Transpazifischen Partnerschaft, trieb seine Pläne für eine Mauer an der Grenze zu Mexiko voran und schränkte mit verschiedenen Massnahmen die Einwanderung ein. Viel war auch von Importzöllen die Rede, gerichtet gegen Amerikas grösste Handelspartner. Angesichts des abnehmenden Wirtschaftswachstums und der Alterung der US-Erwerbsbevölkerung könnte weniger Einwanderung sowohl dem wirtschaftlichen Potenzial der USA als auch der langfristigen Dynamik schaden.

Wer in die USA einwandert, ist meist jung, und die meisten Einwanderer bemühen sich sofort um Arbeit. Die meisten Einwanderer sind Hispanics. Sie seien jünger als der Median der US-Bevölkerung, und ihre Partizipationsquote am Arbeitsmarkt sei höher, schreibt das Pew Research Center. Aktuelle Studien zu den Arbeitsmärkten der Industrieländer kommen zu dem Schluss, dass mit der Alterung der Erwerbsbevölkerung auch Produktivität, Dynamik und Unternehmergeist nachlassen. Sorgen macht auch eine mögliche Reform des H-1B-Visumprogramms. Amerikanischen Technologieunternehmen fiele es dann schwerer, im Ausland gut ausgebildete Mitarbeiter zu gewinnen. Bislang ist die US-Demografie aufgrund der bisherigen Einwanderung besser als die Demografie der meisten anderen Industrieländer. Wenn sich die Politik aber drastisch ändert, könnten die USA schon bald ähnlich überaltert sein wie der Euroraum und Japan.

Bedrohter Arbeitsmarkt

Eine restriktivere Aussenhandelspolitik könnte auch dem Wachstum schaden, in den USA wie weltweit. Trump hat Mexiko mit einem 20-prozentigen Importzoll bedroht, vor allem wohl um seinem Wahlversprechen Nachdruck zu verleihen, dass Mexiko die versprochene Grenzmauer bezahlen soll. Im Laufe der Jahrzehnte hat der US-Kongress eine Reihe von Kompetenzen in der Aussenhandelspolitik an die Exekutive abgetreten. Das Kapitol dürfte Trumps Protektionismusplänen daher wohl nicht viel entgegenzusetzen haben, zumindest kurzfristig.

Ein Importzoll hätte grosse Auswirkungen auf die mexikanische Wirtschaft und würde wohl auch multinationalen US-Konzernen mit Fabriken südlich des Rio Grande schaden. Hinzu kommt, dass Mexiko mit 13 Prozent Anteil am Aussenhandel der drittgrösste Handelspartner der USA ist. Wenn US-Zölle auf mexikanische Importe den Warenaustausch zwischen den beiden Ländern deutlich schwächen, könnten hunderttausende von Stellen in beiden Ländern bedroht sein. Ausserdem würden viele Güter in den USA teurer.

Währungs- und Handelskriege werden wahrscheinlicher

Darüber hinaus hat die Trump-Administration China, Japan und Deutschland der Währungsmanipulation bezichtigt. Alle Länder haben sich dagegen verwahrt, wobei China die stärksten Argumente hat. In den letzten 18 Monaten hat das Land fast eine Billion US-Dollar ausgegeben, um den Yuan zu stützen. Japan hat erklärt, die G20-Vereinbarung gegen einen Abwertungswettlauf einzuhalten. Die Geldpolitik habe ausschliesslich binnenwirtschaftliche Gründe; man wolle die Deflation überwinden.

Bundeskanzlerin Merkel liess verlauten, dass die EZB für die Geldpolitik zuständig sei und Deutschland ihre Unabhängigkeit nicht in Frage stellen werde. Die Rhetorik der neuen US-Administration lässt neue Währungskriege wahrscheinlicher werden – Stichwort Beggar-thy-Neighbor. Noch schlimmer wäre ein ausgewachsener Handelskrieg, in dem sich die USA gegen alle anderen Länder stellen.

Unerwartete Konsequenzen

Aufgrund des schwachen Weltwirtschaftswachstums und der recht hohen Verschuldung ist durchaus vorstellbar, dass Handelskriege die Welt wieder in die Rezession treiben oder es vielleicht noch schlimmer kommt. Risikobehaftete Wertpapiere würden dann in Turbulenzen geraten – und das zu einer Zeit, in der die Notenbanken ihr Pulver weitgehend verschossen haben. Es mag zwar nicht sehr zeitgemäss klingen, aber Zölle müssen nicht immer Schaden anrichten. In den ersten 150 Jahren ihrer Geschichte waren die USA sehr protektionistisch, wurden am Ende aber dennoch zu einer Supermacht. Gerade erst haben die asiatischen Tigerländer einen ähnlichen Weg beschritten. Weltweit sind die Zölle zurzeit aber sehr niedrig, sodass ein Richtungswechsel massive Folgen haben kann.

Massnahmen zugunsten eines faireren internationalen Wettbewerbs und neue Ziele in der Einwanderungspolitik sind also nicht zwangsläufig unvernünftig. Dennoch hoffen wir, dass die neue Administration über die möglichen Konsequenzen einer überhasteten Politik nachdenkt. Die rasche Einführung von Zöllen birgt die Gefahr, dass weniger Arbeitskräfte in die USA kommen und weniger Kapital ins Land fliesst – oder dass es gar zu Auswanderung und Kapitalabflüssen kommt. Dabei haben Einwanderer und ausländisches Kapital die USA zu einer der dynamischsten und flexibelsten Volkswirtschaften der entwickelten Welt gemacht.

 

*Erik Weisman, PhD, Chief Economist, MFS Investment Management
 

 

 

 

 

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